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Karl Drais : Die apokalyptischen Draisinenreiter

  • -Aktualisiert am

Ein Nachbau der Draisine in Aktion Bild: ddp

Eine Vulkanaschewolke führte 1816 dazu, dass der Haferpreis in astronomische Höhen stieg und die Pferde aus Futtermangel verendeten oder notgeschlachtet wurden. Vorhang auf für Karl Drais und seine automobile Idee.

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          Die Vulkaneruption des Tambora östlich von Bali blies 1815 mit einer Sprengkraft von 200 000 Hiroshima-Bomben 100 Kubikkilometer Vulkanasche bis in die Stratosphäre. Im nächsten Jahr kam die Asche auch in der nördlichen Hemisphäre an, zu erkennen an prächtigen Sonnenuntergängen auf den Gemälden Carl Spitzwegs und William Turners. Eine Klimakatastrophe auf der ganzen Welt war die Folge, mit Temperaturrückgang, Dauerregen und Schneefällen im Sommer. Urlaubende Engländer am Genfer See entwarfen und verfassten, durch nicht enden wollenden Regen ans Haus gefesselt, aus purer Langeweile Schauergeschichten: Mary Shelley den Roman „Frankenstein“ und John Polidori die Erzählung „Der Vampyr“.

          Die Zahl der Todesopfer lässt sich von den 70.000 Toten in der Vulkanregion über die Toten durch Hungersnot bis zu den Zigtausend Cholera-Opfern von 1831, unter ihnen den Philosophen Hegel, nicht einmal schätzen. Medizinhistoriker glauben, dass eine Hungersnot in Bengalen die Cholera ausbrechen ließ, die im Pilgerschritt über die Jahre bis nach Mekka und Europa getragen wurde. Weil die Napoleonischen Kriege die Vorräte der Bauern requiriert hatten, war der Ernteausfall im deutschen Südwesten besonders schlimm. Die Ärmsten ernährten sich von Moos, Sauerampfer und Katzenfleisch oder wanderten aus. Die Fürstentümer kauften Getreide im besser gestellten Holland und Russland zusammen. Aber Mannheims Stadtdirektor beklagte, er könne es nicht vom Rheinhafen ins Umland verteilen lassen, da „alle Verkehrsverbindungen gänzlich zerrissen“ seien.

          Modern gesagt: Die Verkehrsmittel standen aus Treibstoffmangel still. Der Haferpreis war in astronomische Höhen gestiegen, und die Pferde waren aus Futtermangel verendet oder notgeschlachtet worden. Vorhang auf für Karl Drais, damals noch Freiherr, einen Beamtensohn, der in Heidelberg studiert hatte, da der Bewerberstau im Forstdienst so groß war. Danach überqualifiziert, arbeitete er als Forstlehrer an der privaten Forstlehranstalt seines Onkels, bevor ihn der einflussreiche Papa vom Großherzog zum Forstmeister ohne Amt ernennen und dann beurlauben lassen konnte, bei vollen Bezügen wohlgemerkt.

          Die Laufmaschine im Detail

          Karl, mittlerweile zuhause in Mannheim, konnte sich aufs Erfinden verlegen. Sonst machten das nur Handwerker oder Geistliche. Karls Vorbild muss das amerikanische Multitalent mit Reichsgrafentitel gewesen sein, Sir Benjamin Thompson, Reichsgraf von Rumford, dessen Herd und Suppenküche für Arme Vater Drais in Karlsruhe hatte nachbauen lassen. Hätte Karl doch bloß wie Rumford zweimal steinreiche Witwen geheiratet! Manches wäre anders gelaufen.

