https://www.faz.net/-gum-8gsw4

Kinder im Ausland : Aber Mutter weinet sehr

In die weite Welt hinein: Nur erleben viele Eltern inzwischen nicht mehr das glückliche Ende der Geschichte von „Hänschen klein“. Bild: ddp Images

Wenn der Nachwuchs flügge wird: Immer mehr Eltern ermuntern ihre Kinder, nach der Schulzeit ins Ausland zu gehen. Helfen soll das ihrer Entwicklung. Was aber, wenn sie dort bleiben?

          6 Min.

          Der Kummer erwischt sie, wenn sie nicht aufpasst. Weil ein Lied im Radio läuft, das ihre Tochter gerne mochte und das Erinnerungen auslöst. Wenn sie im Schrank auf ein vergessenes Kleidungsstück stößt. Oder morgens, beim Aufwachen, wenn der Kopf sich noch nicht richtig eingeschaltet hat, um die Gefühle in Schach zu halten. „Dann kommt die Leere im Bauch“, sagt Lotta W. Dieser ziehende Schmerz: „Mein Kind ist weg.“

          Julia Schaaf

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Dabei hatte sie gedacht, sie sei vorbereitet. Man weiß ja, wann der Nachwuchs 18 wird und das Abi ansteht. Lotta W. ist eine energische, selbstbewusste Person. Als alleinerziehende Mutter hatte sie immer eine innige Beziehung zu ihrem einzigen Kind. Eine Glucke war sie nie. Vielmehr ist die Achtundvierzigjährige überzeugt, dass es darauf ankommt im Leben, seine Träume zu verwirklichen. „Man sollte es wenigstens versuchen“, sagt sie. Nichts anderes hat sie ihrer Tochter vermittelt. Und weil es der Traum des Mädchens war, nach Hollywood zu gehen, um Filmschauspielerin zu werden, hat sie ihr Kind bestärkt und unterstützt. Wenn Bekannte die Augen verdrehten angesichts eines so riskanten, klischeebeladenen Unterfangens, wischte die Mutter die Bedenken zur Seite: „Es geht nicht nur darum, sich zu sichern. Es geht auch darum, herauszufinden, was in einem steckt und wer man ist.“

          Explodierende Zahl von Auslandsstudierenden

          Inzwischen hat die Tochter eine solide Ausbildung hinter sich, dreht erste Studentenfilme und lebt seit bald drei Jahren an der amerikanischen Westküste: 14 Stunden Flug und neun Zeitzonen entfernt. Vier Tage haben Mutter und Kind sich seitdem gesehen, mehr war nicht drin. W. arbeitet in der Gastronomie. Weil sie ihre Tochter finanziell unterstützt, reicht das Einkommen nicht für teure Tickets. W. mag ihren Job und hat einen großen Freundeskreis, inzwischen gibt es sogar einen neuen Mann. „Es ist nicht so, dass Mami weinend zu Hause sitzt“, sagt sie. Aber auf den Schmerz des Abschieds, auf die anhaltende Sehnsucht, auf dieses verzweifelte Aufbäumen der Mutterliebe sei sie nicht vorbereitet gewesen: „Das sind urzeitliche Gefühle.“

          „Hänschen klein“ in Zeiten der Globalisierung: Mittelschichts-Eltern, die das Beste für ihre Kinder wollen, schicken ihren Nachwuchs selbstverständlich ins Ausland. Schließlich gilt die Erweiterung des Horizonts als Bereicherung für die Persönlichkeit, Auslandserfahrungen und Fremdsprachenkenntnisse machen sich gut im Lebenslauf und verbessern die Berufschancen. Vom Schüleraustausch über „Work and Travel“ oder „Year Abroad“, vom britischen Internat über das Freiwillige Soziale Jahr in Lateinamerika oder fruit picking in Neuseeland bis zum Master respektive Doktor an einer renommierten Universität wo auch immer auf der Welt: Nicht nur, dass sich ein gigantischer Markt an professionellen Vermittlern und Organisatoren von Auslandsaufenthalten für junge Erwachsene etabliert hat. Die Zahl der deutschen Auslandsstudierenden ist in den vergangenen Jahrzehnten förmlich explodiert.

          1980 studierten nur knapp 20.000 Deutsche jenseits der Landesgrenzen, zur Jahrtausendwende war ihre Zahl auf immerhin 52 000 geklettert. 2012 lag sie bei knapp 140.000. Nach Berechnungen des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung geht heute rund jeder Zehnte der 18- bis 33-Jährigen für mindestens einen Monat ins Ausland. Zugleich steigt die Zahl der jungen Männer und Frauen, die ihr komplettes Studium außerhalb von Deutschland absolvieren.

