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Kirche : „Ein endloser Skandal“

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Angetreten: Amerikas Kardinäle im Vatikan Bild: AP

Im Vatikan fallen harsche Worte. Die Größe der aktuellen Skandale um Kindesmissbrauch durch Priester lässt Rom alle bisherige Zurückhaltung vergessen.

          Papst Johannes Paul II. hat zum Auftakt zweitägiger Beratungen mit den US-Kardinälen über den Kindesmissbrauch-Skandal in der katholischen Kirche der USA am Dienstag in Rom von einem „Zeichen einer Krise, die Kirche und Gesellschaft betrifft“ gesprochen. Im Vatikan geht offenbar die Angst um, dass es sich bei den bekannt gewordenen Skandalen bloß um die Spitze des Eisbergs handelt. „Wir haben es mit einem endlosen Skandal zu tun, der sich wie ein Krebsgeschwür in der Gesellschaft und leider auch in der Kirche eingenistet hat“, lautet die schonungslose Diagnose des italienischen Kardinals Ersilio Tonini.

          Mit seinen 86 Jahren gehört der Purpurträger zu jenen Kirchenmännern, die kein Blatt vor dem Mund mehr zu nehmen brauchen. „Auch die italienische Kirche darf nicht so tun, als ginge sie das alles nichts an“, warnte Tonini am Dienstag in einem Interview der Tageszeitung „La Repubblica“ vor einer Unterschätzung des Pädophilen-Problems. Die aus dem Vatikan dringende Krisenstimmung steht auch im Gegensatz zum Standpunkt der deutschen Bischöfe. Der Mainzer Kardinal Karl Lehmann, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, hatte am Montag nach einer Tagung des Ständigen Rates der Konferenz noch die Überzeugung geäußert, es handele sich „nicht um die Spitze des Eisberges“.

          Johannes Paul II. verurteilte dagegen die Handlungen pädophiler Priester als kriminell und stellte fest: „Die Menschen müssen wissen, dass es in der Kirche und im religiösen Leben keinen Platz für diejenigen gibt, die jungen Menschen Schaden zufügen, sagte er während des Krisengipfels. Er bekundete seine Trauer und Solidarität mit den Opfern und äußerte die Hoffnung, dass der Umgang mit der aktuellen Krise zur „Reinigung“ der katholischen Kirche führen könne.

          Weitreichende Beschlüsse werden erwartet

          Wie ernst der Vatikan die Lage beurteilt, wird auch bei einem Blick auf die Teilnehmerliste des am Dienstag in Rom begonnenen Krisengipfels klar. Neben den 13 amerikanischen Geistlichen nimmt auch die Spitze der römischen Kurie an dem Treffen teil. Das ließ Vermutungen aufkommen, dass der Gipfel am Mittwoch nicht ohne Aufsehen erregende Beschlüsse zu Ende gehen wird. Bereits am Dienstag sagte der Vorsitzende der amerikanischen Bischofskonferenz, Wilton Daniel Gregory, dass dafür gesorgt werden müsse, dass „die katholische Priesterschaft von homosexuellen Männern dominiert wird.“

          Im Mittelpunkt der Kritik steht der Kardinal von Boston, Francis Bernard Law. Er muss in Rom zu den schweren Vorwürfen gegen ihn Rede und Antwort stehen. Law soll viel zu lange bei Fällen von Kindesmissbrauch durch Priester seiner Diözese keine Maßnahmen ergriffen haben und pädophile Priester einfach in andere, ahnungslose Pfarreien versetzt haben. US-Medien haben deshalb bereits auf einen Rücktritt Laws spekuliert. Doch der 70-Jährige hielt sich tatsächlich nur an die bisher übliche Vorgangsweise der Kirche in derartigen Fällen. Der Vatikan wollte nicht mit Sexskandalen belästigt werden und ließ die Diözesen mit Fällen von Priestern, die sich an Kindern vergingen, allein.

          USA: Diskussion um Zölibat

          Die Kirchenführung blieb zunächst auch untätig, als vor sieben Jahren der damalige Wiener Kardinal Hans Hermann Groer beschuldigt wurde, in den 70er-Jahren einen Jungen sexuell missbraucht zu haben. Die Folgen waren verheerend: Viele Menschen traten aus der Kirche aus, engagierte Katholiken gründeten die Initiative „Wir sind Kirche“, die in einem Kirchenvolksbegehren weit reichende innerkirchliche Reformen fordert.

          Genau diese innerkirchlichen Folgen der Sexskandale lassen im Vatikan die Alarmglocken läuten. So fordern in den USA immer mehr Gläubige ein Ende des Pflichtzölibats für Priester. Auch Bischöfe verlangen zunehmend, auch verheiratete Männer zum Priesteramt zuzulassen. Doch Johannes Paul II. ist das Zölibat heilig. Erst am vergangenen Samstag hat er bei einem Empfang für nigerianische Bischöfe betont, dass am Zölibat nicht zu rütteln ist.

          Verräter an der Kirche

          Der Papst will einzig durch härteres Vorgehen gegen straffällig gewordene Priester die Skandale bekämpfen. Bereits im Januar hatte er angeordnet, alle derartigen Fälle umgehend nach Rom zu melden. In seinem Gründonnerstagsbrief beschuldigte er pädophile Priester als Verräter an der Kirche. Jetzt wird erwartet, dass die Kirche Folgerungen zieht. So soll ein Vorschlag lauten, beschuldigte Priester in den Laienstand zu versetzen und mit den Justizbehörden bei der Aufklärung der Fälle mitzuarbeiten. Die katholische Kirche in den USA hat bereits eingewilligt, Entschädigungszahlungen an die Missbrauchsopfer zu leisten.

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