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Karnevalswagen : Satire in Styropor

  • -Aktualisiert am

Aus Rache ein bisschen kräftiger geraten: Julia Klöckner; neben ihr Ministerpräsidentin Malu Dreyer. Bild: Sick, Cornelia

Die Wagen für den Mainzer Rosenmontagsumzug sind beinahe fertig. Ob Steinbrück, Klöckner oder Wowereit - allen kriegen ihr Fett weg. Nur der umstrittenste Pfälzer der vergangenen Wochen ist nicht dabei.

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          Brüderle fehlt. Unter den 15 Motivwagen, die in der Lagerhalle des Mainzer Carneval-Vereins auf ihren großen Auftritt am kommenden Rosenmontag warten, finden sich weder Kuheuter noch junge Journalistinnen im Dirndl - und auch keine kalauernden FDP-Granden. „Zu kurzfristig“, sagt Kay-Uwe Schreiber, der Marschall des Rosenmontagsumzugs. „Um so einen Wagen in der Qualität hinzukriegen, brauchen Sie mindestens vier Wochen Vorbereitungszeit, da kam die Debatte zu spät.“ Außerdem sei das in Mainz kein großes Thema, Rainer Brüderle ein beliebter Politiker und überhaupt, Sexismus? „Das machen wir doch jedes Jahr.“

          Im Jahr 1838 gab es in Mainz den ersten Rosenmontagsumzug, seit 1840 dominiert politische Satire die Gestaltung der Motivwagen. Seit Monaten arbeiten die Mainzer an den Wagen; mehr als 10.000 Arbeitsstunden stecken in den großen Styropor-Konstruktionen, die am Dienstag den Journalisten vorab gezeigt werden. Thematisch kommen Lokal- und Bundespolitik zu ihrem Recht, und in der Kommentierung darf es gerne etwas deftiger zugehen.

          Der glücklose SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück etwa hat seinen Auftritt in einem zerrissenen Nadelstreifenanzug, aus dessen Taschen die Scheine fallen. Hunde („die Presse“) und Wölfe („die Linke“, „Andrea Nahles“) streiten sich um das letzte Stück Stoff. Eine dicke Eisenkugel mit der Aufschrift „Kanzlergehalt“ hält den Kandidaten zurück. Der Titel des Arrangements: „Größtmögliche Beinfreiheit.“ „Und zwischen die Füße“, freut sich Dieter Wenger, der den Bau der Wagen seit Jahrzehnten betreut, „schmeiße ich ihm noch eine Flasche Pinot Grigio. Aber den für 3,95 Euro.“

          Hemdsärmel voll Geld: Peer Steinbrück Bilderstrecke

          Dass den Wagenbauern der Brüderlesche Stil nicht unbedingt fremd ist, bestätigt sich kurz darauf. Einer der Wagen zeigt Julia Klöckner (CDU) und ihre politische Konkurrentin in Rheinland-Pfalz, Malu Dreyer (SPD), beim Wettstreit vor dem Spiegel. Der fragt zwar politisch korrekt „Wer ist die Beste im ganzen Land?“ Beide Frauen sind vollständig bekleidet und nur schwach dekolletiert. Das Motiv wäre also unspektakulär, wäre da nicht der Hintergrund.

          Julia Klöckner, erzählt Wenger, sei dieses Mal absichtlich ein bisschen kräftiger geraten. Vor zwei Jahren hatten die Mainzer Karnevalisten die damalige Herausforderin Kurt Becks als barbusige Loreley abgebildet - die schwarz-rot-goldene Schärpe bekam die Figur erst, nachdem Klöckner sich beschwert hatte. „Dabei war sie damals doch eigentlich sehr wohlproportioniert“, findet Wenger. „Das hat sie nun davon.“ Beifälliges Gelächter unter den Anwesenden. Zwischenruf: „Die füllt jetzt jedes Dirndl aus.“

          Doch nicht nur Politikerinnen, auch der Rest der Welt bekommt sein Fett weg: Ein überdimensionierter amerikanischer Football-Spieler hat einen Schlauch im Hintern, an dessen Ende eine chinesische Luftpumpe steht- „Alles nur auf Pump“. „Dr. Fraport“ löst das Fluglärm-Problem, indem er den Betroffenen die Ohren abschneidet („Reine Kopfsache“), während ein vergreistes und mit Spinnweben bedecktes Männerpaar („Platzeck“, „Wowereit“) die Eröffnung des Berliner Flughafens auf den „Sankt Nimmerleinstag“ verschiebt. Bei einigen Motiven ist der Inhalt des politischen Kommentars allerdings weniger klar, etwa bei dem Mainzer, der verbissen am Zipfel der „Worscht“ zwischen seinen Beinen herumsäbelt („Meenzer Beschneidung“). Aber vielleicht ist das ja einfach ein Zugeständnis an den gesellschaftlichen Fortschritt: Weniger Brüste und mehr, na ja, Sie wissen schon. Wär doch mal was.

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