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Kanzler-U-Bahn : Sind wir schon da?

  • -Aktualisiert am

Station Bundestag: Überfüllung ist nicht das Kernproblem der kürzesten U-Bahn-Linie Eruopas Bild: Matthias Lüdecke

In Berlin verkehrt die kürzeste U-Bahn Europas – ein Titel, der der Hauptstadt eher Spott als Ruhm einbringt. Wenigstens die Touristen fahren gerne mit. Und wir haben uns die Sache auch mal angesehen.

          Die Zeit: ein strahlender Tag in Mitte. Der Ort: der U-Bahnhof Bundestag. Die Waffen: ein roter und ein blauer Regenschirm. Wie Säbel strecken die beiden Reiseleiterinnen die Schirme in die Luft, wie zwei Generäle haben sie sich entlang des Bahnsteigs aufgestellt, hinter sich ihre Truppen aus Gesundheitssandalen-Trägern und Dauerwelle-Liebhaberinnen. Die eine schimpft mit französischem Akzent. Die andere berlinert dagegen. Die Sache ist ernst. „Det is keen normaler Bahnhof, det is een wertvolles Stück Architektur.“

          Mona Jaeger

          Redakteurin in der Politik.

          „Mais non. Das ist einfach nur hässlich.“ Die Französin sucht nach Begriffen wie Waschbetonhölle, Geldverschwendung oder Unsinnsprojekt, aber ihr fällt nur „langweilig“ ein. Das trifft. Die Berliner Reiseführerin schaut pikiert. Berlin mag ja vieles sein, aber auf keinen Fall ist es langweilig! Als sie zum Gegenangriff ausholen will, fährt die U-Bahn ein. Die Frauen fuchteln noch etwas mit ihren Schirmen, dann schlüpft die deutsche Reisegruppe in den Waggon. Drinnen geht das Lästern weiter. „Immer heißt et nur: So viel Jeld für so eine kurze U-Bahn. Aber det is ’ne Prestigesache für Berlin.“

          Die Fremdenführerin schaut etwas hilflos ihre Reisegruppe an. So langsam gehen ihr die Argumente aus. Denn eigentlich, so hat sie vor ein paar Minuten, als noch keine Französin in Sicht war, verraten, findet auch sie diese U-Bahn-Linie, die U55, ein bisschen lächerlich. Nur 1,8 Kilometer kurz, nur drei Stationen lang, aber 320 Millionen Euro teuer. Immerhin hat sie sich damit den Titel der kürzesten U-Bahn Europas gesichert. „Na toll, wat bringt mir so een Eintrag im Guinness-Buch, wenn dann det Geld zum Stopfen von Schlaglöchern fehlt.“

          Pläne seit Weimarer Republik vorhanden

          Ja, der Berliner ist streng. Helmut Kohl dagegen ist eine pfälzische Frohnatur. Als er so richtig gut gelaunt war, weil er gerade aus zwei Deutschlands eines gemacht hatte, suchte er nach hübschen Symbolen für die neue Verbundenheit. Da fielen ihm die Pläne für eine U-Bahn-Linie von West- nach Ost-Berlin in die Hände, die schon auf dem Schreibtisch der Reichskanzler in den zwanziger Jahren gelegen hatten. Wegen der Teilung der Stadt von 1945 an verschwanden sie in der Schublade, aus der sie der Kanzler Anfang der Neunziger wieder hervorholte. Im Hauptstadtvertrag vereinbarten Bund und Land, der U-Bahn-Linie 5, die bislang vom Alexanderplatz nach Osten bis nach Hönow führte, auch einen Westteil bis zum neuen Hauptbahnhof zu spendieren. Weil sich Kohl so sehr für das Projekt einsetzte, bekam die Linie bald einen Spitznamen: die Kanzler-U-Bahn.

          Aber wie gesagt: Der Berliner ist streng, und, man mag es kaum glauben, sparsam. Im Jahr 2001 war dem Berliner Senat der Bau der sechs neuen U-Bahnhöfe zu teuer, und er stoppte das Projekt. Unglücklicherweise waren da schon die Haltestellen am Hauptbahnhof, am Bundestag und am Brandenburger Tor im Rohbau. Für den Bahnhof unter dem Regierungsviertel hatte man den Architekten des Kanzleramts gewonnen, man ließ sich nicht lumpen. Berlin hatte vom Bund dafür schon eine Menge Geld bekommen. Der drohte nun: Baut ihr die U-Bahn nicht weiter, wollen wir unser Geld zurück. Erschrocken baute man weiter. Anstatt also Geld zu sparen, gab Berlin noch mehr Geld aus.

          Am 8. August 2009 fuhr die U55 zum ersten Mal. Die Berliner Verkehrsgesellschaft verkündete stolz: Die Linie biete endlich eine schnelle Verbindung zwischen dem Hauptbahnhof und dem Regierungsviertel – und das, ohne umzusteigen. Das ginge auch gar nicht. Denn bis heute ist die Stummellinie nicht an das übrige U-Bahn-Netz der Stadt angeschlossen; die Lücke zwischen Brandenburger Tor und Alexanderplatz soll erst in fünf Jahren geschlossen sein.

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