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Warum die kalabrische Mafia so mächtig ist

Von DAVID KLAUBERT

22. Februar 2021 · Die ’ndrangheta ist heute auf allen Kontinenten aktiv – und zugleich tief in ihrer Heimat verwurzelt. Eine Spurensuche in Mafiabunkern und Ermittlungsakten.

Im Anbau eines alten Landgasthofs filmt die Schweizer Bundespolizei 2011 die Versammlung eines Bocciaclubs. Durch ein Loch in der Wand haben die Ermittler eine versteckte Kamera angebracht. Drinnen sitzen 18 Männer um zwei Tische, vor jedem eine Flasche Bier. Auf den krisseligen Schwarz-Weiß-Aufnahmen ist nichts ungewöhnliches zu sehen. 

Doch die Männer murmeln merkwürdige Formeln. „Guten Abend, Gesellschaft!“ grüßt der Versammlungsleiter. „Guten Abend!“, antworten die anderen. „Seid ihr einverstanden?“ – „Einverstanden!“ – „Es ist Vorschrift und Regel, diese Lokalität zu taufen. Ich taufe sie, wie unsere drei Ritter aus Spanien sie getauft haben: Osso, Mastrosso und Carcagnosso. Die in Spanien aufgebrochen sind, in Neapel gelandet, in Sizilien angehalten und in Kalabrien gestoppt haben.“ 

Der Versammlungsleiter erinnert die anderen an jahrhundertealte Regeln und an die Tugenden ihrer Gesellschaft: Respekt, Ehre, Weisheit, Würde. Und sie sprechen über ihre Arbeit: Schutzgelderpressung, Kokain, Heroin. Zehn Kilo, zwanzig Kilo jeden Tag habe er angebracht, brüstet sich einer. 

Der Bocciaclub ist eine lokale Gruppe der ’ndrangheta. Die Aufnahmen ihrer Versammlung geben einen einmaligen Einblick in das Innenleben und das Selbstbild der kalabrischen Mafia – die nach Ansicht von Polizisten und Staatsanwälten eine der gefährlichsten kriminellen Organisationen der Welt ist: 

Foto: Ricardo Wiesinger

Kalabrien

Kalabrien ist eine der ärmsten Regionen Europas. Industrie gibt es kaum, die Arbeitslosigkeit ist höher als überall sonst in Italien. Hunderttausende haben im Lauf der Jahrzehnte ihre Heimat verlassen. Sie wanderten in die Vereinigten Staaten aus, nach Kanada oder Australien, arbeiteten in den Fabriken Norditaliens oder ließen sich als Gastarbeiter in Deutschland anwerben.  

Obwohl Kalabrien vom Mittelmeer umspült wird, sind es die Berge, die dominieren – und die Region zergliedern. Im Norden ist es das Pollino-Massiv, im Zentrum Sila und Serre, und bis ganz vor in die Stiefelspitze zieht sich der Aspromonte, übersetzt: rauher Berg. Erst vor wenigen Jahren ist die A2 fertiggestellt worden, die Autobahn, die Kalabrien mit dem Rest Italiens verbindet. Mehr als 50 Jahre hatte es gedauert, bis die Brücken über die Täler gespannt und die Tunnel durch die Berge gesprengt waren. Auch weil die kalabrischen Mafiaclans an jedem Kilometer mitverdienten. 

Die steilen Hänge des Aspromonte sind mit dichten Eichen- und Kastanienwäldern überzogen. Auf den Streifen entlang der Küsten wachsen Orangen, Zitronen und Bergamotten, auf den sanften Hügeln im Osten gedeiht Wein. Es gebe nicht das eine Kalabrien, schreibt Anna Sergi, die an der Universität von Essex zur kalabrischen Mafia forscht. Und genauso wenig gebe es die eine ’ndrangheta. „Das Mafiaphänomen in Kalabrien ist vielfältig.“ 

„Präsenz vor Ort“ – Anti-Mafia-Staatsanwalt Giovanni Bombardieri Video: David Klaubert

Ein Gebiet, in dem die Familienclans der ’ndrangheta besonders stark sind, zieht sich von der südlichsten Spitze Kalabriens nach Nordosten, entlang der Küste des Ionischen Meeres. San Luca, Platì, Africo, Gerace, Bovalino oder Locri heißen die Dörfer, die dort am Fuß des Aspromonte kauern. Locride wird das Gebiet auch genannt.  