          Folgenschwere Ermunterungen

          Nur: Was passiert dann? Was, wenn der Weltenbummler auf den Geschmack gekommen ist oder einen attraktiven Job gefunden hat? Wenn es karrieremäßig Sinn macht, auf Dauer in der Ferne zu bleiben? Wenn „Hänschen klein“ sich eben nicht besinnt, um - wie es in der ursprünglichen dreistrophigen Version des Kinderliedes über das Erwachsenwerden heißt - als „großer Hans“ nach Hause zurückzukehren? Wenn er heiratet, sesshaft wird - und die Enkel schließlich in San Francisco, Lagos oder Singapur aufwachsen?

          „Dafür sind Familien nicht gemacht“, sagt Beate T. Manchmal, wenn die bodenständige Vierundfünfzigjährige erzählt, wie es dazu gekommen ist, dass sie mit ihrem Sohn vor allem per Skype, Facetime und Whatsapp kommuniziert, lacht sie bitter über die eigene Naivität. Dann wieder stehen ihr Tränen in den Augen. „Wir haben alles, was er jetzt macht, gefördert“, sagt T. „Ich habe mir da selber ins Bein geschossen.“

          Ihr einziger Sohn ist in London groß geworden, wo die Selbständige und ihr Mann sich aus beruflichen Gründen niedergelassen hatten. Der Junge besuchte eine internationale Schule, seine Freunde kamen aus aller Welt. „Das fand ich sehr sympathisch“, sagt T. Als ihr Sohn mit einem Studium in der britischen Hauptstadt liebäugelte, warben die Eltern für den Blick über den Tellerrand: „Mensch, Kind. Guck dir doch mal europäische Universitäten an!“ Dann kam der Urlaub in Kalifornien, und die ganze Familie begeisterte sich für die Campus-Unis Amerikas. Der Sohn bewarb sich an Hochschulen in den Vereinigten Staaten und in Kanada.

          Mütter sollen sich wieder auf sich selbst konzentrieren

          Schließlich kam die Zusage aus Toronto. Die Eltern begleiteten ihren Sohn in die Stadt, die sein neues Zuhause werden sollte - und plötzlich dämmerte Beate T., was dieser Schritt für sie selbst bedeuten würde: „Wir hatten alles gut überlegt“, erzählt die Mutter. „Aber ich hatte nicht damit gerechnet, dass mich die Entfernung so hart treffen würde. Ich wurde völlig überrollt.“

          Dreieinhalb Jahre ist das mittlerweile her. Seitdem sieht man sich drei-, viermal im Jahr. Die Abwesenheit, sagt Beate T., sei fast weniger schmerzlich als die gemeinsame Zeit, wenn in einer Art Countdown der Abschied drohe: noch 13 Tage, noch zwölf, noch elf. Dann sei wieder Schluss mit den spätabendlichen Gesprächen auf dem Sofa. Wenn Freundinnen vom Besuch ihrer erwachsenen Kinder berichten, die gelegentlich übers Wochenende nach Hause kommen, weil sie „nur“ in einer anderen deutschen Stadt studieren, spürt die Mutter leisen Neid.

          Nun ist die Abnabelung der Kinder für Eltern immer eine Herausforderung: „Aber Mutter weinet sehr“, hieß es schon bei „Hänschen klein“. Loslassen zu können lautet der gesellschaftliche Anspruch an die Mütter Heranwachsender. Christiane Wempe, Privatdozentin für Entwicklungspsychologie an der Universität Mannheim, formuliert es so: „Mütter müssen lernen, sich weniger auf ihre Mutterrolle zu konzentrieren und wieder mehr Erfüllung in anderen Lebensbereichen zu finden.“ Dieser Prozess setze schon im frühen Jugendalter ein und gehe damit einher, sich den wachsenden Autonomiebedürfnissen der Kinder anzupassen. Da zu sein, aber auf andere Weise als bisher: zurückgenommener, mehr auf Anfrage, bei Bedarf.

          Transnationalisierende „Weltfamilien“

          „Loslassen ist völlig okay“, sagt auch Beate T. „Man muss sie gehen lassen, dazu erzieht man sie auch selbständig.“ Aber das sei etwas anderes, als ein Kind in Toronto zu haben: „Die Entfernung ist es, was es schwermacht. Denn selbst wenn man sich bei räumlicher Nähe nicht öfter sehen würde, ist es doch emotional ganz anders, da man ja spontan könnte, wenn man wollte.“

          Noch handelt es sich um ein Nischenproblem. Nach wie vor wohne nur ein geringer Anteil junger Erwachsener weiter als eine Stunde vom Elternhaus entfernt, sagt Anne Berngruber vom Deutschen Jugendinstitut. Während es für den Schritt in die Ferne oft biographische Vorbilder gibt, wie Heiko Rüger weiß, Forschungsgruppenleiter beim Bundesinstitut für Bevölkerungsentwicklung, begünstigten Auslandsaufenthalte tatsächlich die spätere internationale Mobilität und machten eine Berufsperspektive in international ausgerichteten Unternehmen wahrscheinlicher. Junge, auslandsmobile Menschen würden deshalb als „Motor der Transnationalisierung“ bezeichnet, so Rüger, womit er die Entstehung von Beziehungen, Gewohnheiten und Lebenswelten meint, die sich wenig um die Grenzen von Ländern und Kontinenten scheren.

