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Neue Berechnungen : Wie weggeworfene Lebensmittel dem Klima schaden

931 Millionen Tonnen an Lebensmittel landen jährlich im Müll. Bild: Patrick Slesiona

Etwa 40 Prozent aller produzierten Lebensmittel ­werden laut einer Studie nicht gegessen, sondern weg­geworfen. Das schadet dem Klima. Lösungsansätze gibt es – doch am Ende wird es auf die Verbraucher ankommen.

          4 Min.

          29,5 Tonnen: So viele Lebensmittel werden auf der Welt pro Sekunde weggeworfen – das ist ungefähr das Gewicht fünf aus­gewachsener afrikanischer Elefanten. Zu diesem alarmierenden Ergebnis kommt der in diesem Jahr veröffentlichte Food Waste Report Index der Vereinten Nationen (UN), der auf Zahlen von 2019 basiert. Jährlich sind das 931 Millionen Tonnen, die daheim, im Lebensmitteleinzelhandel und in der Gastronomie weggeworfen werden. Doch das ist längst nicht alles: Eine Studie der Umweltorganisation WWF kommt zu dem Schluss, dass pro Jahr weltweit 1,2 Milliarden Tonnen schon in der Landwirtschaft verloren gehen, bevor daraus überhaupt ein Produkt entstanden ist. Etwa 40 Prozent aller produzierten Lebensmittel landen demnach im Abfall.

          David Lindenfeld
          Volontär.

          Wie wirkt sich diese Verschwendung auf das Klima aus? Dazu haben Forscher mit einer in der Fachzeitschrift Nature Food veröffentlichten Datenbank zum Treibhausgasausstoß der globalen Lebensmittelindustrie erstmals Zahlen vorgelegt. Sie zeigen, dass das Ernährungssystem mit den Prozessen rund um die Herstellung, den Verkauf und den Verzehr eines Produkts 2015 für ein Drittel der menschen­gemachten Treibhausgasemissionen verantwortlich war. Da laut Food Waste Report Index ein Drittel aller Lebens­mittel weggeworfen werden, sind die für die ­Tonne produzierten Waren für acht bis zehn Prozent der Treibhausgasemissionen verantwortlich, rechnet die UN vor.

          In Deutschland hat das Johann Heinrich von Thünen-Institut im Auftrag des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) erstmals eine Gesamtbilanz mit allen Lebensmittel­abfällen von der Erzeugung bis zum Verbrauch vorgelegt. Demnach werfen die Deutschen zwölf Millionen Tonnen Lebensmittel im Jahr weg. Das Thünen-Institut hält sieben Millionen Tonnen davon für vermeidbar.

          Mit Vorsicht zu genießen

          All diese Zahlen sind mit Vorsicht zu genießen: An vielen Stellen handelt es sich um Hochrechnungen und Schätzungen mit mal engeren, mal weiteren Verschwendungs-Definitionen. Noch gibt es nicht viele Studien zu diesem Thema, Vergleichswerte fehlen. Aber klar ist: Man könnte viele Treibhausgas­emis­sionen einsparen. Aufgrund der neuen Zahlen erhält die Debatte nun mehr Aufmerksamkeit beim Kampf gegen die Erderwärmung. Eine Stiftung von Amazon-Gründer Jeff Bezos spendete im Rahmen der Weltklimakonferenz in Glasgow zwei Milliarden Dollar, eine Milliarde für das Pflanzen von Bäumen, die andere für die Transformation landwirtschaftlicher Systeme, um höhere Ernteerträge zu erzielen und die Lebensmittelverschwendung zu reduzieren. In Glasgow soll am Freitag und Samstag auch das globale Ernährungssystem Thema sein, wenn über Naturschutz und nachhaltige Landnutzung gesprochen wird. Laut UN sind Möglichkeiten zur Verringerung der Lebens­mittelverschwendung ­bisher größtenteils „ungenutzt geblieben“.

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          Das Problem ist nicht nur eines der ­westlichen Wohlstandsgesellschaften. Der Food Waste Report Index, der unterschiedliche Einzelstudien heranzieht, gibt zum Beispiel an, dass in Deutschland pro Kopf im Jahr 75 Kilogramm in Privathaushalten weg­geworfen werden. In Ghana (84 Kilogramm), Kenia (99) und im Libanon (105) sind es deutlich mehr. „Das liegt auch daran, dass es in solchen Ländern oft schlechtere Lagerungsmöglichkeiten gibt“, sagt Felicitas Schneider vom Thünen-Institut, die als Autorin an der Studie für das BMEL mitgewirkt hat. Und die Ess­gewohnheiten unterscheiden sich von denen der Westeuropäer. Nichtsdestotrotz: Die Lebensmittelverschwendung ist ein globales Problem, keineswegs nur eines der hoch entwickelten Industrienationen.

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