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Immer mehr Wut : Risikogruppe Rentner

Am Stock - droht uns jetzt bald die Beige Armee Fraktion? Bild: dapd

Nachrichten von prügelnden und sonstwie auffälligen Rentnern häufen sich. Und die Alten werden immer mehr. Stellt uns das vor ein Integrationsproblem? Droht gar die Bildung einer Beige Armee Fraktion?

          Es sind erschreckende Nachrichten, die uns in jüngster Zeit erreichen. Sie lenken unseren Blick auf eine Gruppe, deren Gefahrenpotential wir lange Jahre auf fahrlässige Weise unterschätzt haben. Was um aller Welt ist los mit den Rentnern?

          Jörg Thomann

          Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          • „Ein 80 Jahre alter Mann hat in Weimar mit seinem Gehstock auf einen anderen Rentner eingeprügelt. Die beiden Männer gingen am Mittwoch in ihrem Treppenhaus aneinander vorbei und rempelten sich dabei an, wie ein Polizeisprecher am Donnerstag sagte. Daraufhin schlug der 80-Jährige mit seinem Gehstock dem anderen Mann auf den Rücken, ,was der 79-Jährige mit einem Fußtritt in den Hintern quittierte‘. Die Antwort des 80-Jährigen: Er schlug seinem Gegenüber mit dem Stock ins Gesicht und verpasste ihm eine Platzwunde an den Augenbrauen.“ (dpa, 8. Oktober)

          Das ist kein Einzelfall. Die Einschätzung der Weimarer Polizei - „Alter schützt vor Torheit nicht“ - mutet angesichts der herrschenden Verhältnisse milde und verharmlosend an. Die Lage eskaliert: Der Nörgel- wird zum Prügelrentner. Und so langsam dämmert auch dem Letzten, dass wir es mit einem massiven Integrationsproblem zu tun haben.

          Schaut man genau hin, dann erkennt man schnell, dass viele Senioren sich mit unserer modernen westlichen Gesellschaft nicht genügend identifizieren. Die Gründe liegen auf der Hand: Sie sind aufgewachsen in einer archaischen Welt, in der Vaters Machtwort galt, in der Familie wie in der Schule das Faustrecht regierte und die Fernsehsendungen aggressive Titel trugen wie „Der goldene Schuss“ oder „Der blaue Bock“. Das all dies seine Spuren hinterlässt, versteht sich von selbst. Nicht nur der Krückstock, auch Pillendosen, Haarnadeln oder „Reader’s Digest“-Schuber können daher in den falschen, faltigen Händen zu heimtückischen Waffen werden.

          Mitschuld trägt das Gesundheitssystem

          Das Fatale dabei: Es werden immer mehr. Die Zahl der Rentner wächst rasant, so dass man sich fragt, ob unsere Gesellschaft das auf Dauer verkraften kann. Besonders brenzlig ist die Lage dort, wo viele Senioren auf engstem Raum zusammengepfercht sind: im Altenheim, im ZDF-Fernsehgarten - oder in den Wartezimmern der Arztpraxen.

          • „Nach einem Fahrstuhl-Streit zweier 75-jähriger Frauen ist eine Arztpraxis in der Nürnberger Innenstadt evakuiert worden. Wie die Polizei am Dienstag mitteilte, hatte eine der beiden Seniorinnen am Montagnachmittag ihrer Kontrahentin im Treppenhaus Pfefferspray ins Gesicht gesprüht. Bei den Patienten der Praxis verursachte dies einen starken Hustenreiz. Polizei und Feuerwehr räumten daraufhin das Gebäude. Streitpunkt der beiden Frauen soll der Fahrstuhl des Hauses gewesen sein.“ (dpa, 6. Oktober)

          Eine Mitschuld an der Eskalation trägt zweifellos unser Gesundheitssystem, das dafür gesorgt hat, dass die Alten länger rüstig bleiben. Seit 70 das neue 50 ist und 80 das neue 60, zieht es die Rentner, statt im heimischen Ohrensessel zu stricken, immer häufiger hinaus, wo sie in bedrohlich wirkenden Horden mit Nordic-Walking-Stöcken paradieren, wieder so eine potentiell tödliche Waffe. Sie haben heute die Kraft der zwei Herzen, und man tut gut daran, ihnen aus dem Weg zu gehen. Wer noch glaubt, ihn ginge das Ganze nichts an und man brauche sich nicht zu sorgen, solange sich die Golden Ager nur gegenseitig die Köpfe einschlagen, der verkennt, dass die Attacken längst über deren eigenen Kultur- und Alterskreis hinausgehen.

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          • „Die Begegnung mit einem rüstigen und rabiaten Senior hat einem Autofahrer in Ludwigshafen einen Kratzer im Lack und eine Beule am Kopf beschert. Nach Polizeiangaben vom Dienstag hatte der 88-jährige Mann am Montag in einer Tiefgarage eine Holzlatte an die Wand gelehnt, die umfiel und am Wagen des 37 Jahre alten Autofahrers einen Kratzer hinterließ. Der 37-Jährige ärgerte sich und wollte den Älteren zur Rede stellen. ,Im Rahmen des folgenden Streits schlug der 88-Jährige mit der Holzlatte auf den Kopf seines Kontrahenten. Dieser setzte sich zur Wehr und schubste den wehrhaften Rentner zu Boden‘, teilte die Polizei mit. Am Ende waren beide leicht verletzt.“ (dpa, 15. September)

          Die brachiale Wut der alten Herrschaften ist umso verblüffender in einer Zeit, in der viele von ihnen einigen Wohlstand genießen. Gerade ist die kräftigste Rentenerhöhung seit mehr als zwanzig Jahren angekündigt worden. Geld freilich, das anderswo fehlen wird; schon jetzt sollen nicht wenige Rentner sogar Smartphones besitzen.

          Die britischen Zeitdiagnostiker Monty Python beschworen schon 1969 die „Hell’s Grannies“ herauf, eine Gang gewalttätiger Großmütter. Droht auch hierzulande solcher Terror, muss man gar rechnen mit der Bildung einer Beige Armee Fraktion? Klar ist, dass Angela Merkel handeln muss. Und zwar schleunigst, bevor sie selbst in Rente ist.

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