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Klinikum Bremen-Mitte : Drei Frühchen durch Keime gestorben

Nach Medienberichten starben drei Frühchen in einer Bremer Klinik Bild: dpa

Am Klinikum Bremen-Mitte gab es einen „schweren hygienischen Zwischenfall“. Säuglinge wurden mit Keinem infiziert, drei Frühchen starben. Die Ursache ist unklar.

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          Drei frühgeborene Säuglinge sind wegen schwerer hygienischer Mängel in der Neugeborenen-Station einer Bremer Klinik gestorben. Insgesamt 15 Säuglinge steckten sich nach Angaben der Klinikleitung seit Ende Juni mit den Darmkeimen an – ihr Blutkreislauf sei geradezu mit Keimen überschwemmt worden. Vier von ihnen seien schwer erkrankt. Die Quelle der Verunreinigung ist noch ungewiss, sie wird frühestens in einigen Tagen durch weitere Laboruntersuchungen geklärt sein. Die Station verhängte am Dienstag eine Aufnahmesperre. Frühchen werden vorerst in der zweiten Intensivstation des Klinikums Bremen-Mitte behandelt. Die Bremer Staatsanwaltschaft ermittelt, wie der Sprecher der Bremer Polizei, Henning Zanetti, bestätigte. Die Staatsanwaltschaft nahm die Ermittlungen auf, nachdem es erste Presseberichte mit Spekulationen über die Ursache der Todesfälle am Dienstagnachmittag gegeben hatte. Staatsanwalt Uwe Picard vernahm am Mittwoch in der Klinik in der östlichen Vorstadt Zeugen.

          Peter-Philipp Schmitt

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Der erste Säugling starb im August, zwei weitere Kinder kamen am 16. und am 27. Oktober zu Tode. Es handelt sich um zwei Jungen und ein Mädchen. Zwei der Kinder stammen aus Bremen, ein Kind kommt aus Niedersachsen. Schon nach dem ersten Todesfall und wiederum nach dem zweiten wurde das Gesundheitsamt Bremen einbezogen. Die Klinik, ihre Einrichtung und das Personal wurden eingehend untersucht, die Quelle der Keime aber wurde nicht gefunden. Zwischenzeitlich glaubte man, die Infektionen in den Griff zu bekommen. Schwere Sorgen kamen auf, als der „absolut identische“ Keim in der zweiten Oktoberhälfte abermals und gehäuft auftrat.

          Am Mittwoch wandte sich die Klinik erstmals an die Öffentlichkeit. Am Nachmittag informierten der Staatsrat (Staatssekretär) beim bremischen Gesundheitssenator, Joachim Schuster, und die Geschäftsführer des Klinikums Bremen-Mitte wie auch des Klinikverbunds über den „schweren hygienischen Vorfall“. Schuster sprach von einem „sehr ernsten Problem“. Gleichzeitig informierte die Gesundheitssenatorin die Abgeordneten in der Bürgerschaft.

          Geschäftsführer Diethelm Hansen: „Wir stehen an einem Punkt, an dem wir noch nicht endgültig wissen, ob wir das Problem im Griff haben“

          Ein Krisenteam des Robert-Koch-Instituts (RKI) aus Berlin ist seit Wochenbeginn im Klinikum, um die Todesfälle zu untersuchen und bei der Suche nach dem offenbar multiresistenten Keim zu helfen. Demnach handelt es sich um ein Enterobakterium der Gattung Klebsiella, das im Magen-Darm-Trakt des Menschen vorkommt. Bereits bei einem Todesfall eines Frühchens Anfang Oktober in Passau konnte dieses Bakterium als Erkrankungs-Ursache festgestellt werden.

