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Katholische Kirche : Seelsorge für Seelsorger

Müllers selbstgewählte Aufgabe: Priestern, Ordensleuten und auch Laien dabei helfen, über ihr Leben intensiv nachzudenken Bild: Tobias Schmitt

Wunibald Müller hat einen Ort geschaffen, an den sich Priester zurückziehen können, die in einer tiefen Krise stecken. Zu ihm nach Münsterschwarzach kommen auch Männer, die Kinder missbraucht haben. Therapiert werden sie dort aber nicht.

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          Der Priester, der Wunibald Müller gegenübersaß, war sich keiner Schuld bewusst. Einen Gefallen habe er dem Kind getan. Und Spaß habe es dem Kind ja auch gemacht. Müller dachte an seine eigenen Kinder, an seine Tochter Dorothea, die inzwischen Deutsch und Englisch in München studiert, und seinen Sohn Thomas, der sich derzeit in Kalifornien anschickt, in die Fußstapfen des Vaters zu treten. Ihm war "zum Kotzen" zu Mute. Trotzdem sei es seine Pflicht gewesen, dem Mann - "eindeutig ein Pädophiler" - weiter zuzuhören und sogar "Barmherzigkeit" zu zeigen. "Auch die Täter haben Anspruch auf einen anständigen Umgang." Davon ist der Katholik Müller überzeugt. "Man darf auch nicht vergessen, dass viele von ihnen selbst als Kinder oder Jugendliche missbraucht wurden." Tränen allerdings müsse man nicht vergießen für Priester, die Kinder sexuell missbraucht oder misshandelt haben und nun im Gefängnis ihre gerechte Strafe absitzen.

          Peter-Philipp Schmitt

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Wie nahe ihm das Gespräch mit dem Priester damals gegangen war, merkte Müller erst in den Tagen und Wochen danach. Ihm fiel es schwer, sich seinen anderen Gästen im Recollectio-Haus zu stellen. Dabei ist genau das seine selbstgewählte Aufgabe: Priestern, Ordensleuten und auch Laien zu helfen, über ihr Leben intensiv nachzudenken. Zu ihm kommen Menschen, Männer wie Frauen, die in eine existentielle Krise geraten sind. Die an sich selbst, an ihrem bisherigen Leben, an ihrer Kirche zweifeln und verzweifeln. Die neue Kraft brauchen, ihrer Berufung weiterhin zu folgen. Die geistliche und psychotherapeutische Begleitung benötigen, damit sie ihren Beruf nicht einfach hinschmeißen. Doch wenn sie sich nach dem acht bis zwölf Wochen dauernden Langzeitkursus bei Wunibald Müller und seinen sechs Kollegen entscheiden sollten, der Kirche den Rücken zu kehren, finden sie in dem schlichten Zweckbau neben der Abtei Münsterschwarzach genügend Unterstützung, um den Schritt in ihr neues Leben zu wagen. Das Glück des Einzelnen ist dem promovierten Theologen Müller wichtiger als die Institution Kirche.

          Jeder hat vor Gott eine Chance zur Umkehr

          In Wunibald Müllers Büro hängt ein Ausschnitt aus dem Rembrandt-Gemälde "Die Heimkehr des verlorenen Sohnes" (1668/1669): Die Hände des Vaters ruhen auf den Schultern des missratenen Sohnes, der reumütig zurückgekehrt ist und vor ihm kniet. Das Bild soll den Therapeuten bei seinen Gesprächen daran erinnern, dass vor Gott keiner unwürdig ist und jeder - egal, welcher Verfehlung er sich auch schuldig gemacht hat - eine Chance zur Umkehr hat.

          Die Perlenkette in der Hand erinnert Müller an die Verbindung mit einer größeren Macht

          Müller hat es immer mal wieder auch mit Kirchenleuten zu tun, die sich schwer versündigt haben. In solchen Sitzungen, meist bleibt es bei einem Vorgespräch. Weil der Patient in Münsterschwarzach nicht therapiert werden kann, greift Müller oft zu einem kleinen Rosenkranz, wie sie in der russisch-orthodoxen Kirche gebräuchlich sind. Er streift ihn vom rechten Handgelenk ab und lässt die Holzperlen durch die Finger gleiten als "Vergewisserung, dass da eine größere Macht ist, mit der ich mich verbünden kann".

          Vor einiger Zeit hatte Wunibald Müller beschlossen, sich nicht mehr öffentlich zum sexuellen Missbrauch Minderjähriger im kirchlichen Kontext zu äußern. "Ich wollte unsere Einrichtung nicht in einen so engen Zusammenhang mit diesem Thema bringen." Gerade weil Pädophile nicht im Recollectio-Haus behandelt werden. Doch dann brach das von der Kirche seit Jahren unterdrückte Thema über Deutschland und auch über Wunibald Müller herein. Kaum ein anderer hat sich seit Jahrzehnten so intensiv mit sexuellem Missbrauch, mit Pädophilie und Ephebophilie (dem sexuellen Interesse an pubertierenden Jungen) beschäftigt wie Müller - auch und gerade im Zusammenhang mit Homosexualität und Zölibat.

          Müller hielt die „geistige Enge“ nicht aus

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