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Karneval : Von Allah zu Alaaf

  • -Aktualisiert am

Freut sich aufs Regieren: Füsun Mack Bild: Michael Schulz

Prinzessin Füsun lebt im Bonner Vorgebirge. Dort in Roisdorf herrscht die türkische Rheinländerin noch bis zum Aschermittwoch. Ihr Kleid hat sie selbst genäht - der Umhang zeigt Halbmond und Stern.

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          Die Prinzessin empfängt in ihrer Maisonette-Wohnung. Sie trägt Jeans und eine schwarze Bluse mit verspieltem Rüschendekolleté. Die dunklen Haare sind hochgesteckt, die Brille ruht auf dem Kopf. Durchs Fenster sind die Ausläufer von Roisdorf zu sehen, 6000 Einwohner, Rhein-Sieg-Kreis. Gleich hinter dem Haus verläuft die Durchgangsstraße. Die Lastwagen seien schon laut, sagt sie. Doch demnächst wird eine Umgehungsstraße gebaut, und die Fenster dämmen gut.

          Hier, im tiefsten Bonner Vorgebirge, leben Füsun Mack und ihre Untertanen, also jene Roisdorfer, die sich als „jeck“ bezeichnen lassen und die Regentschaft der karnevalistischen Tollität anerkennen. Rheinisches Brauchtum eben, wie es rund um Köln in Hunderten Orten anzutreffen ist.

          So richtig kann die Vierundvierzigjährige daher auch nicht verstehen, was gerade sie von anderen närrischen Regenten abhebt. Das Fernsehen war da und hat bei ihr gefilmt, sechs Stunden lang. Die Artikel aus den Lokalzeitungen liegen ausgeschnitten griffbereit. „Wenn ich 80 bin und am Strand sitze, dann lese ich die und denke: So jung warst du mal.“

          Lokalpolitiker nennen sie die „Integration in Perfektion“

          Der Strand in dieser Vorblende liegt am türkischen Mittelmeer. Bürgerin dieses Staates ist Füsun Mack bis heute. Und doch fühlt sie sich auch als Deutsche, als Rheinländerin. So hatte sie keinerlei Bedenken wegen ihrer Herkunft, als sie gefragt wurde, ob sie Karnevalsprinzessin werden wolle. Ihr Vorbehalt war viel praktischer: „Ich selbst könnte mir das nicht leisten.“ Ein Kleid, Hunderte Orden, ein Wagen, das Wurfmaterial für den Umzug und viele weitere Ausgaben sah die allein erziehende Mutter zweier Töchter auf sich zukommen. Doch Spenden und Sponsoren haben die Zweifel zerstreut.

          Und jetzt gilt sie als Beispiel für „Integration in Perfektion“, wie ein Lokalpolitiker sagte. Dabei fragt sich, ob Füsun Mack integriert sei, gar nicht, wenn man sie erlebt. Ihr Deutsch lässt weniger türkische Wurzeln als die rheinländische Schwäche erkennen, sich vom postalveolarem Zisch-Laut narren zu lassen. Dass sie jemals wie eine Einheimische würde reden können, war in ihren ersten Jahren in Deutschland nicht vorgezeichnet.

          Sie erzählt, wie ihre Grundschullehrerin in der Kreisstadt Siegburg sie an den Zöpfen zog und vor der Klasse verspottete, weil sie etwas falsch verstanden hatte und daher zu spät zur Schule gekommen war. Doch sie lernte es. „Mein Deutsch verdanke ich der Mutter meiner Freundin Doris.“

          Ein Kopftuch hat sie nie getragen

          Ihre Mitschülerin sei auch eine Außenseiterin gewesen, allerdings weil sie rote Haare hatte. „Wir wurden immer gehänselt. Heute nennt man das Mobbing.“ Doris’ Mutter habe konsequent mit ihr geübt, am Wochenende, beim Einkaufen, beim Spazierengehen. Dennoch beschritt die zehnjährige Füsun jenen Bildungsweg, den das deutsche Schulsystem zuverlässig für türkische Kinder bereit hält, und landete auf der Hauptschule. Hier jedoch machte sie bessere Erfahrungen. Für ihren Klassenlehrer empfindet sie tiefe Dankbarkeit. Herzblut habe der gehabt und sie positiv getrieben. Dass ihre sechzehnjährige Tochter heute das Gymnasium in Bonn besucht, hebt Füsun Mack nicht hervor. Alle in ihrer Familie hätten studiert, außer ihr. Das könnte auch an einer Kindheit liegen, die sie selbst als „Hin und Her“ beschreibt.

          Als sie in der türkischen Stadt Bursa zur Welt kam, habe ihr Großvater ihren Vater weggeschickt, weil der nicht gut für die Mutter gewesen sei. Ihre Mutter sei dann nach Deutschland gegangen, um Geld zu verdienen. Vier Jahre lang lebte die kleine Füsun bei ihrer Oma in der Türkei und wuchs dort im Kreis einer westlich orientierten Großfamilie auf, zu der 24 Enkel zählten. Als die Mutter sie nach Deutschland nachholen wollte, sei sie vor der fremden Frau weggelaufen, also sei die Oma mitgekommen. Das Verhältnis zur eigenen Mutter sei nie so innig geworden wie das zur Großmutter, deren Bild im Wohnzimmer hängt: ein ernstes Gesicht, eingerahmt von einem dunklen Kopftuch. Schon ihre Mutter habe das nicht mehr getragen. Füsun Mack und ihre zwei Töchter gehen auch unverschleiert.

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