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Klima : Spielt das Wetter - oder spielen die Menschen verrückt?

Bild: F.A.Z.

Meteorologen sind vorsichtig. Einen Klimawandel sehen sie nicht, die Meßungen lassen dies noch nicht zweifelsfrei blegen. Und doch: Deutschland wird zusehends mediterraner.

          6 Min.

          Einfach genießen geht nicht mehr. Man redet auch nicht mehr beiläufig vom Hochsommer oder der Hitze. Von der Welle, der Hitzewelle spricht man in diesen Tagen, und man klagt. Einmal davon abgesehen, daß es in der Tat eine ganze Reihe Menschen gibt, Landwirte etwa oder Förster, die wirklich Grund zur Klage haben, redet man sich doch ziemlich unnötig die Köpfe heiß.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Das meinen jedenfalls die, die es wissen sollten. Die kalte Dusche vom Deutschen Wetterdienst hört sich so an: "Hitzewelle? (Der Meteorologe lacht.) O wei! Wir haben es mit einer Phase erhöhter Temperatur zu tun." Wissenschaftliche Prosa hat ihre eigene Poesie, die der Antidramatik. Jedenfalls kann man Dr. Volker Vent-Schmidt, Leiter der Abteilung Klima und Umwelt des Wetterdienstes, nicht den kleinsten Hang zur Übertreibung vorwerfen. Aber ein ungutes Gefühl bleibt. Haben die Hüter des Wetterdatenschatzes in Offenbach nicht vor kurzem noch mit erhobenem Zeigefinger auf den Hitzerekordmonat Juni gezeigt?

          Donnerwetter

          Heißester Juni seit 1901

          Wenden wir uns also den Fakten zu. Seit dem Jahr 1901, so klärten uns die Wetterdienst-Meteorologen auf, habe die Tagesmitteltemperatur in einem Monat Juni bundesweit nicht mehr über 19 Grad gelegen. Der vergangene Monat hat es auf 19,1 Grad gebracht - dreieinhalb Grad über dem langjährigen Mittel! 240 Stunden hat die Sonne über Deutschland gelacht, ein Viertel mehr als üblich. Der Juni hat schon die Schallmauer zum Hochsommer durchbrochen, und der angebrochene Juli ist dem Rekordmonat dicht auf den Fersen. Keine Schafskälte in diesem Jahr, nicht der Hauch eines Kälteeinbruchs: Das ist es, was die Meteorologen überrascht.

          Klima oder Wetter?

          Die eigentliche Frage aber ist keine Frage des Wetters, sondern eine des Klimas. Denn daß die anhaltende katastrophale Trockenheit in Italien, die Flächenbrände in Südfrankreich und die dramatischen Getreideernteverluste auch hierzulande nicht etwa Folgen eines einmaligen meteorologischen Ausreißers über Europa sein können, da scheint sich die Nation ziemlich sicher zu sein. Vergangenes Jahr die Flut, dieses Jahr die Dürre. Nicht das Wetter spielt verrückt, das Klima tut es. Haben wir es also mit einem längerfristigen, grundsätzlichen Dilemma zu tun?

          Die Suche nach einer Antwort treibt immer mehr Bürger auf die Internetseiten und via Telefon in die Stuben der Wetterexperten. Der Deutsche Wetterdienst hat deshalb seine Aktivitäten in Sachen Klimawandel verstärkt und mittlerweile online ein "Klimainformationssystem" für die Öffentlichkeit eingerichtet. Ob der Zuckerrübenbauer, der um seine Ernte fürchtet und sich von den Wetteranalysten am liebsten übermenschliche Wettermacherqualitäten wünscht, oder der Binnenschiffer, der sorgenvoll den fallenden Flußpegel beobachtet, "es kommen immer mehr Anfragen von solchen Leuten zum Klimawandel", sagt Vent-Schmidt.

          Klimatologischer Umbruch

          Ein Hauch von Epochenwandel liegt in der Luft. Und in der Tat werden wir zur Zeit offenbar Zeuge eines klimatologischen Umbruchs. Doch nicht die aktuelle Hitze, hakt der Wettermann sofort ein, legt Zeugnis von der Erwärmung des Klimas ab: Das tun allein die Zahlenreihen, die von den Archivaren des Wetterdienstes verwaltet werden. Um 0,3 Grad zum Beispiel, heißt es in einer der jüngsten Bilanzen, ist die Tagesmitteltemperatur in Deutschland in den vergangenen zehn Jahren gestiegen. Als Vergleichsmaßstab dient international der Durchschnittswert aus den Jahren von 1961 bis 1990.

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