          „Wir stehen an einem Punkt, an dem wir noch nicht endgültig wissen, ob wir das Problem im Griff haben“, sagte der Geschäftsführer des Klinikverbunds, Diethelm Hansen, am Mittwochabend. Aus diesem Grund wurde auch das RKI hinzugezogen. Acht bis zehn Mal im Jahr werden Krisenteams des Berliner Instituts angefordert, meist in Fällen, in denen lokale oder regionale Gesundheitsbehörden oder Kliniken in eine Lage geraten, die sie selbst nicht mehr beherrschen können. Das Klinikum Bremen-Mitte hat inzwischen zusätzliche hygienische Maßnahmen ergriffen. Nach einem Hygieneplan des RKI werde versucht, eine weitere Verbreitung der Infektion zu verhindern, sagte Hansen.

          Staatsanwalt Uwe Picard ermittelt

          Der Bremer Fall reiht sich in eine Folge von Zwischenfällen in deutschen Kinderkliniken ein. So kam nicht nur in Passau ein Frühchen in einer Klinik zu Tode. Schon im August 2010 war in der Kinderklinik der Universitätsmedizin Mainz eine verunreinigte Nährlösung an elf schwerstkranke Kinder im Alter von wenigen Wochen bis zu fünf Jahren ausgegeben worden. Mindestens zwei Kinder starben an einer bakteriellen Verunreinigung. Ein drittes Opfer, ein sieben Wochen altes Mädchen, hatte zwar auch die Nährlösung bekommen, allerdings waren die Vorerkrankungen des Kindes nach Ansicht der hinzugezogenen Gutachter so schwerwiegend, dass man jederzeit mit dem Tod rechnen musste. Die Ermittlungen zum Tod der Säuglinge wurden nach knapp einem Jahr eingestellt.

          Das Klinikum Bremen-Mitte ist ein Krankenhaus der Maximalversorgung. Es gehört – wie die drei weiteren Kliniken Bremen-Nord, Bremen-Ost und Links der Weser – dem Klinikverbund Gesundheit Nord an. Das Klinikum, eines der größten Allgemeinkrankenhäuser Deutschlands, erstreckt sich im Stadtteil östliche Vorstadt, Ortsteil Hulsberg, über eine Fläche von 19 Hektar. Insgesamt stehen 964 Betten zur Verfügung.

          Das Klinikum Bremen-Mitte ist eines der größten Allgemeinkrankenhäuser Deutschlands

          Die Zahl der Frühgeburten ist in den vergangenen Jahren immer weiter gestiegen. In Deutschland kommen jährlich mehr als 60.000 Kinder zu früh zur Welt, also vor Vollendung der 37. Schwangerschaftswoche. Damit ist fast jedes zehnte Neugeborene ein sogenanntes Frühchen. Ursächlich dafür ist unter anderem das steigende Alter der Schwangeren, aber auch die Zunahme von Mehrlingsschwangerschaften nach künstlichen Befruchtungen. Eine Schwangerschaft dauert normalerweise 40 Wochen oder 280 Tage nach der letzten Regelblutung. Sind es weniger als 260 Tage, spricht man von einer Frühgeburt. Das Geburtsgewicht liegt meist bei unter 2500 Gramm. Als problematisch gelten Hochrisiko-Frühgeburten, die etwa ein Prozent aller Geburten ausmachen. Darunter versteht man Neugeborene, die mit einem Gewicht von weniger als 1250 Gramm und mehr als zehn Wochen vor dem eigentlichen Geburtstermin auf die Welt kommen.

          Die Frühchen haben je nach Zeitpunkt ihrer Geburt noch nicht ausgereifte Organe. Entscheidend für das Überleben ist meist das Ausmaß der Lungenreife. Aber auch die nicht funktionstüchtigen Nieren können zu Blutvergiftungen führen, weil giftige Substanzen nicht über den Urin ausgeschieden werden können und sich im Körper ansammeln. Häufig sind zudem Hirnblutungen. Aus diesem Grund müssen die Kinder meist über Tage und Wochen intensivmedizinisch betreut werden. Die Mortalität und Morbidität ist hoch. Die Überlebenswahrscheinlichkeit eines frühgeborenen Kindes liegt von der vollendeten 24. Schwangerschaftswoche an bei etwa 60 bis 80 Prozent. Etwa ein Drittel dieser Kinder hat langfristige gesundheitliche Probleme, rund zehn Prozent sind schwer behindert.

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