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Ruhe in Frieden : Der alte Friedhof ist tot

  • -Aktualisiert am

Grabesstille: Reiner Sörries ist Leiter des Kasseler Museums für Sepulkralkultur. Bild: Picture-Alliance

Nach fast 25 Jahren im Amt geht der Direktor des Kasseler Museums für Sepulkralkultur in den Ruhestand. Er hat in dieser Zeit einen epochalen Wandel bei der Grablege erlebt.

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          Den Namen des Museums auszusprechen fällt vielen Zeitgenossen schwer. Das musste auch Reiner Sörries feststellen, wenn er samt seiner Funktion als Redner vorgestellt wurde. Bis vor wenigen Tagen war Sörries, Jahrgang 1952, Direktor des Museums für Sepulkralkultur in Kassel. Der Name des Hauses, das ohne seinen Gründungsdirektor Hans-Kurt Boehlke wohl nicht entstanden wäre, leitet sich vom lateinischen „sepulcrum“ her, dem Wort für Grablege. Sörries, der Theologie, Christliche Archäologie und Kunstgeschichte in Erlangen studierte, wo er nach Promotion und Habilitation jetzt als Professor tätig ist, war seit der Eröffnung des Museums im Jahr 1992 Direktor des Museums in Kassel. Seinen Posten hat nun Werner Tschacher angetreten, der bisher Kurator des Neuen Stadtmuseums Aachen war.

          Tschacher übernimmt ein wohlbestelltes Haus. „Es kommen immer mehr Menschen in unser Museum“, sagt der evangelische Theologe Sörries nicht ohne Stolz. Waren es nach der Eröffnung des Hauses rund 10.000 Besucher im Jahr, sind es heute bis zu 30.000. Es gebe allerdings gute und schlechte Jahre. Die Besucher stimmten mit den Füßen ab. Einst sei das Haus als ein Ort der Friedhofskultur gedacht gewesen. Nach und nach habe er aber die Hälfte der Grabsteine aus dem Museum geräumt. Denn das Museum sei das, was das Publikum heute verlange: ein Haus der Sterbekultur.

          Vielleicht war es kein Zufall, dass das Museum eröffnet wurde, als ein epochaler Umbruch einsetzte. „Erstens: Kein Mensch, außer einem spezialisierten Historiker, interessiert sich mehr für den alten Friedhof“, stellt Sörries fest. „Und zweitens lassen sich die Leute nichts mehr sagen.“ Er verweist auf die Hospizbewegung, die Häuser zum Sterben abseits der Krankenhäuser errichtet und damit einer tiefgreifenden Veränderung im Denken und Fühlen nachgegeben und dem zuvor nicht artikulierten Wunsch Abertausender Menschen zum Durchbruch verholfen haben: „Die Leute wissen selbst, wie man am besten stirbt.“

          Die Friedhöfe erzählen von Migration

          Hospize, anknüpfend an das prämoderne Krankenhaus, seien mittlerweile wieder selbstverständlich. Um den reichlich beklagten und meist als Verlust beschriebenen Wandel in der Sterbe- und Friedhofskultur zu verstehen, lohnt ein Blick in die Geschichte der Friedhöfe, die zugleich die Menschheitsgeschichte umfassend wie kaum ein anderes Zeugnis dokumentiert. Heute nähert sich der Friedhof wieder dem an, was er schon einmal war: eine Heimstatt, wo Menschen, die eine gemeinsame Idee, ein gemeinsames Faible, ein Glaube oder eine Herkunft verbindet, im Tod zusammen sein wollen.

          Die Friedhöfe erzählen vor allem von der Migration, ohne die es Europa, wie es heute existiert, nicht gäbe. Die Juden zum Beispiel behielten auch in der Fremde ihre eigene Kultur, wie der älteste noch am ursprünglichen Ort erhaltene jüdische Friedhof mit Namen „Heiliger Sand“ in Worms aus dem Jahr 1034 veranschaulicht. Die Reformation Martin Luthers trennte im 16. Jahrhundert auch die Toten in Katholiken und Protestanten. Noch bis ins späte 19. Jahrhundert wurden Protestanten aus München in Augsburg bestattet, weil es in der Stadt des Religionsfriedens einen evangelischen Friedhof gab, aber nicht in München.

          Die Hugenotten, die reformierten Glaubensflüchtlinge aus Frankreich, die vor allem in Hessen-Cassel und Preußen Aufnahme fanden, blieben auf Friedhöfen noch eine ganze Weile unter sich. Und als im 19.Jahrhundert der erste russisch-orthodoxe Friedhof in Berlin entstand, ließ der Zar sogar russische Erde für ihn bringen. In der italienischen Hafenstadt Livorno gab es im 17. Jahrhundert neben dem landesüblichen katholischen Friedhof auch einen muslimischen, einen niederländisch-protestantischen und einen englisch-protestantischen. Sörries sieht diese Vielfalt als Ausdruck der Toleranz und Akzeptanz dem anderen gegenüber – besonders Minderheiten.

