https://www.faz.net/-gum-8gsw4

Kinder im Ausland : Aber Mutter weinet sehr

Folgenschwere Ermunterungen

Nur: Was passiert dann? Was, wenn der Weltenbummler auf den Geschmack gekommen ist oder einen attraktiven Job gefunden hat? Wenn es karrieremäßig Sinn macht, auf Dauer in der Ferne zu bleiben? Wenn „Hänschen klein“ sich eben nicht besinnt, um - wie es in der ursprünglichen dreistrophigen Version des Kinderliedes über das Erwachsenwerden heißt - als „großer Hans“ nach Hause zurückzukehren? Wenn er heiratet, sesshaft wird - und die Enkel schließlich in San Francisco, Lagos oder Singapur aufwachsen?

„Dafür sind Familien nicht gemacht“, sagt Beate T. Manchmal, wenn die bodenständige Vierundfünfzigjährige erzählt, wie es dazu gekommen ist, dass sie mit ihrem Sohn vor allem per Skype, Facetime und Whatsapp kommuniziert, lacht sie bitter über die eigene Naivität. Dann wieder stehen ihr Tränen in den Augen. „Wir haben alles, was er jetzt macht, gefördert“, sagt T. „Ich habe mir da selber ins Bein geschossen.“

Ihr einziger Sohn ist in London groß geworden, wo die Selbständige und ihr Mann sich aus beruflichen Gründen niedergelassen hatten. Der Junge besuchte eine internationale Schule, seine Freunde kamen aus aller Welt. „Das fand ich sehr sympathisch“, sagt T. Als ihr Sohn mit einem Studium in der britischen Hauptstadt liebäugelte, warben die Eltern für den Blick über den Tellerrand: „Mensch, Kind. Guck dir doch mal europäische Universitäten an!“ Dann kam der Urlaub in Kalifornien, und die ganze Familie begeisterte sich für die Campus-Unis Amerikas. Der Sohn bewarb sich an Hochschulen in den Vereinigten Staaten und in Kanada.

Mütter sollen sich wieder auf sich selbst konzentrieren

Schließlich kam die Zusage aus Toronto. Die Eltern begleiteten ihren Sohn in die Stadt, die sein neues Zuhause werden sollte - und plötzlich dämmerte Beate T., was dieser Schritt für sie selbst bedeuten würde: „Wir hatten alles gut überlegt“, erzählt die Mutter. „Aber ich hatte nicht damit gerechnet, dass mich die Entfernung so hart treffen würde. Ich wurde völlig überrollt.“

Dreieinhalb Jahre ist das mittlerweile her. Seitdem sieht man sich drei-, viermal im Jahr. Die Abwesenheit, sagt Beate T., sei fast weniger schmerzlich als die gemeinsame Zeit, wenn in einer Art Countdown der Abschied drohe: noch 13 Tage, noch zwölf, noch elf. Dann sei wieder Schluss mit den spätabendlichen Gesprächen auf dem Sofa. Wenn Freundinnen vom Besuch ihrer erwachsenen Kinder berichten, die gelegentlich übers Wochenende nach Hause kommen, weil sie „nur“ in einer anderen deutschen Stadt studieren, spürt die Mutter leisen Neid.

Nun ist die Abnabelung der Kinder für Eltern immer eine Herausforderung: „Aber Mutter weinet sehr“, hieß es schon bei „Hänschen klein“. Loslassen zu können lautet der gesellschaftliche Anspruch an die Mütter Heranwachsender. Christiane Wempe, Privatdozentin für Entwicklungspsychologie an der Universität Mannheim, formuliert es so: „Mütter müssen lernen, sich weniger auf ihre Mutterrolle zu konzentrieren und wieder mehr Erfüllung in anderen Lebensbereichen zu finden.“ Dieser Prozess setze schon im frühen Jugendalter ein und gehe damit einher, sich den wachsenden Autonomiebedürfnissen der Kinder anzupassen. Da zu sein, aber auf andere Weise als bisher: zurückgenommener, mehr auf Anfrage, bei Bedarf.

Weitere Themen

MOSE soll Venedig vor Fluten schützen Video-Seite öffnen

Videografik : MOSE soll Venedig vor Fluten schützen

Stahl-Barrieren sollen die Lagunenstadt und seine historische Altstadt besser vor den Fluten der Adria schützen. Die Stahltore des MOSE-Projekts sollen die Zugänge zur Stadt verschließen, sobald das Hochwasser eine kritische Schwelle erreicht.

Topmeldungen

Buttigieg in Iowa vorn : Suche nach der Mitte

Pete Buttigieg liegt in den Umfragen zur demokratischen Vorwahl in Iowa erstmals vorn. Ist er der Hoffnungsträger für die Zentristen oder nur der Aufreger des Monats? In jedem Fall verfügt er über ein gut gefülltes Konto.

Lacht doch mal! : Warum jammern die Deutschen so viel?

Ob Kriminalität, Flüchtlinge oder Wohlstand: Die Lage entwickelt sich besser, als es in der Debatte den Eindruck macht. Mit der eigenen Situation zufrieden, aber in Sorge um das Land – wie passt das zusammen?
Logik ist sein zweiter Vorname: Youtuber Rezo

Journalismus im Wandel : Die Logik, das bin ich

Das Deutschlandradio fragt auf einer Tagung, ob Journalisten aus der Öffentlichkeit verdrängt werden. Wie das geschieht, zeigt der Auftritt eines präpotenten Influencers.
Einst war beim Arbeits- und Gesundheitschutz das technisch Machbare die Richtschnur. Nun definiert das arbeitsmedizinisch Unbedenkliche den Maßstab – notfalls auch um den Preis, dass manche Arbeiten unterbleiben müssen.

F.A.Z. exklusiv : Der Straßenbau droht gestoppt zu werden

Ein Grenzwert soll in Zukunft verhindern, dass Arbeiter zu viele Asphaltdämpfe einatmen. Nun fürchtet die Branche, komplett lahmgelegt zu werden. In einem Brandbrief bittet man um eine Übergangszeit.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.