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Kasseler Massengrab : Langsame Zersetzung im Liegemilieu

  • -Aktualisiert am

Im Gräberfeld: Marcel Verhoff Bild: dpa

Der Rechtsmediziner Marcel Verhoff untersucht die Skelette aus Kassel. Strafrechtlich sind sie nach seiner Ansicht nicht mehr von Bedeutung. Indes stützen seine Befunde die Theorie, dass es sich bei den Opfern um Krankenschwestern handeln könnte.

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          Viele Schädel zeigen ein auffallend intaktes Gebiss. Das lässt darauf schließen, dass die Menschen zum Zeitpunkt ihres Todes ziemlich jung waren. Vor allem fanden sich die Skelette junger Männer. Kinder waren nicht unter den Toten. Diese erste Einschätzung zu jenen Dutzenden Skeletten, die auf einer Baustelle am Unicampus in Kasseler gefunden wurden, stammen vom Gießener Rechtsmediziner Marcel A. Verhoff. Nach seiner Analyse haben die Gebeine mindestens 50 Jahre im Erdreich gelegen. „Strafrechtlich sind sie nicht mehr relevant.“ Sollte überhaupt eine Straftat vorgefallen sein, wofür es bislang keine Indizien gibt, wäre die Vorstellung illusorisch, die Täter nach einer solchen Zeit noch zur Rechenschaft ziehen zu können.

          Verhoff will genauere Ermittlungsergebnisse noch nicht preisgeben. Er widerspricht aber nicht der These, dass es sich um einen Bestattungsplatz gehandelt haben könnte, der von einem Hospital genutzt wurde. Insofern stützen seine Befunde den Kasseler Historiker Christian Presche (Siehe: Eine Erklärung der Skelettfunde von Kassel: Ein Typhus von bösartigem Typus), der annimmt, dass Typhustote hier ihre letzte Ruhe fanden. Dass Verhoff auch Skelette junger Frauen fand, fügt sich ebenfalls in diese Theorie: Es könnte sich um Krankenschwestern gehandelt haben, die sich in Ausübung ihres Berufes infiziert hatten.

          Das „Liegemilieu“ ist entscheidend

          Die Verwesung von Organismen durch Selbstauflösung, Bakterien oder Tierfraß ist von vielen Umständen abhängig. Bis ein unbestatteter Leichnam in der warmen Jahreszeit in Mitteleuropa skelettiert sei, sagt Verhoff, vergehen zwei bis drei Monate. Liegt ein Leichnam ungeschützt, legen schon bald Insekten ihre Eier auf ihm ab. Im Grab aber, sagt Verhoff, gebe es keine Insekten, sofern sie nicht mit dem Leichnam begraben worden seien. Sei es zu warm, mumifiziere der Leichnam, sei es zu feucht, bilde sich durch Veresterung des köpereigenen Fettes das Fettwachs, das den Leichnam konserviere. Werde der Leichnam bestattet, vergingen bis zur Skelettierung meist Jahre, und komme es in feuchten Gräbern zur Fettwachsbildung, auch Jahrzehnte. In Deutschland sei nach fünf bis sechs Jahren „noch alles zu sehen, was man sehen will“.

          Mitentscheidend für den Verwesungsprozess sei die Jahreszeit zum Todeszeitpunkt und die Bekleidung des Leichnams. Vor allem aber ist das „Liegemilieu“ entscheidend. Es kann in der freien Natur, aber auch am Friedhof von Meter zu Meter und im Lauf der Zeit variieren, etwa wenn der Grundwasserspiegel steigt und fällt. Ist der Boden sauer oder basisch? Im Moor zum Beispiel gerbt die dort vorhandene Huminsäure die Weichteile und zersetzt die Knochen. Auch das Holz des Sarges kann gerben. Werden Gräber nach Ablauf der Ruhezeit geöffnet, sagt Verhoff, werden die sterblichen Reste in Deutschland häufig tiefer gelegt, bevor der nächste Leichnam im Grab beigesetzt wird.

          Im sauren Boden lösen sich die Knochen rasch auf

          Ist der Leichnam schließlich skelettiert, hängt auch die Zersetzung der Knochen vom Liegemilieu ab. Im sauren Boden lösen sich die Knochen rasch auf. Unter bestimmten Bedingungen können die Gebeine aber sogar so lange erhalten bleiben, dass sie uns Kunde vom Neandertaler geben. Kommen bestimmte Mineralien im Erdreich vor, kann der Knochen nach dem Tode an Größe und Gewicht gewinnen, wenn die Fremdstoffe den Platz der vergangenen organischen Bestandteile einnehmen. Dann versteinert der Knochen. Hat der Knochen keine Erdberührung, etwa in einer Gruft, bildet sich Brushit, ein Salz, das wie Puderzucker aussieht, aber fest am Knochen haftet.

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