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Kirche : Bischöfe: Keine schärferen Sanktionen bei Missbrauchsfällen

  • Aktualisiert am

Kardinal Lehmann: „Keine Spitze des Eisbergs” Bild: AP

Sexuelle Verfehlungen von Priestern sind in der katholischen Kirche kein Tabuthema mehr. Die deutschen Bischöfe konnten sich aber nicht zu einheitlichen Sanktionen durchringen.

          Trotz mehrerer aktueller Missbrauchs-Skandale in der katholischen Kirche zahlreicher Länder konnten sich die deutschen Bischöfe am Montag nicht auf einen national einheitlichen, schärferen kirchenrechtlichen Sanktionskatalog bei Fällen sexueller Verfehlungen von Geistlichen einigen. Dies teilte ein Sprecher am Ende der Beratungen des Ständigen Rates der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) am Montag in Würzburg mit. Der DBK-Vorsitzende Kardinal Karl Lehmann (Mainz) betonte, gemeinsame Linie sei jedoch, dass ein pädophiler Priester nicht in der Seelsorge tätig bleiben könne.

          Somit wird die Verfolgung und Behandlung von Missbrauchsfällen vor allem gegen Kinder in der Kirche auch künftig weitgehend diskret in den einzelnen Diözesen geregelt werden. Mit dem Hinweis auf diese Bestimmungen hatte sich die Bischofskonferenz bisher lediglich zurückhaltend zu der Thematik geäußert. Die Kommission für geistliche Berufe und kirchliche Dienste soll nun Kriterien zur Beurteilung von Pädophilie erarbeiten, kündigte Lehmann an. Über die Entstehung dieser sexuellen Neigung sei zu wenig bekannt.

          „Nicht die Spitze eines Eisberges“

          „Wir wollen nichts vertuschen, aber es handelt sich auch nicht um die Spitze eines Eisberges“, fasste der Mainzer Kardinal die Auffassung der deutschen Kirchenführer am Ende der Tagung im Würzburger Kloster Himmelpforten zusammen. Auch weiterhin werde sich die Kirche in Verdachtsfällen eigene Untersuchungen, die staatsanwaltlichen Ermittlungen vorangingen, vorbehalten. Lehmann sprach sich dafür aus, Priesteramtskandidaten künftig stärker auf eventuelle Neigungen hin zu überprüfen. In Fällen, in denen sich ein Verdacht gegen einen Priester bestätige, reiche entgegen bisherigen Vorgehens eine bloße Versetzung als Strafe nicht mehr aus.

          Den Grund für die zuletzt besonders häufig bekannt gewordenen Verfehlungen von katholischen Geistlichen will Kardinal Lehmann nicht im Zölibat sehen. „Das geschieht in allen gesellschaftlichen Bereichen“, betonte er.

          Forderung nach Ombudsstelle

          Die internationale Kirchen-Volks-Bewegung „Wir sind Kirche“, hervorgegangen aus dem „KirchenVolksBegehren“ im Jahr 1995, forderte die Bischöfe am Montag noch während der Beratungen in Würzburg zur Einrichtung einer Ombudsstelle für durch Priester und Ordensleute sexuell missbrauchte Menschen auf. „Die Unabhängigkeit dieser Stelle ist uns besonders wichtig“, betonte „Wir-sind-Kirche“-Sprecher Christian Weisner gegenüber FAZ.NET. Nur durch eine personell wie organisatorisch von den bischöflichen Ordinariaten unabhängige Beratung könne eine vertrauenswürdige Beratung und Hilfestellung für die Opfer gewährleistet werden.

          Die katholische Kirche müsse sich zudem um ihrer eigenen Glaubwürdigkeit willen für eine vorbehaltlose Aufklärung aller Verdachtsfälle einsetzen, heißt es in einer Erklärung der Organisation, die sich für Reformen in der katholischen Kirche einsetzt. Dazu gehört auch die Forderung nach einer insgesamt positiven Bewertung der menschlichen Sexualität.

          Papst nimmt am Krisengipfel teil

          Wie sehr das bisherige Tabuthema in der Kirche auf der Tagesordnung steht, zeigt der Umstand, dass Papst Johannes Paul II. trotz seiner stark angeschlagenen Gesundheit persönlich am Krisengipfel mit den amerikanischen Kardinälen und der Führungsspitze der US-Bischöfe teilnehmen wird. Für Dienstag und Mittwoch ist ein Sitzungsmarathon von zwölf Stunden zur Erörterung des Themas im Vatikan anberaumt worden. Der Papst hatte die Führer der katholischen Kirche in den USA nach Rom zitiert, um „die Probleme zu untersuchen, die sich in der US-Kirche als Folge von Skandalen in Verbindung mit der Pädophilie entwickelt haben“, heißt in einer Mitteilung des Vatikan.

          Klare Handlungsanweisungen zur Vorbeugung von und im Umgang mit Missbrauchsfällen werden von dem Gipfel ebenso erwartet wie eine Diskussion um den Zölibat sowie personelle Konsequenzen in der amerikanischen Kirche. Nach Informationen der „Los Angeles Times“ soll der Papst während des Gipfels gebeten werden, den Kardinal von Boston, Bernhard Law, von seinem Amt abzuberufen. Law wird vorgeworfen, Missbrauchsfälle in seinem Zuständigkeitsbereiche nicht streng genug verfolgt zu haben.

          Irische Bischöfe diskutieren

          Auch im irischen Maynooth sind sexuelle Verfehlungen von Geistlichen derzeit Gegenstand einer Tagung der Bischöfe des Landes. Angesichts aktueller Fälle steht der Missbrauch Jugendlicher durch Priester dabei im Vordergrund. Es wird erwartet, dass die Vollmacht des kirchlichen Büros für den Schutz von Kindern ausgeweitet werden wird. Zum Abschluss ihrer Tagung wollen die irischen Bischöfe am Dienstag eine Stellungnahme abgeben. Weitere Missbrauchsfälle durch Geistliche waren zuletzt auch aus Polen, Frankreich, Mexiko und Kanada gemeldet worden.

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