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Kinder im Ausland : Aber Mutter weinet sehr

Transnationalisierende „Weltfamilien“

„Loslassen ist völlig okay“, sagt auch Beate T. „Man muss sie gehen lassen, dazu erzieht man sie auch selbständig.“ Aber das sei etwas anderes, als ein Kind in Toronto zu haben: „Die Entfernung ist es, was es schwermacht. Denn selbst wenn man sich bei räumlicher Nähe nicht öfter sehen würde, ist es doch emotional ganz anders, da man ja spontan könnte, wenn man wollte.“

Noch handelt es sich um ein Nischenproblem. Nach wie vor wohne nur ein geringer Anteil junger Erwachsener weiter als eine Stunde vom Elternhaus entfernt, sagt Anne Berngruber vom Deutschen Jugendinstitut. Während es für den Schritt in die Ferne oft biographische Vorbilder gibt, wie Heiko Rüger weiß, Forschungsgruppenleiter beim Bundesinstitut für Bevölkerungsentwicklung, begünstigten Auslandsaufenthalte tatsächlich die spätere internationale Mobilität und machten eine Berufsperspektive in international ausgerichteten Unternehmen wahrscheinlicher. Junge, auslandsmobile Menschen würden deshalb als „Motor der Transnationalisierung“ bezeichnet, so Rüger, womit er die Entstehung von Beziehungen, Gewohnheiten und Lebenswelten meint, die sich wenig um die Grenzen von Ländern und Kontinenten scheren.

Was genau das aber für das Miteinander der Generationen bedeutet, was es mit einer Familie macht, wenn sie den halben Erdball umspannt, ist kaum erforscht. Die Soziologin Elisabeth Beck-Gernsheim hat Begriffe wie „Fernliebe“ und „Weltfamilien“ geprägt, um binationale Ehepaare sowie Arbeitsmigranten aus Schwellenländern, die ihre Familien in der Heimat ernähren, in den Blick zu nehmen. Aber die Professorin sagt auch: „Ich ahne, was die Mütter fühlen.“

Beate T. hat alles richtig gemacht

Natürlich versprechen die modernen Kommunikationsmittel Linderung: „Das hilft ungemein“, sagt Beate T: Internettelefonie mit Bild, Häppchenverständigung über Whatsapp. Lotta W. ist skeptisch: „Das ist wie ein Pflaster, das man über den Schmerz klebt“, sagt sie. Insbesondere ernste Themen ließen sich nicht auf Kommando besprechen, nur, weil man gerade vor dem Computer verabredet sei und weil Abend in Deutschland sei und Mittagspause in L.A. „Reden ist nicht dasselbe wie Skypen“, sagt auch die Soziologin Beck-Gernsheim und spricht von „sunshine technologies“: Solange alles gut laufe, könne man wunderbar chatten und mailen. Sei jedoch Not am Mann, wolle man den anderen in den Arm nehmen. Und was, wenn die Eltern älter werden? Wenn die Gesundheit nicht mehr mitspielt?

Beate T. freut sich, dass ihr Sohn in Toronto glücklich ist. Auch karrieretechnisch war seine Entscheidung richtig: Schon vor seinem Abschluss hat er einen Arbeitsvertrag in der Tasche. „Ich würde im Nachhinein nichts anders machen. Man darf seinem Kind nicht die Zukunft verbauen“, sagt T. Trotzdem hört sie heute mit gemischten Gefühlen zu, wenn im Bekanntenkreis stolz von den Auslandsplänen des Nachwuchses berichtet wird. Manchmal wirft sie vorsichtig ein: „Wisst ihr, was ihr da tut?“

Aber an dem gesellschaftlichen Trend, die Globalisierung als Chance und Weltoffenheit als etwas Positives zu betrachten, ist offenbar nicht zu rütteln. Die Kehrseite dieses Credos begreift nur, wer sie zu spüren bekommt. „Vermutlich glauben die Leute wirklich, dass ihre Kinder zurückkommen“, sagt Beate T. „Aber darauf kann man sich nicht verlassen.“

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