„Die ‘ndrangheta der Locride ist Herz und Kopf des weltumspannenden kriminellen Syndikats.“
GIUSEPPE LOMBARDO, Anti-Mafia-Staatsanwalt

Video: David Klaubert

Besonders berüchtigt ist San Luca. Spätestens seit August 2007 ist es als Hochburg der ’ndrangheta bekannt. Vor einem italienischen Restaurant in Duisburg wurden damals sechs Männer erschossen. Und nicht nur die Opfer, sondern wie sich bald herausstellte, auch die Täter stammten aus San Luca. Die „Mafiamorde“ waren der blutige Höhepunkt einer alten Fehde. 

Das Dorf hat keine 4000 Einwohner. Etwa 40 Familienclans zählen die Ermittler zur ’ndrangheta – von denen allerdings nur eine Handvoll auch höchstrichterlich als mafiöse Vereinigung eingestuft worden sind. 

San Luca
San Luca Foto: David Klaubert
Die geheimen Bunker der Bosse Video: Carabinieri

Antonio Pelle, genannt „Ntoni Gambazza“ , Jahrgang 1932, Sohn eines Hirten, galt als einer der mächtigsten Männer in San Luca. Er soll das höchste Amt innerhalb der ’ndrangheta bekleidet haben. Er wurde mehrmals zu langen Haftstrafen verurteilt, wegen Mordes, Entführung und Mafiamitgliedschaft. Als noch einmal 26 Jahre wegen Waffen- und Rauschgiftschmuggels dazukamen, floh er in die Wälder des Aspromonte. Fast zehn Jahre konnte er sich vor der Polizei verstecken, auch weil er nie zu einem Mobiltelefon griff, sondern nur über Boten kommunizierte. 

Als er sich wegen eines Leistenbruchs unter falschem Namen in einem Krankenhaus operieren ließ, wurde Antonio Pelle 2009 schließlich festgenommen. Wenig später starb er. Die Villa seines Clans wurde vom Staat beschlagnahmt – und steht noch heute da, als wäre die Familie gerade erst ausgezogen: 

Von außen ist die Mafiavilla wie viele Häuser in Kalabrien unverputzt, drinnen gibt es mehrere versteckte Bunker, zum Beispiel hinter einem Weinregal. Fotos: David Klaubert

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Clans


Foto: David Klaubert

Clans

Die ’ndrangheta ist tief in der Kultur und den Traditionen Kalabriens verwurzelt. Besonders wichtig ist die eigene Familie, deren Ehre und Stärke. „A cu apparteni?“, heißt es auf Kalabrisch. Nicht: „Woher kommst du?“ Sondern: „Zu wem gehörst du?“ Ein Mittel, um die Macht der eigenen Dynastie zu stärken, sind bis heute Hochzeiten. Als 2009 eine Enkelin des Patriarchen Antonio Pelle „Gambazza“ einen Spross des ebenfalls einflussreichen Barbaro-Clans heiratet, kommen ’ndrangheta-Mitglieder aus ganz Italien zusammen. Es sind so viele Gäste, dass das Fest an zwei Orten stattfindet. Das Brautpaar muss hin- und herpendeln.  

Für die Familie ziehen ’ndranghetisti aber auch in den Krieg. Aus einem Streit zwischen zwei Clans in der Stadt Reggio Calabria wird 1985 ein blutiger Konflikt, in den immer weitere hineingezogen werden. Bis 1991 zählte die Polizei 700 Morde. Im selben Jahr, zu Karneval, werfen ein paar Jugendliche in einem Dorf im Aspromonte mit faulen Eiern. Als sie dabei ein Auto treffen, entbrennt eine Schlägerei, später fallen Schüsse. Zwei junge Männer sind schwer verletzt, zwei tot. Es ist der Beginn der Blutfehde von San Luca.

Das höchste Gremium der ’ndrangheta trifft sich. Video: David Klaubert / Carabinieri

Eine Stunde etwa dauert die Fahrt von San Luca zum Heiligtum von Polsi, obwohl es keine 19 Kilometer sind. Anfang September kommen hier jedes Jahr Tausende Pilger zusammen, um ihre Madonna zu ehren und zu feiern. Es ist der wichtigste Wallfahrtsort der tiefgläubigen Kalabrier. 

