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Kasachstan : Der Lebensbaum mit dem goldenen Händchen

  • -Aktualisiert am

Der von Sir Norman Foster entworfene Bajterek-Turm wird im Volksmund „Aschenbecher” oder „Uefa-Pokal” genannt Bild: Axel Wermelskirchen

Astana, die neue Hauptstadt Kasachstans, ist eine Fata Morgana in der zentralasiatischen Steppe. Seither haben die bekanntesten Architekten der Welt dort ihre Solitäre gebaut. Der Blick in die Wunschzukunft ist aber nur ganz oben zu haben, im Bajterek-Turm, dem Lebensbaum.

          Sie legen, ob alt oder jung, die Hand in den goldenen Abdruck und wünschen sich was - jeder still für sich, fotografiert von Verwandten. Wer nur fest genug glaubt, dem geht der Wunsch in Erfüllung. Der Handabdruck ist der ihres Präsidenten Nursultan Nasarbajew, des 70 Jahre alten Alleinherrschers im zentralasiatischen Kasachstan. Das Parlament in der Hauptstadt Astana hat Nasarbajew im Sommer zum „Führer der Nation„ auf Lebenszeit ernannt. Bis 1991, als Kasachstan beim Zerfall der Sowjetunion unabhängig wurde, war er KP-Vorsitzender der kasachischen Sowjetrepublik. Für den goldenen Handschlag sind schon viele von weither gekommen, aus den Steppen des neuntgrößten Landes der Erde mit seinen 16 Millionen Einwohnern. Ergriffen, wie sie meist dreinschauen, gilt ihr stiller Wunsch vorerst wohl nicht freien Wahlen.

          Von dort oben, der 97 Meter hohen Aussichtsplattform des Bajterek-Turms, schauen die Kasachen auf ihre seit 1998 wachsende neue Hauptstadt Astana. Nasarbajew befahl, sie zu errichten, im Norden des Landes, von wo er stammt und wo er ein nationales Trumm in die Steppe setzen wollte gegen die noch immer zahlreichen Russen dort. Geld spielt keine Rolle, Kasachstan ist reich an Öl und Gas, die Wirtschaft wächst, und wie man hört, hat das Privatvermögen des Präsidenten und seiner drei Töchter Midassche Ausmaße erreicht.

          Das goldene Ei im Turm misst 22 Meter

          Der Turm, errichtet nach Plänen des Erbauers der Reichstagskuppel Sir Norman Foster, symbolisiert den Lebensbaum. In sagenhafter Zeit kam ein Vogel geflogen, Samruk, und legte ein Ei in die Krone. Das Ei im Turm misst 22 Meter im Durchmesser und glänzt golden an gegen auswärtige Schmähungen („Uefa-Pokal“) und Volkes Stimme („Aschenbecher“). Jetzt, im September, stehen unten auf dem magistralen Boulevard noch die Blumenrabatten in Blüte, bei 30 Grad. Im Winter wird es den 700 000 Astanern auch schon mal 30 Grad kalt, und der Lebensbaum steht meterhoch im Schnee. Mancherorts auf der Prachtstraße zeugen zerbrochene Platten von dieser Steppenamplitude.

          Der von Sir Norman Foster entworfene Bajterek-Turm wird im Volksmund „Aschenbecher” oder „Uefa-Pokal” genannt Bilderstrecke

          Am einen Ende des Boulevards steht Nasarbajews Präsidentenpalast, wahrlich kein kleines Gebäude, am anderen Ende der amphitheatralische Bogen des staatlichen Rohstoffgiganten Kasmunaigas. Dazwischen, singulär und solipsistisch, die Ministerien und Banken, die Paläste der Kultur, die Tempel des Konsums und auch die goldene Kuppel der Nur-Astana-Moschee (Bild unten rechts). Am Reißbrett entwerfen durfte die Stadt der Japaner Kisho Kurokawa, und man erzählt sich, nach Einwänden Nasarbajews habe er sie in eineinhalb Stunden mal eben mit zornigem Filzstift neu gemalt. Die Sowjet-Plattenbauten am Rand der neuen Mitte - Astana hieß zuvor Selinograd und Aqmola (Weißes Grab) - erhielten frische Fassaden, damit sie den Aufbruchsglanz nicht beflecken. Was dem großen Boulevard augenscheinlich noch immer fehlt, sind Leute. Zwar bewässern zahlreiche Gärtner die Rabatten, und zwischen den Ministerien läuft die Elite des Landes in dunklem Anzug geschäftig zu den Dienstlimousinen okzidentaler Fertigung. Aber sonst ist nicht viel los auf der Magistrale an diesem Septembermittag. Selbst am Fuß des Bajterek fotografieren nur wenige Touristen die weiße Hochzeitskutsche. Vielleicht liegt es daran, dass Astana in seiner Mitte so sagenhaft wirkt wie der Vogel Samruk, so als böge gleich der Herr der Ringe um die Ecke, Arm in Arm mit Darth Vader.

          Immerhin kann man die neue Stadt schnell verlassen, auch ohne eine der vielen Buslinien: an die Straße stellen, die Hand anwinkeln, schon hält ein Wagen. Zum Flughafen? Ja, 2000 Tenge! Das sind gut zehn Euro. Auf der Fahrt erzählt der Astaner noch, wie letzthin Finanzbeamte die Hand heraushielten, zustiegen und ihm eine Geldbuße auferlegten. Der Taxi-Zuverdienst ist nicht erlaubt, auch nicht im Phantasialand.

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