          Nach ersten Fingerübungen war der Erfinder mit weißem Kragen 1812 warmgelaufen. Die erste von fünf Missernten in Folge schreckte Karl auf. Der verkehrsbestimmende Haferpreis machte nicht nur seinem Dienstpferd zu schaffen. Als Schlittschuhläufer wusste er, dass man auf Eis aus eigener Kraft schneller war als zu Pferde. Ob es nicht auch ohne Pferd und somit ohne Hafer ginge? Muskelkraft war damals noch nicht aus der Welt. Große Kräne und Maschinen wurden mit fünf Meter hohen Laufrädern angetrieben, in denen Fußarbeiter wie im Hamsterrad liefen. Vermögende Invalide kurbelten sich in Rollstühlen mit Handantrieb vorwärts. Und in den Schlossgärten gab es Gartenwägelchen, die ein Lakai hinter dem lenkenden Besitzer durchs Niedertreten von Fußhebeln bewegte. So fielen keine Pferdeäpfel auf die gepflegten Gartenwege.

          Hier setzte Karl Drais an. Er vereinfachte den Antrieb radikal. Seine vierrädrige Fahrmaschine hatte ein Laufrad zwischen den Hinterrädern, das ein Insasse auf einem Schwebesattel sitzend mit den Füßen außen herumtreten musste. Das ergab bescheidene sechs Kilometer pro Stunde. Karl baute noch eine zweite Fahrmaschine mit Kurbelwelle zwischen den Hinterrädern und reiste mit ihr per Ulmer Schachtel auf der Donau zum Wiener Kongress. Doch der Haferpreis erschien den dort versammelten Fürsten nicht bedrohlich genug, als dass man auf Innovation hätte setzen müssen. Frustriert wandte sich Karl anderen Erfindungen zu.

          Doch im Sommer 1816 schneite es, und im Juni 1817 lief wie ein Lauffeuer durch deutsche und ausländische Zeitungen die Meldung, wie man dem Pferdesterben ein Schnippchen schlagen konnte: durch Schlittschuhlaufen auf der Straße. Auf einer Rundfahrt aus Mannheim hinaus war Karl auf 13 Kilometer in der Stunde gekommen. Schneller als die Postkutsche! Damit war der mechanisierte Individualverkehr ohne Pferd geboren, der seit Karl Benz motorisiert die Welt erobert hat. Technisch war es die Erfindung des Zweiradprinzips, das den Vorteil geringen Fahrwiderstands brachte, aber auch den Nachteil, dass man balancieren musste, wovor die Zeitgenossen einen Horror hatten. Denn sie sollten es als Erwachsene lernen – und hatten es noch nicht spielerisch in der Kindheit bewältigt wie wir heute.

          Das Echo war enorm. Überall bauten Handwerker die zweirädrige Laufmaschine, wie Karl sie nannte, als Raubkopie nach. Es erging Karl wie Goethe mit den Raubdruckern: Auf der ganzen Welt müssen es Tausende, vielleicht Zehntausende gewesen sein. Denn zwei Räder statt vier Hufe zu nehmen war viel billiger. In England rechnete man dafür mit 20 Pfund Sterling, dagegen für ein Pferdeleben plus Haltung mit 1900 Pfund – dafür konnte man in London ein Haus kaufen.

          Im Herbst 1817 wurde wieder eine gute Ernte eingefahren. Jetzt fielen die Draisinenreiter auf den Bürgersteigen unangenehm auf. Die von Fuhrwerken zerfurchte Fahrbahn war fast nicht zu benutzen – wie wenn heute ein Fahrrad in ein Trambahngleis gerät. Das erste Fahrverbot mit einem Reichstaler Strafe erging in Mannheim schon im Dezember. Mailand, London, Philadelphia, New York, ja sogar Kalkutta folgten. Nicht einmal die Dampfmaschine, so meinte später der Mathematiker Thomas S. Davies, hätte sich gegen eine solche Allianz der Fußgänger mit der Obrigkeit behaupten können. In Form des Fahrrads fuhr Drais’ Erfindung dann trotzdem um die Welt – und bahnte Motorrad, Automobil und Aeroplan den Weg.

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