Mit ihren versteckten Aufnahmen können die italienischen Ermittler beweisen, was sie schon lange wissen: Auch für die ’ndrangheta ist Polsi so etwas wie ein heiliger Ort. Die Männer, die sich 2009 unter die Pilger mischen, gehören dem „Crimine di Polsi“ an, dem höchsten Aufsichtsgremium der kalabrischen Mafia. Die Ermittler gehen davon aus, dass die Treffen während der Festtage dazu dienen, die Mitglieder zu legitimieren und zu präsentieren. Verteilt worden sind die Posten schon einige Wochen zuvor – während der Hochzeit des Pelle-Barbaro-Paares.  


„Der Crimine gehört niemandem, er ist für alle da.“
DOMENICO OPPEDISANO, Capo Crimine, 2009

Anders als die Cosa Nostra auf Sizilien ist die ’ndrangheta nicht pyramidal organisiert. Den Crimine vergleichen manche Ermittler mit dem Aufsichtsrat einer großen internationalen Holding, manche mit der Rolle des italienischen Staatspräsidenten, der sich in die Tagespolitik nicht einmischt. Der Kronzeuge Luigi Bonaventura sagt über den Capo Crimine, den Chef des Gremiums: „Er ist kein absoluter Herrscher, sondern ein alter, weiser Mann, der den Respekt der anderen ’ndrangheta-Ortszellen hat, der die gemeinsamen Regeln hütet und die Streitigkeiten zwischen den Familien schlichtet.“  

Domenico Oppedisano, der 2009 vor der Madonna von Polsi zum Capo Crimine ernannt – und wenig später festgenommen wurde
Domenico Oppedisano, der 2009 vor der Madonna von Polsi zum Capo Crimine ernannt – und wenig später festgenommen wurde Foto: dpa

Die Ermittler gehen davon aus, dass es in Kalabrien noch drei weitere Crimini gibt, die dem von Polsi zwar nicht unterstellt sind, die dessen besondere Stellung aber anerkennen. Auch in Norditalien soll es ähnliche Gremien geben, die manchmal Crimine genannt werden, manchmal auch Camera di Controllo, außerdem in Australien und in Nordamerika. Schon seit Jahrzehnten hat sich die ’ndrangheta in den kalabrischen Auswanderergemeinden dort festgesetzt, für einen kontinuierlichen Austausch mit der Führung in Kalabrien sind sie aber zu weit weg. Telefon, SMS oder E-Mail vermeiden die Mafiosi, wann immer es geht. Das einzige europäische Land außerhalb ihrer Heimat, in dem die kalabrische Mafia einen eigenen Crimine etabliert hat, ist nach Recherchen von MDR und F.A.Z. Deutschland.  

„Das Gewinnermodell“ – Anti-Mafia-Staatsanwalt Giuseppe Lombardo Video: David Klaubert

Alles, was Ermittler über die Struktur der ’ndrangheta wissen, haben sie aus abgehörten Gesprächen oder von den wenigen Kronzeugen, die es im Lauf der Jahre gegeben hat. Viele Details sind unklar oder umstritten, gerade in Bezug auf die übergeordneten Gremien. Geheimhaltung ist schließlich eine der obersten Regeln. Immer wieder hören die Ermittler auch ’ndranghetisti ab, die selbst nicht durchblicken im Wirrwarr der Ränge und Verantwortlichkeiten. Nicht zuletzt, weil es zu den Stärken der ’ndrangheta gehört, sich zu verändern und anzupassen. Die grundlegenden Strukturen aber, hat sich über die Jahrzehnte gezeigt, sind überall in der Welt gleich:  


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Geschäfte


Foto: AFP

Geschäfte

Mit einem Jahresumsatz von 50 Milliarden Euro erwirtschaftet die ’ndrangheta mehr als McDonalds und Deutsche Bank zusammen: Schon seit Jahren wird diese Zahl immer wieder in Artikeln und Büchern über die kalabrische Mafia genannt. Dabei ist nicht nur unklar, wie diese Schätzung zustande gekommen sein soll, schließlich finden die Geschäfte im Verborgenen statt. Der Vergleich impliziert auch, dass die ’ndrangheta wie ein einziger großer Konzern agiert. Und das ist falsch, denn in ihren illegalen Geschäften und auf ihrem jeweiligen Territorium sind die kalabrischen Familienclans weitgehend unabhängig voneinander.  

