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Klingonischsprecher : Sagen Sie mal: HoHbe'

  • -Aktualisiert am

Anno 2004: Erwachsene Menschen, als Klingonen verkleidet. Bild: AP

Auf den Filmfestspielen in Cannes wird ein Sprachkurs auf klingonisch angeboten: Nicht von einer Filmfirma, sondern von der seltsamen Subkultur der Klingonischsprecher.

          3 Min.

          Wer keinen Blockbuster im Gepäck hat, muß sich in Cannes etwas einfallen lassen, um im Meer der ungezählten Filme nicht unterzugehen. Seit Tagen schon fährt beispielsweise ein Pick-up mit seltsamer Fracht durch die Stadt: ein unbekleideter Mann, der seine Arme an ein Kreuz lehnt - Werbung für einen Jesusfilm. Andere verteilen Handzettel und sagen gutgelaunte Jahrmarktsprüche wie: "Eine Komödie, echt irischer Humor, kommen Sie, lachen Sie!" Die bizarrste Promotion aber macht eine Handvoll amerikanischer Staatsbürger mit einer Vorliebe für eine außerirdische Volksgruppe.

          Anke Schipp

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Ihre Gründung verdankt die Gruppe Hollywood, genauer: den Klingonen. Das Kriegervolk aus der Filmsaga "Star Trek" - eine Mischung aus Reptil und Mensch, mit wulstiger Stirn und mittelalterlich anmutenden Kleidern - führt längst ein Eigenleben abseits der Leinwand. 1979 hatte die Produktionsfirma Paramount Picture den Linguisten Marc Okrand engagiert, um für den ersten "Star Trek"-Spielfilm eine Klingonen-Sprache zu entwickeln.

          Mitte der achtziger Jahre schuf er eine eigene Grammatik mit komplettem Wortschatz. 2500 Vokabeln gibt es mittlerweile, ein Wörterbuch und das um Sprachpflege bemühte "Klingon Language Institute" (KLI) in Philadelphia. Fans aus 50 Ländern verständigen sich über das Internet in Klingonisch und treffen sich regelmäßig zu Symposien. Die Dokumentation "Earthlings" von Alexandre O. Philippe über die hartgesottensten Fans unter ihnen wird während der Filmfestspiele gezeigt, die noch bis zum Sonntag dauern.

          Wie eine Mischung aus Arabisch, Russisch und Japanisch

          Um die Promotion muß sich Philippe nicht kümmern. Das übernehmen seine Protagonisten. An der Croisette steht Rich Yampell, ein kleiner runder Mann, der sich eine faltige Plastikstirn mit schwarzen Haaren über den Kopf gestülpt hat und ein Kettenhemd trägt. Er singt Lieder mit seltsamen Rachenlauten und bittet die Vorbeigehenden, am Klingonen-Sprachkurs teilzunehmen.

          Geleitet wird dieser von Dr. Lawrence Schoen, der im Seminarraum, unterhalb eines Restaurants, auf potentielle Schüler wartet. Er trägt ein hellblaues Hemd und gehört nicht zu den "Star Trek"-Fans, die das Leben der Klingonen simulieren wollen. Der Psychologe, der am Wedge Medical Center in Philadelphia arbeitet, betrachtet Klingonisch als wissenschaftliches Sujet. Vor zwölf Jahren hat er das KLI gegründet und gibt eine Vierteljahreszeitschrift heraus, die linguistische Details diskutiert. In Cannes will er so vielen Menschen wie möglich die "Schönheit der Sprache" zeigen: Sie klingt wie eine komprimierte Mischung aus Arabisch, Russisch und Japanisch.

