https://www.faz.net/-gum-6pxmy

Kirche : Ein Fall für den Richter, nicht für den Bischof

  • Aktualisiert am

Die katholische Kirche bricht ihr eigenes Tabu und diskutiert Fälle von Kindesmissbrauch durch Priester. Doch wird jetzt alles besser? Ein Interview.

          Missbrauchs-Skandal in der katholischen Kirche der USA, immer mehr bekannt werdende Pädophilie-Fälle durch Geistliche auch in Europa, Krisengipfel im Vatikan: Die Kirchenführungen kommen nicht mehr umhin, das Tabuthema zu diskutieren - unter öffentlicher Beachtung. Auch die deutschen Bischöfe haben sich am Montag damit befasst.

          Zu einem national einheitlichen verschärften Vorgehen gegen das drängende Problem konnte sich der Ständige Rat der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) auf seiner Tagung in Würzburg jedoch nicht durchringen. „Es handelt sich nicht um die Spitze eines Eisbergs“, stellte der Vorsitzende der Bischofskonferenz, Kardinal Karl Lehmann vielmehr fest. Eine Kommission solle sich mit dem Thema befassen. Versucht die Kirche weiterhin, das Thema zu tabuisieren? FAZ.NET sprach mit Annegret Laakmann, Referentin der deutschen Sektion der internationalen Kirchenreformbewegung „Wir sind Kirche“.

          Wie bewerten Sie das Ergebnis der Missbrauchs-Diskussion der deutschen Bischöfe?

          Man hätte sich die Sitzung am Montag sparen können. Was die interne Kirchenkommission überlegen soll, das ist vor Jahren bereits im Zusammenhang mit den grundlegenden Überlegungen zur Homosexualität in der Kirche erörtert worden.

          Beim Kampf gegen den Kindesmissbrauch könnte die Kirche mit einer breiten Unterstützung in der Gesellschaft rechnen. Warum geht sie das Thema nicht offensiver an?

          Ich glaube, die Kirche will das Problem herunterspielen; aus der Angst heraus, dass vieles ans Licht kommt, was bisher unter der Hand bearbeitet worden ist. Ich weiß beispielsweise von einem Einzelfall, der zwar aufgedeckt, aber nie publik geworden ist. Es wurden auch Konsequenzen gezogen - der Priester wurde versetzt, aber auch derjenige, der den Fall aufgedeckt hat -, aber es ist nie herausgekommen, was wirklich passiert ist.

          Welches Vorgehen fordern Sie von der Kirche?

          Man müsste unabhängige Stellen schaffen, die nicht bei den Ordinariaten oder den Bischöfen selbst angesiedelt sind; die als Beratungsstellen offen wären für die Opfer und für diejenigen, denen etwas aufgefallen ist. Dies, damit es eine Stelle gibt, an die sich betroffene Kinder oder Jugendliche wenden können, um einfach einmal sagen zu können, was passiert ist. So könnte die Angst genommen werden, sich zu offenbaren oder etwas zu tun, das Folgen für die Person hätte. Denn das ist die Angst, mit der Menschen arbeiten, die Kinder missbrauchen, dass sie sagen: „Wenn du mich verrätst, dann passiert dir was!“ Da müsste die Kirche offensiver sein und gezielt Beratung für missbrauchte Kinder anbieten.

          In diese Richtung geht die Ombudsstelle, die Ihre Organisation bei den Bischöfen eingefordert hat. Wäre auch eine ähnliche Stelle für Täter und potentielle Täter sinnvoll?

          Ich bin in dieser Frage mehr bei den Opfern. Es ist wichtig, die potientiellen Opfer zu stärken, beispielsweise Kindern klar zu machen, dass sie nicht dulden müssen, was sie nicht wollen. Auch da ist die Kirche gefragt, dass sie bereits in den Kindergärten auf diese Stärkung hinarbeitet. Man muss auch den Eltern klar machen, dass ein Priester kein Tabumann ist, gegen den man wegen seiner guten Stellung in der Gemeinde nichts sagt.

          Dieser Ansatz beschäftigt sich vor allem damit, die Folgen des Missbrauchs zu verarbeiten ...

          Nein, es ist schon eine Prävention, Kinder zu stärken, ihnen zu sagen: „Lasst euch das nicht gefallen!“ So geht man auch bei der Beratung von Mädchen und Frauen vor, dass man ihnen klar macht, wenn ihr euch wehrt, wenn ihr stark seid, dann passiert euch nichts. Klar zu sagen, was man nicht will, ist schon ein großer Schritt.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Länger leben : Kerle, macht’s wie die Frauen

          Von der Gleichstellung der Geschlechter profitieren auch Männer – sie sind gesünder und leben länger. Die regionalen Unterschiede, die in einer Studie sichtbar werden, überraschen.
          Viele Fragen an den Präsidenten in der Whistleblower-Affäre: Donald Trump beantwortet Reporterfragen vor dem Weißen Haus.

          Telefonat mit Selenskyj : Trumps Erpressung

          Für Donald Trump ist das Telefonat mit dem ukrainischen Präsidenten nicht verwerflich. Er sieht nichts Schlimmes darin, seine Macht zu nutzen, um politischen Konkurrenten wie Joe Biden zu schaden. Dabei beginnt der Skandal schon an anderer Stelle.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.