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Kino in Afrika : Titanic auf Swahili

  • -Aktualisiert am

Captain Mukandala, Filmkommentator in Tansania Bild: Gross

Weil in Tansania kaum jemand Hollywoodfilme verstehen kann und sich eine Synchronisation meist nicht lohnt, machen erst Film-Kommentatoren das Kinoerlebnis komplett: Für ein paar Euro erklären und übersetzen sie jede Szene und jeden Dialog.

          Ein kleines Zimmer in einem Vorort von Daressalam. Ein Bett, an der Wand eine Weltkarte, ein surrender Ventilator. Links Arbeitswerkzeug: auf Rollen gespielte VHS-Bänder, Klebestreifen, ein Fernsehgerät, neun VHS-Rekorder, ein DVD-Player, ein Tonmischgerät und ein Mikrofon. Auf dem Bett ein Mann Ende fünfzig, neben ihm ein Notizbuch. Er setzt seinen Cowboyhut auf, testet das Mikrofon, das Play-Zeichen des DVD-Spielers leuchtet. Es kann losgehen.

          Der Film läuft, und Captain Mukandala fängt mit der Arbeit an. „Wapenzi watazamaji ndugu zangu wapendwa“: „Sehr geehrte Zuschauer, meine lieben Gäste, die Lufufu-Videothek in Daressalam bringt euch jetzt einen neuen interessanten Film, einen Film, mit einer wahren Geschichte: Titanic.“ Jetzt läuft aber nicht nur der Film. Jetzt werden die Bilder mit Kommentaren überblendet, die das ferne Hollywood den ostafrikanischen Zuschauern nahebringen sollen. Mukandala erzählt den Film und fügt dem Originalton auf einer neuen Tonspur seinen Kommentar hinzu. Dann wird die Masterkassette für den Verkauf kopiert.

          Vom pensionierten Marineoffizier zum Filmerzähler

          Hollywoodfilme liebt man in Tansania, aber man versteht sie oft nicht. 127 Sprachen werden in dem ostafrikanischen Land gesprochen. Aber nicht einmal alle verstehen die Nationalsprache Swahili, zu schweigen von Englisch. Die Filme bloß zu synchronisieren hilft auch wegen des kulturellen Abstands zu Amerika nicht. Und den Filmerzählern – wie Captain Mukandala, dem pensionierten Marineoffizier, und den rund zehn weiteren Filmerzählern in der tansanischen Hauptstadt – wäre eine einfache Übertragung auch viel zu wenig. Sie wollen selbst erzählen.

          80 begeisterte Zuschauer in der Hütte: Vor allem Kinder lieben das Filme-Kommentieren

          „Den Anteil der Filmimporte vor allem aus Amerika, Indien und China am tansanischen Filmmarkt schätze ich auf 40 bis 50 Prozent“, sagt Claudia Böhme, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Ethnologie und Afrikastudien der Universität Mainz. Sie sitzt an einer Dissertation über swahilisprachige Filmproduktionen und stand schon selbst als Schauspielerin in tansanischen Filmen vor der Kamera. Seit der Etablierung der tansanischen Videofilmindustrie im Jahr 2003 wachse aber auch die Zahl örtlicher Produktionen. In Videotheken seien diese Filme sogar noch beliebter als die ausländischen.

          Die meisten Filmerzähler können von ihrer Arbeit nur schlecht leben. Der Lohn liegt bei 2,50 bis fünf Euro pro übersetztem Film. Die Distributoren streichen durch den Verkauf den Hauptgewinn ein. Von zehn Filmkommentatoren in Daressalam haben es nur zwei in die Selbstständigkeit geschafft, Captain Mukandala ist einer von ihnen. Er produziert und verkauft die übersetzten Filme in seiner eigenen Videothek. Tansania hat eine große Tradition mündlichen Erzählens. „Wir kommentieren den Film so, wie es die Leute auf der Straße machen würden“, sagt Filmerzähler Juma Khan. Und sie werden berühmt. „Wenn ich meinen Hut aufziehe und durch die Straßen laufe“, sagt Captain Mukandala, „erkennen mich die Leute.“

          „Was wir von diesem Film lernen können“

          Auf dem Bildschirm im kleinen Arbeitszimmer Mukandalas tanzen Jack (Leonardo DiCaprio) und Rose (Kate Winslet) ausgelassen. Der pensionierte Marineoffizier kommentiert die Szene: „Was wir von diesem Film lernen können, meine lieben Zuschauer: Auch wenn du reich bist, kannst du dich in einen armen Menschen verlieben. Vergiss nicht: Im Schlaf sind wir alle gleich.“ Jeder Film habe eine Botschaft, sagt Captain Mukandala. Das Publikum zu unterrichten und zu bilden, das sei die Aufgabe des Filmerzählers. Das Fernsehgerät flimmert, Captain Mukandala spricht ununterbrochen seinen Kommentar. Nach drei Stunden ist die Arbeit getan. Er bedankt sich bei den Schauspielern für die gute Leistung, bei den Zuschauern fürs Zuhören und ruft zum Schluss seinen Künstlernamen: „Lufufuuu“.

          Eine Stunde Busfahrt, ein anderer Vorort von Daressalam. Aus einer Wellblechhütte tönt die Stimme von DJ Mark: „Darf ich mich vorstellen, ich bin DJ Mark. Man nennt mich auch starker Bulle aus Zabanga oder einfach Kampfhahn.“ Der junge Mann, Jeans, T-Shirt, Baseballkappe, sitzt auf einer Holzbank vor dem Fernsehgerät hinten an der Hüttenwand. Er hält in der einen Hand das Mikrofon, die andere regelt den Tonmischer. Auf dem Bildschirm lehnt Jack (Leonardo DiCaprio) vorn an der Reling: „Ich bin der König der Welt, juhuu!“ Über die Originaltonspur rückt jetzt DJ Marks Stimme in den Vordergrund: „Der Mann, den wir hier sehen, schreit laut und sagt, dass er Amerika schon sehen kann. Er fährt nach Amerika! Jetzt lehnt er sich nach vorn und fühlt sich, als würde er übers Meer fliegen.“

          80 gebannte Zuschauer in der Hütte

          Die 80 gebannten Zuschauer auf dem Boden der Hütte, unter ihnen viele Kinder, lieben diese aufgesprochenen Kommentare. Und Filme kommentieren wie zu Stummfilmzeiten – das kann DJ Mark. Er versteht zwar nicht jedes englische Wort. Aber das ist auch gar nicht nötig. Er kann sich einfühlen in die Bilder und die Musik. Jetzt ist der glanzvolle Speisesaal der Titanic zu sehen. „Meine Zuschauer, da ist kein Schmutz zu finden“, so klingt Marks Kommentar aus den beiden Boxen. „Da kannst du sogar den Boden ablecken, ohne krank zu werden.“

          „Stundenlang live zu kommentieren, das ist anstrengend“, sagt Mark. „Vor jedem Auftritt bin ich nervös.“ Nur mit Live-Auftritten kann er bekannt werden, kann er soviel verdienen, dass er sich vielleicht selbständig machen kann. Er ist sich nicht sicher, ob er es schafft. „Wenn ich eine besser bezahlte Arbeit finde, wechsele ich sofort.“ Populär wie Captain Mukandala ist er noch nicht, aber immerhin kennen die Leute in seinem Viertel ihn schon, vor allem die jungen – weil er die mit Sprüchen gespickte Swahili-Jugendsprache beherrscht. „Nakumalizia picha hii. Asante Sana kuazima macho na masikio yako“, sagt er zum Schluss. „Der Film ist aus, danke, dass ihr mir zugehört habt.“

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