https://www.faz.net/-gum-8v5qr

Hungersnot in Kenia : Wie sich der Mensch seine eigene Hungersnot macht

  • -Aktualisiert am

Das Vieh wird mit Waffen verteidigt: Die Tiere sind wertvoll geworden. Bild: Reuters

Ein Grund für die drohende Katastrophe in Kenia ist das Wetterphänomen El Niño. Doch der Mensch hat entscheidenden Anteil daran, dass Millionen Afrikanern das Essen ausgeht.

          Am Ende einer langen und staubigen Piste, im hintersten Tal des kenianischen Rift Valley, sitzt ein missmutiger Mann auf einem Holzschemel und taucht die Zehen seiner nackten Füße in Staub. Immer wenn er mit dem dicken Zeh zuckt, steigt eine dünne Staubwolke auf und bleibt wie regungslos in der Luft hängen. Der Mann heißt Yoponhiro Cosmas Maywa, gibt sein Alter mit ungefähr 40 Jahren an und ist von Beruf Viehzüchter und Lohnunternehmer. „Kühe sind mein Leben“, stellt er gleich zur Begrüßung klar. 100 Rinder gehörten ihm einst, dazu kamen noch einmal so viele von anderen Besitzern, die Yoponhiro gegen Lohn bis zur Schlachtreife hütete. Geblieben sind ihm von dieser stattlichen Herde 60 spindeldürre Tiere. Der Rest ist verdurstet und verhungert.

          „Einfach tot umgefallen“, sagt Yoponhiro und klatscht dabei kraftvoll in die Hände, als wolle er das Geräusch des Aufpralls imitieren. Die Frage, ob er die verbliebenen 60 Rinder durchbringen wird, empfindet er als naiv. Sein Blick verfinstert sich, die Zehen krallen sich tiefer in den Dreck, dann bellt er los: „Wie denn, Mann? Das nächste Wasserloch ist 60 Kilometer entfernt, und das ist gestern ausgetrocknet.“

          Weite Teile Ostafrikas leiden unter einer Trockenheit. Somalia ist besonders betroffen, hinzu kommen Teile Äthiopiens und nahezu drei Viertel der Fläche von Kenia. Ausgelöst wurde die Dürre im vergangenen Jahr durch das Wetterphänomen El Niño, das die saisonalen Regenfälle verhinderte. Das kenianische Rote Kreuz spricht von 2,7 Millionen Menschen, die allein in Kenia wegen der Dürre auf Lebensmittelhilfe angewiesen seien. Nach zwei Jahren ohne Regen hatte die kenianische Regierung Ende Januar für zunächst 23 von 47 Verwaltungsbezirken (Counties) den Ausnahmezustand verhängt und umgerechnet 54 Millionen Euro Soforthilfe bereitgestellt. Inzwischen ist die Liste auf 35 Counties angewachsen. Eine der am härtesten getroffenen Regionen ist dabei Baringo County in Zentralkenia. Dort, wo Yoponhiro Cosmas Maywa mit seinem Schicksal hadert.

          Eine wohlhabende Region leidet

          Baringo County ist eine wohlhabende Region. Eigentlich. In normalen Jahren gibt es genug Oberflächenwasser, um Gemüse- und Maisfelder zu bewässern. Ein indisches Unternehmen baut eine Straße quer durch Baringo, womit die Bauern Zugang zum Markt in der rund 100 Kilometer entfernten Großstadt Nakuru bekommen. Doch die meisten Menschen hier betreiben keinen Ackerbau. Sie züchten Vieh. Ziegenherden von bis zu 1000 Tieren und Rinderherden mit 500 Tieren sind eher die Norm als die Ausnahme. Wo diese Herden durchgezogen sind, steht kein Grashalm mehr. Die Böden sind ausgelaugt, weil sie dem Ansturm der Wiederkäuer nicht gewachsen sind. Und mit der zunehmenden Versteppung versiegen irgendwann auch die natürlichen Wasserlöcher.

          „Mit der Dürre können wir leben, aber nicht mit diesen Riesenherden, die alles zertrampeln“, sagt Hellen Juma, die Dorfchefin von Samoi Soi in der Nähe der Stadt Kabarnet. In einem anderen Kontinent wäre Kabarnet vermutlich ein Luftkurort mit teuren Unterkünften. In Kenia bleibt der hochgelegenen Stadt mit ihrem milden Klima nur die Rolle des Marktfleckens für die Mais- und Gemüsebauern aus den Hügeln ringsum. Mit den Viehzüchtern unten im Tal will man in Kabarnet nicht viel zu tun haben, schon deshalb nicht, weil sie zur Ethnie der Pokot gehören. Die gelten als wild, rauflustig und rücksichtslos. Die Pokot beschützen ihre Herden mit Sturmgewehren. Und sie sind der Ansicht, ihre Rinder hätten immer und überall Vorfahrt. „Du wachst eines Morgens auf, und 200 von diesen Viechern stehen in deinem Maisfeld, und du kannst nichts dagegen tun, weil der Hirte eine Kalaschnikow trägt und die notfalls auch benutzt“, schildert Hellen die Spannung zwischen den Farmern auf den Hügeln und den Züchtern im Tal. Hält sie das Ausmaß der Dürre für menschengemacht? „Natürlich“, sagt Hellen, „die vielen Tiere sind schuld.“

          Weitere Themen

          „Spiderman“ hilft Notre–Dame Video-Seite öffnen

          Waghalsige Aktion : „Spiderman“ hilft Notre–Dame

          Aus Hilfsbereitschaft für eines der bekanntesten Bauwerke von Paris, hat der Franzose Alain Robert hat einen Wolkenkratzer frei und ohne Sicherung bei starkem Wind erklommen- mit einem bitteren Ende.

          Tote bei Hochwasser in Iran Video-Seite öffnen

          Naturkatastrophe : Tote bei Hochwasser in Iran

          Im Süden des Landes sollen wegen Überschwemmungen mehrere Menschen ums Leben gekommen sein. Auch weitere Provinzen befänden sich in Alarmbereitschaft.

          Topmeldungen

          TV-Kritik: Hart aber fair : Mehr Daniel Düsentrieb wagen!

          Zuerst sendet die ARD eine Dokumentation über Kaiserpinguine und den Klimawandels. Dann überrascht die Diskussion bei Frank Plasberg, weil einige der üblichen Verdächtigen aus den ihnen zugedachten Rollen treten. Ein autoliebender Journalist aber bleibt sich treu.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.