          Glaube an Machbarkeit

          Die Friedhöfe, wie sie vom 19. Jahrhundert an bis zum Ende des 20. Jahrhunderts im westlichen Europa typisch waren, entstanden nach der französischen Revolution im Geist von der Gleichheit der Menschen und in einem positivistischen Machbarkeitsglauben. Auf den modernen Friedhöfen sollte keiner aus der Reihe tanzen, sondern im Reihengrab, so wie man mit der Zeit starb, die letzte Ruhe finden. Diese Strenge ließ sich nicht überall durchsetzen, auch weil das Leitbild der neuen bürgerlichen Kleinfamilie mit den Familiengräbern das Bild der Friedhöfe zu prägen begann.

          Bis zu 30.000 Schauer-Lustige besuchen das Museum im Jahr.
          Bis zu 30.000 Schauer-Lustige besuchen das Museum im Jahr. : Bild: dpa

          Die neuen Grabfelder waren freilich auch nach hygienischen Aspekten angelegt. Aber der Positivismus, der Glaube an die Machbarkeit, ging über den Willen, die Hygiene zu heben, weit hinaus – wie etwa die Eugenik beweist. Sörries berichtet von Plänen, die Leichen mit Hilfe von Ballonen in große, eisige Höhen aufsteigen zu lassen, um sie dort zu konservieren, bis der Fortschritt eines Tages ihre Rückkehr ins Leben erlaubte. Diskutiert wurden auch die Verarbeitung der sterblichen Reste zu einer Art gläsernem Baustoff und die Konstruktion einer Leichenrohrpost, um die Hospitäler mit dem Friedhof zu verbinden. Nicht alle Exponenten einer wahren Sepulkralkultur der Moderne wurden Wirklichkeit.

          Mit dem Ende der Moderne und einer zunehmenden Pluralisierung der Gesellschaft wandelte sich dann am Ende des 20.Jahrhunderts die Sterbe- und Friedhofskultur noch einmal epochal. „Wir wollten die Gleichheit der Gesellschaft“, sagt Sörries. Und die funktioniere eben nicht – auch nicht auf dem Friedhof. Während für einen großen Teil der Gesellschaft der Tod noch immer mit einem Tabu belegt ist, nehmen sich viele gesellschaftliche Gruppen ihrer selbst und auch ihrer Toten an.

          Die Aidskranken zum Beispiel, die sich lange allein gelassen und ausgeschlossen fühlten, oder auch Ehepaare, die ein Kind durch Fehl- oder Totgeburt verloren haben, bestatten ihre Toten heute ganz bewusst auf eigenen Flächen. Während der Volkstrauertag zunehmend als ein unzeitgemäßes Hindernis wahrgenommen wird, sind Gedenktage wie der Weltaidstag am 1. Dezember oder das „Worldwide Candle Lighting“ am zweiten Sonntag im Dezember populär geworden, an dem verwaiste Eltern ihrer verlorenen Kinder gedenken. „Wir schaffen uns unsere eigenen Trauertage“, sagt Sörries. „Und dazu passende Friedhöfe.“

          Rekonfessionalisierung der Sterbe- und Trauerkultur

          In Berlin-Wannsee sorgt sich die Diakonie im Hospiz nicht nur um die Sterbenden, sondern auf einem Gemeinschaftsgrabfeld auch um die Toten, die in ihrem Haus gestorben sind und keine Angehörigen mehr haben. Nicht nur in den früh reformierten und heute weithin konfessionslosen Niederlanden und in Großbritannien gibt es Grabfelder für Fußballfans, sondern auch „auf Schalke“ und in Hamburg. Die Gräber für die HSV-Fans liegen in Sicht- und Hörweite des Stadions. Zudem eröffnet das Internet immer neue Möglichkeiten des Erinnerns und Gedenkens, Texte werden hinterlassen und virtuelle Kerzen entzündet.

          Der Theologe Sörries spricht von einer Rekonfessionalisierung der Sterbe- und Trauerkultur. Mit Konfession meint er das Bekenntnis zur eigenen Identität, indes die Wahlfamilie die biologische Familie ersetzt, da mit dem demographischen Wandel die Familien immer kleiner würden, bevor sie verlöschen. Andere Menschen träten an die Stelle von Eltern, Geschwistern und Kindern, und der „soziale Tod“ verdränge den wahren Tod.

          In diesem Sinne sind die Muslime, die in Deutschland in Familien leben und ihre eigenen Grabfelder pflegen, die wohl konservativsten Wertebewahrer in einer sich wandelnden Sepulkralkultur, die ihrerseits anknüpft an das Prämoderne: Den Friedhof als Heimstatt einer Identität stiftenden Gemeinschaft.

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