          "Wenn man nicht spuckt beim Sprechen, hat man etwas falsch gemacht"

          "In einer Stunde kennen sie 60 Prozent der Sprache", sagt Schoen. Mehr als ein Dutzend Lerneifrige sind gekommen. "Sprechen Sie mir nach: HoHrup". Dahinter verbirgt sich ein ganzer Satz: "Er ist bereit, zu töten." Das Wort "HoHbe'" dagegen heißt: "Er tötet nicht." Klingonisch ist eine Sprache der kleinen Häppchen, sie besteht aus Stammwörtern, an die Suffixe und Präfixe gehängt werden, um ein Wort zu spezifizieren. Heraus kommen nicht selten Bandwurmkonstruktionen.

          Die Schüler repetieren fleißig. Spaniern und Deutschen fällt es leicht. Es gibt viele Rachenlaute und kurze Töne, die an Comicsprache erinnern. Feucht wird es auch. "Wenn man nicht spuckt beim Sprechen, hat man etwas falsch gemacht", sagt Schoen. Die Silbe "g" hört sich an wie "k", "H" wie "ch", "gh", als gurgele man. Das Apostroph ist eine Art Rülpser.

          Verrückte?

          Drei amerikanische Touristen verlassen den Kurs vorzeitig. Später wird Schoen klagen, daß Amerikaner wenig für fremde Sprachen übrig haben, aber das sei die Chance des Klingonischen: "Die Sprache ist zwar seltsam, aber sie ist leicht zu lernen." Gibt es Menschen, die ihn für verrückt halten? "Natürlich, aber wie viele Männer sind Baseball-Fans, die jede einzelne Regel und jedes Ergebnis ihrer Lieblingsmannschaft in den vergangenen zehn Jahren kennen? Das ist auch eine unnütze Beschäftigung, aber ein Thema, in das man sich vertiefen kann."

          Rich Yampell, der sich "Captain Krankor" nennt, ist im Alltag Programmierer. In der Szene ist er ein kleiner Star, denn er hat die klingonische Nationalhymne "taHaj" komponiert. "Ein großer Hit", sagt er stolz. Wenn Rich an den Seminaren des KLI teilnimmt, weigert er sich, etwas anderes als Klingonisch zu sprechen, auch abends im Restaurant. Manchmal übersetzt jemand, manchmal nicht. "Manchmal fehlen uns aber auch im Klingonischen die Worte, ich wußte lange keines für ,root beer'. Schließlich habe ich einfach mal ,awje' dazu gesagt." Mittlerweile ist es im Vierteljahresheft des KLI als das korrekte Wort für "root beer" verbrieft.

          Schmaler Grat zwischen Realität und Fiktion

          Eine andere Klingonin, die als Kriegerin verkleidet munter die Croisette entlangläuft, trägt am anderen Tag ein braves Kostüm und schaut schüchtern auf den Boden. "Ja, vielleicht ist es so, daß einige das Klingonische nutzen, um aus sich herauszugehen", bestätigt Schoen. "Die Klingonen sind ein Volk, das sehr direkt ist. Sie sagen niemals ,Hallo, wie geht es dir?' Lieber kommen sie gleich zur Sache und stellen ihre Forderungen. Deshalb identifizieren sich viele damit." Doch Leidenschaft kann auch zum Wahn werden. "Es gib einen schmalen Grat zwischen Realität und Fiktion", sagt Regisseur Philippe.

          Manche Fans unterwerfen ihr ganzes Leben dem von Hollywood erfundenen Lebensstil. Dr. D'Armond Speers etwa, promovierter Linguist, berichtet in Philippes Dokumentarfilm ruhig und ernsthaft, wie er mit seinem Sohn bis zu dessen drittem Lebensjahr ausschließlich Klingonisch sprach. "Als ich ihn einmal in Klingonisch fragte, wo die Babyflasche sei, und er danach griff - das war ein wundervoller Moment." Am Ende des Sprachkurses wird höflich applaudiert. "Vielen Dank", sagt Schoen und bemerkt ganz nebenbei: "Klingonen hätten das übrigens nicht gemacht. Die wären einfach gegangen."

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