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Prozess um Kindesentführung : Impfskeptisch, aber kein „Querdenker“

Baden-Württemberg, Pforzheim: Der Angeklagte im Prozess um eine mutmaßliche Kindesentführung wartet im Amtsgericht auf den Beginn der Verhandlung. Bild: dpa

Eine Beziehung zerbricht und gipfelt in der Entführung des Sohnes durch den Vater nach Panama. Der Vater muss sich dafür nun vor Gericht verantworten. In dem Fall gibt es nur Verlierer.

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          Angespannt steht die Frau mit den dunklen Haaren vor dem Amts­gericht in Pforzheim. Gleich wird sie dem Mann gegenübersitzen, den sie einst liebte, mit dem sie einen Sohn bekam, den heute elfjährigen Raphael. Als er viereinhalb war, trennte sie sich von Koen B., einem Belgier, mit dem sie in Köln zusammen­gelebt hatte.

          Eva Schläfer
          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Danach wurde die Beziehung immer schwieriger. Die Streitigkeiten, die immer wieder vor Familiengerichten ausgetragen wurden, gipfelten Ende 2021 in der Entführung des Sohnes durch den Vater nach Panama. „Entziehung Minderjähriger“ heißt der Anklagepunkt offiziell, für den sich der Neunundvierzigjährige vor dem Schöffengericht verantworten muss.

          Zum Zeitpunkt der Festnahme in Panama am 5. Februar war Koen B. seit fast sechs Wochen mit seinem Sohn dort, ob­wohl dieser am 2. Januar zur Mutter in der Nähe von Pforzheim hätte zurückkehren sollen. Zunächst saß er dort im Gefängnis, wurde dann nach Deutschland ausgeliefert und befindet sich seitdem in U-Haft.

          Aussenaufnahme des Amtsgericht Pforzheim. In dem Gericht findet der Prozess zu einer mutmaßlichen Kindesentführung statt.
          Aussenaufnahme des Amtsgericht Pforzheim. In dem Gericht findet der Prozess zu einer mutmaßlichen Kindesentführung statt. : Bild: dpa

          Wollte Koen B. seinen Sohn mit der Reise vor einer Corona-Impfung bewahren? Diese Mutmaßung verpufft schnell. Die jetzige Partnerin des Angeklagten, die von den Panama-Plänen nichts wusste, sagt aus, B. sei impfskeptisch, aber kein „Querdenker“ gewesen. Er selbst gibt an, zweimal geimpft zu sein. Vielmehr sieht sich Koen B. als Opfer seiner ehemaligen Lebens­gefährtin, die dafür sorgte, dass er immer weniger Zeit mit seinem Sohn verbringen konnte.

          Die Entfernung wurde durch Umzüge der Mutter immer größer; zuletzt lagen 350 Kilometer zwischen Overath, dem Wohnort des Vaters, und Mühlacker, dem des Sohnes. Ein Familiengericht hatte im Herbst 2021 zugestimmt, dass Raphael nur noch einmal pro Monat zum Vater zu fahren hatte. Daraufhin habe er seinen Sohn „aus reiner Verzweiflung“ nach Panama gebracht. „Ich wollte ihn schützen, rausholen, ich wollte den Streit nicht mehr.“ Dass eine Entführung eine lausige Idee war, hat B. nach eigener Aussage mittlerweile begriffen.

          Und wie geht es dem Jungen? Vor Gericht äußert er sich nicht, vermeidet es generell, über die Zeit in Panama zu reden. Seine Mutter sagt, er gehe nicht mehr allein vor die Tür, habe Albträume, komme in der Schule nicht mehr gut mit. Der forensische Gutachter diagnostiziert eine posttraumatische Belastungsstörung und be­richtet, dass sich Raphael im Gespräch viele Jahre Gefängnis für den Vater wünsche. Die Staatsanwältin plädiert auf drei Jahre und drei Monate, der Verteidiger auf eine Bewährungsstrafe. Der Richter und die beiden Schöffinnen sprechen eine Haftstrafe von drei Jahren aus. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

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