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Kennedy-Attentat : Ein böser Traum

  • -Aktualisiert am

Vom KGB bis zur radikalen Rechten

Und der war noch nicht vorüber. Am Sonntagvormittag verfolgte er live auf einem kleinen Schwarzweißfernseher im Krankenzimmer des Gouverneurs, wie der mutmaßliche Attentäter Lee Harvey Oswald im Keller des Polizeipräsidiums von dem Barbesitzer Jack Ruby erschossen wurde. „Es war heller Wahnsinn“, sagt Read. „Ich dachte: Was kann noch passieren?“ Keine fünfzehn Minuten später wurde die Leiche von Oswald im Krankenhausflur an ihm vorbeigeschoben - „grün wie ein Kürbis, mausetot“, so Read. Und Dallas konnte der entsetzten Nation nicht einmal ein Gerichtsverfahren gegen den Kennedy-Attentäter bieten.

An der Dealey Plaza in Dallas, dem Ort des Königsmordes, meint man zu spüren, wie seltsam unschlüssig der Umgang der Stadt mit dem Ereignis ist. Im „Museum Store and Café“ an der Kreuzung Houston und Elm Street werden Milchkaffees und Memorabilia verkauft - Schlüsselanhänger mit JFKs Antlitz, Basecaps mit JFK-Zitaten, Bildbände und der Roman „11/22/63“ von Stephen King um einen Zeitreisenden, der Lee Harvey Oswald den Garaus machen will. Von hier aus blickt man zu dem Fenster im sechsten Stock des Gebäudes gegenüber, des einstigen Schulbuchlagers. An der Hauswand informiert ein Schild darüber, dass „Lee Harvey Oswald hier mutmaßlich Präsident John F. Kennedy erschoss“. Das Wort „mutmaßlich“ ist von heftigen Kratzspuren eingerahmt.

Viele in Dallas wollten das Gebäude eigentlich abreißen - dass es noch stehe, sagt Julian Read, sei einem damaligen Ingenieur der Bezirksverwaltung zu verdanken. Der saß in einem Büro auf der anderen Straßenseite, und er konnte die Leute sehen, die jeden Tag an den Attentatsort pilgerten und zu dem Fenster da oben hochschauten. Er schlug der Bezirksverwaltung 1977 vor, das Gebäude zu kaufen. Und er hatte die Idee, ein Museum dort einzurichten. Heute zeichnen darin Schautafeln für 350.000 Besucher jährlich die politische Karriere, die letzten Tage und die Ermordung des Präsidenten nach. Eine ist den Verschwörungstheorien gewidmet, die sich um das Attentat auf Kennedy und die Ermordung Oswalds ranken - die Liste der Leute, die damit in Verbindung gebracht werden, reicht vom KGB über die Mafia, von FBI und CIA bis hin zur radikalen Rechten.

Eine geschmackvolle Veranstaltung

Oswalds Schützennest in der Südostecke des Gebäudes ist von einem Glaskasten gerahmt, aber vom Fenster nebenan kann man auf die Elm Street hinabschauen. Sie ist schockierend nah. Unten auf der Straße ist ein weißes X auf den Asphalt gepinselt; ein niedriges Schild am Straßenrand erklärt, dass dies den Anschlagsort markiert. Auf dem Grashügel, von wo aus der zufällig anwesende Hobby-Filmer Abraham Zapruder die berühmten 26 Sekunden vom Attentat drehte, verhökert ein Mann für zehn Dollar seine persönliche Verschwörungstheorie auf DVD.

Einer Studie von 2013 zufolge glauben 59 Prozent der Amerikaner, dass der Kennedy-Mord von dubiosen Mächten im Hintergrund gesteuert wurde. Für manche ist das hier ihr Brot und Butter. Ted Dealeys Großneffe Jerry Dealey etwa führt seit zehn Jahren Touren durch Dallas - zum Haus Oswalds, zur Dealey Plaza, zum Polizeipräsidium, in dessen Keller Oswald von Ruby erschossen wurde.

Oft werde er von Verschwörungstheoretikern gebucht, sagt Dealey. Es gebe immerhin bloß drei Fakten, über die sich alle einig seien: dass Kennedy und Connally von Schüssen getroffen wurden; dass der Polizist J. D. Tippitt wenig später erschossen wurde; dass Ruby Oswald ermordete. „Die Leute wollen einfach mehr sehen, als da ist“, sagt Read. „Niemand will glauben, dass ein einziger Irrer seinen Moment im Rampenlicht haben wollte, und das war’s.“ Und dennoch kann er noch immer nicht fassen, „dass die Sicherheitsleute dachten, dass wir, sobald wir die Enge der Innenstadt hinter uns gelassen hatten, aus der Gefahrenzone wären“.

Die Organisatoren der Feierlichkeiten zum 50. Jahrestag des Kennedy-Mordes standen auch im Hinblick auf die Konspirationisten vor einer diffizilen Aufgabe; womöglich hat man deshalb das Wort „Attentat“ aus den Ansprachen gestrichen und beschlossen, lieber an Kennedys Leben und sein Vermächtnis zu erinnern als an die Todesschüsse. Es solle eine „geschmackvolle Veranstaltung“ werden, sagt Read. Es wird sich zeigen, ob Dallas damit sein Trauma hinter sich lassen kann.

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