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Kastration mit Schmerzmittel : „Nur der Wundschmerz danach wird blockiert“

  • Aktualisiert am

Junger Sauhaufen: fünf Monate alte Ferkel in einem Stall in der Nähe Dresdens Bild:

Männliche Ferkel werden kastriert, um dem Fleisch den sogenannten Ebergeruch zu nehmen. Von heute an darf der Eingriff nur noch mit Schmerzmitteln vorgenommen werden. Der Agrarbiologe Eberhard von Borell erklärt, was das für die Tiere, die Landwirte und den Markt bedeutet.

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          Männliche Ferkel werden kastriert, um dem Fleisch den sogenannten, an Urin erinnernden Ebergeruch zu nehmen. Von heute an darf der Eingriff nur noch unter Verabreichung von Schmerzmitteln vorgenommen werden. Tierschutzverbände haben dies gefordert. Hinter der Entscheidung steht aber auch der Lebensmittelhandel, der sich positiv darstellen will, wie der Agrarbiologe Eberhard von Borell erklärt. Den Schmerz bei der Operation könne man mit der Methode allerdings nicht vollständig blockieren, nur den Wundschmerz danach. Für die völlige Ausschaltung brauchte man eine Vollnarkose.

          Herr von Borell, bislang hielten Landwirte die wenige Tage alten Ferkel lediglich fest, schnitten die Haut auf und entfernten die Hoden. Sie sind der deutsche Vertreter in einem Expertennetzwerk, das die Europäische Kommission hinsichtlich der Ferkelkastration berät. Nun setzt Deutschland nach jahrelanger Debatte als eines der ersten Länder Schmerzmittel ein. Wie kam es dazu?

          Die Diskussion hat eine unerwartete Eigendynamik bekommen. Dabei haben Umfragen ergeben, dass die meisten Verbraucher gar nichts von der Kastration wissen. Hinter der Entscheidung, Ferkeln jetzt ein Schmerzmittel zu verabreichen, steht der Lebensmittelhandel, der sich positiv darstellen will. Die Forderung kommt aber besonders auch von Tierschutzverbänden. Die neue Regelung betrifft die im sogenannten QS-System erzeugten Tiere, das sind nach Angaben des Bauernverbandes 90 Prozent aller Ferkel. Dieses Qualitätssicherungssystem ist ein Interessenverband, der Lebensmittel auf verschiedenen Stufen - vom Landwirt bis zum Einzelhandel - überprüft. Das QS-System und der Bauernverband erkennen den Tierschutz zunehmend als Qualitätskriterium. Ganz verzichten auf die Kastration will man noch nicht, weil das Fleisch männlicher Tiere den sogenannten Ebergeruch annimmt.

          Agrarbiologe Eberhard von Borell

          Wie muss man sich eine Kastration mit einem Schmerzmittel vorstellen?

          Man spritzt das Mittel direkt vor dem Eingriff in die Nackenmuskulatur des Ferkels. Allerdings kann man damit den eigentlichen Schmerz bei der Operation nicht vollständig blockieren, nur den Wundschmerz danach. Für die völlige Ausschaltung bräuchte man eine Vollnarkose.

          Das heißt, der Schmerz während der Operation wird gar nicht gelindert?

          Die Ferkel reagieren weiter auf den Eingriff. Das Schmerzmittel mildert vor allem den Wundschmerz, den die Ferkel später haben. Wir haben hier an der Universität Halle-Wittenberg untersucht, wie sich die Ferkel nach der Kastration mit und ohne Schmerzmittel sowie mit Vollnarkose verhalten. Die Ferkel, die mit Schmerzmitteln behandelt wurden, hatten bei der sogenannten Saugordnung an den Zitzen der Mutter Vorteile gegenüber denen, die keins erhielten - aber auch gegenüber denen, die unter Vollnarkose operiert wurden. Die mit Schmerzmittel behandelten Tiere eroberten sich ihre angestammte Zitze schneller wieder zurück, ihr Platz in der Rangordnung wurde also weniger beeinträchtigt. Die Tiere in Vollnarkose empfinden zwar keinen Schmerz, aber sie kommen auch erst nach längerer Zeit wieder auf die Beine. Insofern ist das jetzt schon ein kleiner Schritt in die richtige Richtung.

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