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Kindesentführungen in China : Als Zhuo Zhuo verschwand

Im Laden der Eltern hängen Plakate, die ihren Sohn und den mutmaßlichen Entführer zeigen Bild: Till Fähnders

Jedes Jahr werden in China 3000 Frauen und Kinder entführt. Sun Haiyang und seine Frau suchen schon seit zwei Jahren nach ihrem Sohn. Sie vermuten, dass er an ein verzweifeltes Ehepaar verkauft wurde, das selbst keine Kinder haben kann.

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          Sun Haiyang weiß nicht, wie der Fremde heißt, er kennt nur sein unscharfes Bild von einer Videoaufnahme. Der Chinese zeigt auf die Hausecke eines kleinen Supermarktes im südchinesischen Shenzhen: „Dort hängt die Kamera. Die hat ihn aufgenommen.“ Der Mann war etwa 1,65 Meter groß und 45 Jahre alt, schätzt Sun. Er trug ein Oberhemd mit kurzen Ärmeln, blaue Stoffhosen, braune Schuhe. In einer Hand hielt er eine schwarze Aktentasche. Sein Haar war schütter. Auf dem Video sind die Gesichtszüge verschwommen, aber es war ein hageres, kantiges Gesicht, mit tief sitzenden Augen. Es war der Mann, der Sun Haiyang seinen Sohn gestohlen hat.

          Till Fähnders
          Politischer Korrespondent für Südostasien.

          Sun Haiyang, 35 Jahre alt, glaubt, dass der Unbekannte den damals dreieinhalbjährigen Sun Zhuo – die Eltern nannten ihn liebevoll Zhuo Zhuo – erst entführt und dann an ein verzweifeltes Ehepaar verkauft hat, das selbst keine Kinder haben kann. „Hier in Südchina gibt es einen großen Markt für den Handel mit Kindern“, sagt Sun. Jedes Jahr werden in China nach offiziellen Angaben etwa 3000 Menschen Opfer von Menschenhandel. Die Zahl teilt sich etwa zur Hälfte in Frauen und Kinder auf, eine eigene Statistik zum Kinderhandel gibt es nicht. Die Angehörigen sagen, die offiziellen Zahlen seien viel zu niedrig gegriffen. Vor allem die wirtschaftsstarke Region am südchinesischen Perlflussdelta ist betroffen. Allein in Dongguan, der Nachbarstadt Shenzhens, zählten Eltern mehr als 1000 Fälle seit 2007. Sun Haiyang hat selbst die Namen von 2000 Kindern gesammelt, die in den vergangenen zwei Jahren in Shenzhen und Umgebung verschwunden sind – viele wurden entführt. In China werden im Jahr 30 000 bis 60 000 Kinder als vermisst gemeldet. „Weniger als ein Prozent werden wiedergefunden“, sagt Sun.

          Im Gedränge kann man leicht unbemerkt ein Kind mitnehmen

          Sun Haiyang läuft über die Shahe-Gasse durch die Baishizhou-Siedlung im Westen der Stadt. In der Hand hält er sein Mobiltelefon. Er dreht sich immer wieder um und erzählt. „Die Menschen in Baishizhou kommen aus dem ganzen Land. Aus jeder Provinz Chinas findest du hier jemanden.“ Es sind Kleingeschäfte, die sich aneinanderreihen, eines verkauft Lederschuhe, das nächste Haushaltswaren wie Schläuche oder Wischmops. Am Abend, wenn die Anwohner aus den Fabriken heimkehren, sei es auf dem Gehweg so eng, dass sich die Menschen aneinander vorbeidrücken. Sun Haiyang sagt das, damit man versteht, wie leicht man in dem Gedränge unbemerkt ein Kind mitnehmen kann.

          Eine Überwachungskamera nahm das Bild des Entführers auf
          Eine Überwachungskamera nahm das Bild des Entführers auf : Bild: Till Fähnders

          Die entführten Kinder werden meist an traditionell denkende Familien auf dem Land verkauft. Sie bezahlen 20 000 bis 30 000 Yuan für einen Jungen, umgerechnet 2000 bis 3000 Euro. Gestohlen werden zu 90 Prozent männliche Nachkommen, weil Jungen in China der Tradition nach bevorzugt werden und deshalb höhere Preise erzielen. Die Töchter gehen nach der Hochzeit an die Familie des Bräutigams verloren, die Söhne aber können für ihre Eltern sorgen, wenn die alt sind. Einige Kinder werden ins Ausland verkauft, nach Vietnam oder Kambodscha, manche wohl bis nach Europa. Die Mädchen werden in die Prostitution oder zur Zwangsarbeit getrieben, einige auch an Waisenhäuser verkauft und zur Adoption freigegeben.

          Es war abends nach sieben Uhr und schon dunkel

          Viele der entführten Kinder stammen aus Wanderarbeiter-Familien. Die Eltern sind oft überarbeitet und noch nicht an das Großstadtleben mit seinen Gefahren gewöhnt. Sun Haiyang und seine Frau kommen aus einem kleinen Ort in der Provinz Hubei. Sie waren erst seit einer Woche in der unübersichtlichen Zwölf-Millionen-Metropole, als es passierte. Am 9. Oktober 2007 spielte Zhuo Zhuo vor dem neu eröffneten Laden der Eltern. Vater und Mutter bereiten dort chinesisches Gebäck, gedämpfte Teigtaschen, eingelegte Eier und eisgekühlte Getränke zu. Es war abends nach sieben Uhr und schon dunkel, als sich der Mann ihrem Sohn näherte. Die Videoaufnahmen zeigen, dass er dem Kind etwas zu essen gab und ein Spielzeugauto kaufte. Die Eltern wurden misstrauisch, als ein Nachbar fragte, wer denn der „nette Verwandte“ gewesen sei.

          Die Entführer gehen fast immer gleich vor, hat Sun Haiyang herausgefunden. Sie locken die Kinder mit Geschenken. Oder sie fahren mit einem Wagen vor und zerren ihr Opfer auf die Rückbank. Manche kommen auf Motorrädern und schnappen die Jungen einfach von der Straße weg. Viele entführte Kinder werden in ländliche Gegenden gebracht, zum Beispiel nach Chaoshan, wo auch Sun Haiyang seinen Sohn vermutet. Von Shenzhen aus sind es nur ein paar Stunden Fahrt, die Diebe können schnell mit ihrer Beute dorthin verschwinden. Die Menschen in dieser Gegend, die im Grenzgebiet der Provinzen Guangdong und Fujian liegt, nehmen die Traditionen ernst. Ein Leben ohne Nachwuchs ist für sie ein Unglück.

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