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Kennedy-Attentat : Ein böser Traum

  • -Aktualisiert am

Die Limousine des Präsidenten, Sekunden bevor die Schüsse fielen Bild: AP

Noch immer hat Dallas mit den Folgen des Attentats auf John F. Kennedy am 22. November 1963 zu kämpfen. Ein Zeitzeuge, damals in nächster Nähe dabei, erinnert sich an den Schicksalstag.

          Um 12.30 Uhr soll es eine Schweigeminute geben, es spricht der Bürgermeister, und Militärjets überfliegen die Stadt. Dallas bereitet sich in diesen Tagen auf die Gedenkfeier zum 50. Jahrestag des Attentats auf John F. Kennedy vor. Es ist die erste Gedenkveranstaltung seit zwanzig Jahren in der Stadt. Noch immer lasten die Ereignisse vom 22. November 1963, als der Besuch Kennedys im politischen Feindesland Dallas in eine Katastrophe mündete, schwer auf dem Gewissen der Stadt. Bis heute berichten Einwohner, wie ihnen in Restaurants und Geschäften andernorts die Bedienung verweigert wurde, wie man ihre Stadt für den Tod des Präsidenten verantwortlich machte.

          „Es war ein langer, schwieriger Weg von tiefem Schmerz zur Aussöhnung“, sagt Julian Read; er war 1963 Pressesprecher des texanischen Gouverneurs John Connally, der mit Kennedy in der Limousine saß, als die tödlichen Schüsse fielen, und erlebte die Schreckstunden aus nächster Nähe mit. Read, 86 Jahre alt, der gerade mit „JFK’s Final Hours in Texas“ ein Buch über die Ereignisse veröffentlichte, steht vor dem Kennedy-Denkmal gegenüber dem Hotel Texas in Fort Worth, wo Jack und Jackie ihre letzte Nacht zusammen verbrachten, und lässt den Morgen des Attentats Revue passieren, als der Vorsitzende der Handelskammer von Fort Worth einen Frühstücksempfang für den Präsidenten gab. Nach dem Attentat habe der Mann sich solche Vorwürfe gemacht, dass er in Depressionen verfiel, erzählt Read. Man schämte sich in Dallas - dabei hatte man doch alles richtig machen wollen.

          Kennedy, erinnert sich Read, sei vor allem nach Texas gekommen, weil er sich von den reichen Ölmännern Geld für seine Wiederwahlkampagne im folgenden Jahr erhoffte, nicht bloß die politische Unterstützung, die ihm 1960 knapp zum Wahlsieg verholfen hatte. Aber man hatte Kennedy davon abgeraten, einen Stopp in Dallas einzulegen, das damals den unschönen Beinamen „City of Hate“ trug. Der Ku-Klux Klan hatte hier einst seine Zentrale etabliert; jetzt schwang General Edwin Walker hier seine rassistischen und antikommunistischen Tiraden. 1960 waren JFKs späterer Nachfolger Lyndon B. Johnson und seine Frau in der Stadt ausgebuht und sogar bespuckt worden. Und der Verleger der „Dallas Morning News“, Ted Dealey (nach dessen Vater George der schicksalshafte Platz benannt ist), hatte Kennedy bei einem Presselunch im Weißen Haus 1961 grob attackiert: „Wir brauchen einen Mann zu Pferd, der diese Nation führt, und viele in Texas und im Südwesten meinen, dass Sie auf Carolines Dreirad unterwegs sind!“ Aber Kennedy bestand auf dem Besuch in Dallas.

          Im blutbespritzten Chanel-Kostüm

          Gouverneur Connally, sagt Read, habe Republikaner wie Demokraten zuvor scharf ermahnt, dass sich „Texas bei diesem Besuch nicht blamieren darf“. Die Honoratioren von Dallas bemühten sich sehr, perfekte Gastgeber sein; so schmückte man etwa die Hotesuite des feinsinnigen Präsidentenpaares mit erlesener Kunst: Picasso, Feininger, Moore. Und man sei so erleichtert wie überrascht gewesen, sagt Read, mit welcher Wärme der Präsident und Jackie Kennedy in den Straßen empfangen wurden. Gouverneursgattin Nellie Connally berichtete Read später, sie habe sich in der Limousine zu Kennedy umgedreht und gesagt: „Mr. President, Sie können nicht behaupten, dass Dallas Sie nicht liebt!“ Dann fielen die Schüsse.

          Read stehen die dramatischen Momente noch vor Augen. „Ich wusste nicht, was genau geschehen war, aber ich ahnte Schreckliches“, erinnert er sich. Er saß im Bus der präsidialen Wagenkolonne, keine 200 Meter hinter der Limousine. „Ich hatte die drei Schüsse gehört und sah, wie die Limousine erst fast zum Stehen kam, dann abrupt beschleunigte, um die Unterführung zu erreichen. Die Zuschauer am Straßenrand flüchteten und warfen sich zu Boden, ein Polizei-Motorrad fuhr von der Straße ab und den Grashügel hinauf.“

          Die Autokolonne von Präsident John F. Kennedy am 22. November 1963 in der Innenstadt von Fort Worth, Texas Bilderstrecke

          Als Read das Parkland Hospital erreichte, musste er nach Nellie Connally suchen: „Da saß sie, in einem dunklen Flur - Mrs. Connally auf der einen Seite des Flurs, Jackie Kennedy auf der anderen.“ Es sei eine unwirkliche Szene gewesen, die beiden Frauen allein und schweigend vor den Operationssälen 1 und 2 zu sehen, Jackie noch in dem berühmten, nun blutbespritzten Chanel-Kostüm.

          Read ließ sich von Mrs. Connally berichten, was geschehen war, dann improvisierte er mit Malcolm Kilduff, einem der Sprecher des Weißen Hauses, einen Presseraum in einem der Schwesternzimmer. Nachdem Kilduff um 13.33 Uhr die Presse informiert hatte, dass der Präsident an einem Kopfschuss gestorben war, skizzierte Read an einer Tafel, was sich in der Limousine abgespielt hatte. „Es war wie ein böser Traum“, sagt er.

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