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Kindesentführungen in China : Als Zhuo Zhuo verschwand

Seine Augen sind rot unterlaufen

Sun Haiyang trägt ein bedrucktes Unterhemd, aus dem muskulöse Arme herausschauen. Er sieht kräftig und gesund aus, aber seine Augen sind rot unterlaufen. Die Eltern verzweifeln, weil sich die Polizei nicht um die Suche nach ihrem Kind kümmert. Sun wirft den Polizisten vor, dass sie wertvolle Zeit verstreichen ließen, in der sie seinen Sohn aus den Fängen der Diebe hätten befreien können. Aus der Zeitangabe auf dem Videoband weiß Sun Haiyang, dass nur 18 Minuten zwischen dem Moment vergingen, als der Mann Zhuo Zhuo weglockte, und dem Zeitpunkt, als er das Verschwinden bemerkte. Doch als er einen Polizisten auf der Straße ansprach, ließ der ihn einfach stehen. Auf dem Revier sagten die Beamten, ein Kind müsse erst 24 Stunden vermisst sein, bevor sie tätig werden könnten. „Das ist sogar genug Zeit, um ein Kind über die Grenze ins Ausland zu bringen“, sagt Sun Haiyang.

Gemeinsam mit ein paar Dutzend anderen Eltern hat Sun Haiyang eine Selbsthilfegruppe gegründet. Die Eltern haben mehrmals gegen die Untätigkeit der Polizei demonstriert, in Shenzhen und anderen Städten der Provinz, aber auch in der Hauptstadt Peking. Dort protestierten sie vor dem Nationalstadion mit den Fotos ihrer verlorenen Söhne. Sie kritisieren die Behörden, weil der Kinderhandel verboten ist, der Kauf aber strafrechtlich nicht verfolgt wird. „Dabei wäre die Lösung des Problems einfach: Man muss die Käufer bestrafen und damit die Nachfrage unterbinden!“ Sun geriet durch seine Aktionen sogar in Konflikt mit den Behörden. In Peking führte die Polizei ihn und die anderen Eltern ab und schickten die Demonstranten zurück nach Hause. Unter der Herrschaft der Kommunistischen Partei sind Demonstrationen verboten, sie stören den sozialen Frieden. Manchmal bekommt die Polizei schon vorher Wind von den Elternaktionen. Dann verbietet sie ihre Demos oder gemeinschaftlichen Suchaktionen.

Für Hinweise bietet Sun ein Vermögen

Sun Haiyang gibt zu, dass es schwierig sei, in einem Land mit 1,3 Milliarden Einwohnern einem einzelnen Kind auf die Spur zu kommen. Doch die Behörden versuchten es ja gar nicht erst. Er hat die Suche deshalb selbst in die Hand genommen. Seinen Laden hat er mit Postern und Bildern seines Sohnes und des fremden Mannes aus dem Video zugeklebt. In großen roten Schriftzeichen hängen dort Beschreibungen des Täters und ihres Sohns Zhuo Zhuo. Daneben ist die Telefonnummer der Eltern gedruckt. Für ein übliches Geschäftsschild ist kein Platz mehr, so sehr ist der namenlose Laden zugekleistert. Für Hinweise bietet Sun 200 000 Yuan (20 000 Euro), ein Vermögen, für das er sehr lange arbeiten muss. Seine gesamten Ersparnisse hat er bereits in Flugblattaktionen und die Suche nach seinem Sohn gesteckt.

Der wachsende Aktionismus der Angehörigen ist nicht ohne Erfolg geblieben. Im April verkündete das Polizeiministerium eine neun Monate dauernde Kampagne gegen Menschenhandel. Insgesamt seien seit Beginn der Aktion schon 440 Kinder gerettet worden. Für vermisste Kinder wurde eine DNA-Datenbank aufgebaut. In Guangdong werden nun außerdem Seminare für Wanderarbeiter angeboten und Flugblätter verteilt. Auch in Shenzhen habe sich die Situation etwas verbessert, sagt Sun Haiyang. Die Polizei nimmt jetzt schon Ermittlungen auf, wenn ein Kind erst sieben Stunden verschwunden ist. Die 24-Stunden-Regel gilt aber in vielen anderen Städten Chinas immer noch.

Für seine Eltern schwinden die Hoffnungen auf ein Wiedersehen mit Zhuo Zhuo von Tag zu Tag. Während seine Frau still ihre Arbeit verrichtet, geht Sun Haiyang in die Wohnung im Hinterhaus, wo die Eltern eine Galerie mit Bildern des Jungen aufgehängt haben. Ihr Lieblingsbild zeigt ihn auf einem blauen Fahrrad mit Stützrädern. Um den Hals hängt eine Kette mit einem Amulett, das über dem nackten Oberkörper baumelt. Mit den Fingern der rechten Hand formt Zhuo Zhuo ein „V“. Das Fahrrad haben die Eltern aufgehoben und über dem Türrahmen des Hauseingangs angebracht. „Wir waren nie reich“, sagt Sun Haiyang. „Aber als wir unser Kind hatten, da waren wir glücklich.“

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