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Karneval in Rio : Der Drache speit wieder Feuer

  • -Aktualisiert am

Ein Feuerwehrmann versucht am 7. Februar das Feuer zu löschen, das die Sambaschulen bedroht Bild: dpa

Ein Brand hat in Rio de Janeiro mehrere Sambaschulen heimgesucht. Tausende von Kostümen wurden vernichtet, mehrere der großen Mottowagen zerstört. Die Vorfreude auf den Karneval will sich davon trotzdem niemand nehmen lassen.

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          Stoisch warten die ägyptischen Götter auf den letzten Schliff. Pegasus gibt in der Mittagshitze seinen Versuch auf, sich in die Luft zu erheben. Ein Drache speit Feuer und wird zusammengeschweißt. In der Samba-Stadt, der „Cidade do Samba“ im Hafen von Rio de Janeiro, scheint alles wie immer. Nach dem Brand, der vier Wochen vor dem Karneval etliche Allegorie-Wagen und Tausende Kostüme vernichtete, hat sich fast schon wieder heitere Gelassenheit eingestellt. Der Karneval ist nicht in Gefahr – auch wenn drei Sambaschulen Maskeraden, Wagen und Figuren eingebüßt haben.

          „Wir werden alles tun, um wieder dabei zu sein“, sagt Nilo Figueiredo, der Präsident der Sambaschule „Portela“, in der Freiluftbar für die Arbeiter der Sambastadt, während auf dem gesamten Gelände gehämmert, geschraubt, geschweißt und gemalt wird. Die „Portela“ hat all ihre 2000 Kostüme, die „Fantasias“, im Feuer verloren. Die Allegorie-Wagen blieben weitgehend verschont. Doch die Halle, in der sie standen, ist einsturzgefährdet, sie wird abgerissen. Auf dem Parkplatz vor der Samba-Stadt wird nun unter provisorischen Zeltdächern an den Wagen weitergebaut.

          Auch ohne prunkvolle Kostüme gibt's keinen Punktabzug

          Die Zeit ist knapp, aber alle Kostüme sollen bis zu den närrischen Tagen wiedererstehen. Die Entwürfe sind in Computern gespeichert, doch die Beschaffung des Materials ist schwierig. Man müsse in anderen Bundesstaaten die Stoffe besorgen und oft andere Materialien nehmen, sagt Figueiredo. Zudem wurden bei dem Brand auch die Nähmaschinen und andere Geräte zerstört. Die „Portela“ kam dabei ebenso wie die „União da Ilha“ noch vergleichsweise glimpflich davon. Die Schule „Grande Rio“ verlor fast alles. Auch wenn sie Konkurrenten sind, helfen die anderen neun verschonten Sambaschulen, wo sie können: Näherinnen, Dekorateure, Schlosser, Schweißer haben ihre Dienste angeboten.

          Das gewaltige Feuer in der Samba-Stadt hat Tausende von Kostümen vernichtet

          Die drei heimgesuchten Vereine wollen beim Defilee im Sambodrom in möglichst perfekt wiederhergestellter Aufmachung mitmarschieren, außer Konkurrenz. Sie müssen in dem unter Aufsicht der „Unabhängigen Liga der Sambaschulen von Rio“ (Liesa) mit strengen Regeln ausgetragenen Wettstreit keinen Punktabzug befürchten, weil sie zu wenige Wagen oder keine prunkvollen Kostüme aufbieten. Vielleicht dürfen sie sogar mit einem Sonderlob rechnen, weil sie sich redlich um die Rekonstruktion ihrer Ideen bemüht haben.

          Bis zum brasilianischen Deutschland-Jahr ist alles wieder gut

          Die „Grande Rio“ hatte sich vorgenommen, auf ihren allesamt verbrannten acht Wagen eine „verzauberte Hexeninsel“ zu präsentieren. Wenigstens zwei der Allegorie-Gefährte will sie wieder auf die Räder stellen. Vor allem aber versucht sie, alle 3000 verbrannten Kostüme zu ersetzen. Die „União da Ilha“ hat noch ambitioniertere Pläne. Sie will, Charles Darwin zu Ehren, einen Wagen wieder aufbauen, auf dem mit einem ausgeklügelten Mechanismus die Bewegungen einer Spinne nachgeahmt werden. Die „Portela“ will der Farbe Blau die Ehre erweisen („Rio, blau vom Herzen bis zum Meer“). Für 2013, das in Brasilien als „deutsches Jahr“ begangen wird, wendet sich die Schule der deutschen Mythologie und Richard Wagner zu. Dann dürfte der Betrieb in der „Cidade do Samba“ wohl wieder perfekt laufen.

          Der Karneval ist ein Riesengeschäft. Im vergangenen Jahr wurden 450 Millionen Dollar umgesetzt. Allerdings fordert auch der hohe Kurs des Real seinen Preis: Die Zahl der Touristen ist zurückgegangen, weil Brasilien für viele Besucher aus dem Ausland zu teuer geworden ist. Jede Schule muss pro Saison zwischen 2,5 und 4,5 Millionen Euro für alle Kosten aufbringen. Die meisten Einnahmen stammen aus Eintrittsgeldern, Fernsehübertragungsrechten, CD-Vermarktung, Sponsorenzuwendungen und öffentlichen Zuschüssen.

          Ob die Versicherung den Schaden zahlt, ist noch unklar

          Der Brand reißt nun ein Riesenloch in die Kassen. Die Korporationen müssen Handwerker und Techniker, die Wagen herstellen und den Mummenschanz fertigen, ein zweites Mal bezahlen. Die Stadtverwaltung stellt zwar Zuschüsse in Aussicht. Doch ein Gericht hat nach Angaben von Nilo Figueiredo die Zahlungen untersagt. Beim Wiederaufbau der Hallen dürfte aber mit der öffentlichen Hand zu rechnen sein. Die drei Sambaschulen sollen für den Karneval 2012 wieder in den Hallen arbeiten können. Die Präfektur von Rio hat die „Sambastadt“ 2005 den Sambaschulen übergeben, die zuvor verstreut im Hafengebiet in teils prekären Gebäuden ihre Werkstätten unterhalten hatten. Seit dem Einzug in die properen Hallen können sie dort fast alles in eigener Regie fertigen.

          Ob die Versicherungen für die Brandschäden einspringen, ist noch offen. Denn über die Ursachen des Feuers, das vier der 14 Hallen erfasste, gibt es nicht einmal Spekulationen. Über den Stand der Ermittlungen wurde bisher nichts bekannt. Das Feuer brach am 7. Februar um kurz vor sieben Uhr aus. Die Sprinkleranlagen versagten oder reichten zumindest nicht aus. Die nächste Brandwache ist weit entfernt im Stadtzentrum von Rio, die Anfahrt der Feuerwehr dauert mindestens 15 Minuten. In der Rush-hour, wenn die Straßen zwischen Zentrum und Hafengebiet verstopft sind, benötigen sie noch viel mehr Zeit.

          „Man hatte sich ein so verheerendes Feuer einfach nicht vorstellen können“, sagt Figueiredo offenherzig. Dabei zählt er selbst die Liste der besonders feuergefährlichen Stoffe auf, die hier verarbeitet werden: Farben, Harze, Schaumstoffe. Trotzdem kam niemand auf die Idee, mehr für den Brandschutz zu tun, als für Sprinkleranlagen und Feuerlöscher zu sorgen. Immerhin schlägt Figueiredo nun vor, ein Feuerwehrauto in der Sambastadt zu stationieren. An den Allegorie-Wagen jedenfalls wird unbekümmert geschweißt, dass die Funken fliegen.

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