          Was genau das aber für das Miteinander der Generationen bedeutet, was es mit einer Familie macht, wenn sie den halben Erdball umspannt, ist kaum erforscht. Die Soziologin Elisabeth Beck-Gernsheim hat Begriffe wie „Fernliebe“ und „Weltfamilien“ geprägt, um binationale Ehepaare sowie Arbeitsmigranten aus Schwellenländern, die ihre Familien in der Heimat ernähren, in den Blick zu nehmen. Aber die Professorin sagt auch: „Ich ahne, was die Mütter fühlen.“

          Beate T. hat alles richtig gemacht

          Natürlich versprechen die modernen Kommunikationsmittel Linderung: „Das hilft ungemein“, sagt Beate T: Internettelefonie mit Bild, Häppchenverständigung über Whatsapp. Lotta W. ist skeptisch: „Das ist wie ein Pflaster, das man über den Schmerz klebt“, sagt sie. Insbesondere ernste Themen ließen sich nicht auf Kommando besprechen, nur, weil man gerade vor dem Computer verabredet sei und weil Abend in Deutschland sei und Mittagspause in L.A. „Reden ist nicht dasselbe wie Skypen“, sagt auch die Soziologin Beck-Gernsheim und spricht von „sunshine technologies“: Solange alles gut laufe, könne man wunderbar chatten und mailen. Sei jedoch Not am Mann, wolle man den anderen in den Arm nehmen. Und was, wenn die Eltern älter werden? Wenn die Gesundheit nicht mehr mitspielt?

          Beate T. freut sich, dass ihr Sohn in Toronto glücklich ist. Auch karrieretechnisch war seine Entscheidung richtig: Schon vor seinem Abschluss hat er einen Arbeitsvertrag in der Tasche. „Ich würde im Nachhinein nichts anders machen. Man darf seinem Kind nicht die Zukunft verbauen“, sagt T. Trotzdem hört sie heute mit gemischten Gefühlen zu, wenn im Bekanntenkreis stolz von den Auslandsplänen des Nachwuchses berichtet wird. Manchmal wirft sie vorsichtig ein: „Wisst ihr, was ihr da tut?“

          Aber an dem gesellschaftlichen Trend, die Globalisierung als Chance und Weltoffenheit als etwas Positives zu betrachten, ist offenbar nicht zu rütteln. Die Kehrseite dieses Credos begreift nur, wer sie zu spüren bekommt. „Vermutlich glauben die Leute wirklich, dass ihre Kinder zurückkommen“, sagt Beate T. „Aber darauf kann man sich nicht verlassen.“

          Weitere Themen

          Diskussionen um Hitler-Geburtshaus Video-Seite öffnen

          Braunau : Diskussionen um Hitler-Geburtshaus

          Das Geburtshaus von Adolf Hitler in Braunau am Inn in Österreich soll künftig von der Polizei genutzt werden. Damit geht ein jahrelanger Streit zu Ende. Denn Vorschläge für die Nutzung des Gebäudes, das einige Jahre leer gestanden hatte, gab es viele.

          Topmeldungen

          Hinter den Häusern und Kirchen der Innenstadt in München sind am Morgen die Berge sichtbar.

          Bauvorhaben und Infrastruktur : Bayern und seine Schwächen

          Bayern steht gut da, doch auch im Freistaat hakt es mancherorts außerordentlich. In München droht gar ein verkehrspolitisches Desaster – das bald womöglich den Vergleich mit dem Berliner Flughafen nicht mehr scheuen muss.
          Der amerikanische Präsident Donald Trump gemeinsam mit Apple-Chef Tim Cook in einem Computerwerk in Austin, Texas

          Freundschaftstest : Trump macht Apple Hoffnung

          Tim Cook empfängt den Präsidenten zum Fototermin in einem Computerwerk in Texas. Dieser nützt die Kulisse für Attacken gegen seine politischen Gegner – und signalisiert, dass Apple von Strafzöllen verschont werden könnte.
          Peter Feldmann bei einem Besuch im Awo-Jugendhaus im Frankfurter Gallusviertel im Jahr 2014.

          Peter Feldmann und die Awo : Das Schweigen des Oberbürgermeisters

          Weil die Arbeiterwohlfahrt seine Ehefrau zu ungewöhnlich guten Konditionen beschäftigt haben soll, steht Peter Feldmann stark unter Druck. Die Awo rechtfertigt derweil die hohe Bezahlung der Frau des Frankfurter Oberbürgermeisters – und hat noch in einem anderen Fall Probleme.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.