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Karlsruhe : Eine Innenstadt wird umgegraben

Ein Herz für die Fächerstadt: Karlsruhe wird auch als Baustelle geliebt Bild: Holger Tuttas / karlsruhe-staender.de

Stuttgart baut einen Bahnhof – Karlsruhe gönnt sich eine U-Bahn. Die Stadt ist seit zwei Jahren eine gigantische Baustelle, wie es sie in dieser Form nirgends sonst in Deutschland gibt.

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          Wenn die Stuttgarter das ertragen müssten, was den Karlsruhern gerade geschieht, würden die aufmüpfigen württembergischen Wutbürger wahrscheinlich jeden Tag demonstrieren. Karlsruhe ist seit zwei Jahren eine gigantische Baustelle, wie es sie in dieser Form nirgends sonst in Deutschland gibt. U-Bahn-Linien werden immer mal gebaut oder verlängert. Tunnel werden vielerorts gegraben, etwa in Schwäbisch Gmünd. Auch in Bad Godesberg und Düsseldorf wurde jahrelang gegraben. Karlsruhe aber, die angeblich so schläfrige badische Beamtenstadt, stöhnt unter der „Kombilösung“, der Untertunnelung der Kaiserstraße, die mal eine Flaniermeile war und noch heute die Haupteinkaufsstraße ist.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          „Kombilösung – Bewegt mich“ heißt der Werbespruch der städtischen Verkehrsbetriebe. Faktisch aber kommt man in Karlsruhe vor lauter Baustellen kaum noch voran, weder mit dem Auto noch zu Fuß. Zum Beispiel an der Kreuzung am Ettlinger Tor, wo der Informationspavillon „K-Punkt“ der „Kasig“ steht, der städtischen Baugesellschaft für das Projekt. Wer von der alten Oberpostdirektion aus, einem hässlichen Überbleibsel nationalsozialistischer Baukunst, in die Innenstadt will, der findet auf der Kreuzung zwar viele gelbe Markierungen. Was Fahrbahn, was Fußgängerweg ist, erschließt sich aber selbst nach längerem Studium nicht. „Man hat nicht mehr das Gefühl, in der Stadt flanieren zu können“, sagt eine ältere Dame an der Kreuzung. „Wenn das alles fertig ist, bin ich so alt, dass ich in die unterirdischen Bahnhöfe nicht mehr reinkomme.“

          Erste Planungen schon 1995

          Frank Mentrup verteilt an Besucher gern eine Ansichtskarte, auf der man sieben Baustellen sieht: „Grüße aus Karlsruhe“. Der Oberbürgermeister von der SPD kann sich das leisten, er ist erst kurz im Amt. Schon 1995 gab es erste Planungen. Karlsruhe gilt im öffentlichen Nahverkehr seit Jahrzehnten als vorbildliche Stadt, wegen des „Kombimodells“. Die Straßenbahnen benutzen, weil sie mit zweierlei Stromabnehmern ausgestattet sind, die Schienen der Regionalbahn. Mit den in den badischen Farben gehaltenen Straßenbahnen kann man von Heilbronn bis nach Bad Herrenalb fahren, also vom württembergischen Unterland bis in den Schwarzwald.

          Die Straßenbahn-Haltestellen sind wohnortnah, die Fahrgäste müssen weniger umsteigen. Als 1992 die Strecke Bretten–Karlsruhe in Betrieb ging, verdoppelte sich die Zahl der Fahrgäste binnen eines Jahres, auch weil die Bahn ihre Regionalstrecken verkommen ließ. Mülhausen, Saarbrücken, Kassel und Chemnitz haben das „Karlsruher Modell“ übernommen. Nachteil: Fast der gesamte Straßenbahn- und Regionalverkehr der Region wird durch die Innenstadt geführt. Alle 30Sekunden schiebt sich eine Straßenbahn über den Marktplatz. Die Kaiserstraße verlor Flair, und die Unfälle häuften sich.

          Vor 20 Jahren entdeckten die Straßenplaner deshalb den Charme kilometerlanger Tunnel. Sie schlugen vor, den Straßenbahnverkehr auf der Kaiserstraße und den Autoverkehr auf der Kriegsstraße unter die Erde zu verlegen. Daraus ist ein gigantisches Projekt entstanden: Für zunächst 496 Millionen Euro planten die Ingenieure 2002 einen 2,4 Kilometer langen Tunnel unter der Kaiserstraße. Zusätzlich sahen sie einen etwa einen Kilometer langen Südabzweig am Marktplatz vor. Dazu soll es sieben unterirdische Stationen geben, die alle in Weiß gehalten sind und sich, wenn sie 2019 fertig sind, vom Design eines Apple-Store nur in Nuancen unterscheiden dürften.

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