„Nein, nein, im Drogenhandel gibt es das nicht, dass man dem Boss einen Anteil geben muss“, antwortet der ehemalige Kokaingroßhändler Giuseppe T. auf die Frage eines Ermittlers. „Derjenige, der investiert, verdient.“ T. ist Kronzeuge der europäischen Anti-Mafia-Operation „Pollino“, in deren Rahmen auch 14 Männer vor dem Landgericht Duisburg angeklagt sind. Die Ermittlungsunterlagen des Verfahrens, die MDR und F.A.Z. vorliegen, geben tiefe Einblicke in den internationalen Rauschgifthandel, der zu den wichtigsten Geschäftszweigen der ’ndrangheta gehört. Und überraschend oft tauchen darin Mafiosi auf, die Probleme haben, genug Geld für die nächste Kokainlieferung zusammenzubekommen.  

Einer von ihnen ist Domenico Pelle. Sein Vater, Antonio Pelle, genannt „La Mamma“, nicht zu verwechseln mit Antonio Pelle „Gambazza“, aber auch er gehörte bis zu seiner Festnahme zu den mächtigsten Männern in San Luca. Doch dem Sohn, Jahrgang 1992, will es nicht so recht gelingen, den Familienclan zu alter Stärke zurückzuführen. Ein Schiffscontainer, in dem 15 Kilo Kokain für ihn versteckt sind, wird beschlagnahmt. Er reist nach São Paulo, Brasilien, um eine neue Lieferung auszuhandeln, für 37.500 Dollar. In Europa ist das Rauschgift ein Vielfaches wert, die Vorfreude auf den Gewinn ist groß: „Alter, da bleiben uns fast 400.000 Euro!“  

Doch Pelle und seine Partner scheinen knapp bei Kasse zu sein: Nach einigem Rechnen fällt ihnen auf, dass noch 5250 Euro fehlen. Sie suchen einen weiteren Geldgeber, der in das Geschäft investieren will – aber natürlich auch entsprechend am Gewinn beteiligt werden muss. Als sie schließlich genug zusammenhaben, schreiben die brasilianischen Lieferanten, dass eine Bezahlung über Moneygram nun doch nicht möglich sei. Pelle muss noch einmal nach São Paulo fliegen, um das Geld selbst zu übergeben. Nur um einen Monat später zu erfahren, dass der Zoll im Hafen von Gioia Tauro auch die nächsten 25 Kilo Kokain gefunden hat. „Verdammt und zugenäht!“, flucht er am Telefon. Da weiß er noch nicht, dass die Ermittler ihn abhören. Im italienischen Zweig des „Pollino“-Verfahrens wird er im November 2020 zu 20 Jahren Gefängnis verurteilt. 

Gioia Tauro
Gioia Tauro Foto: David Klaubert

Die Schwäche eines einzelnen Familienclans ändert nichts an der Macht der ’ndrangheta. Das ist ihre große Stärke. Nachdem auf Sizilien die Familien aus Corleone in den achtziger Jahren die Macht an sich gerissen hatten, herrschten sie absolutistisch über die Cosa Nostra. Totò Riina, der Capo dei Capi, stürzte sie mit Bombenanschlägen und Morden in einen zehrenden Krieg gegen den Staat. Dieser schlug mit großer Härte zurück, so dass sie Cosa Nostra bald nicht nur ihre Führung verlor, sondern auch ihre Vormachtstellung unter den italienischen Mafiaorganisationen. Die Geschäfte der meisten ’ndrangheta-Clans hingegen sind auch nach den Festnahmen des Capo Crimine und anderer Führungsfiguren 2009 völlig unbeeindruckt weitergelaufen.  


„Die ’ndrangheta ist eine Marke – wie Coca Cola. Überall auf der Welt gibt es sie, in derselben Flasche, mit demselben Schriftzug. Ich weiß immer, was ich bekomme. Und genauso ist es bei der ’ndrangheta. Jeder, der mit ihr zu tun hat, weiß woran er ist. Dass sie brutal ist, rauh, zäh, dass sie viel Geld hat und sehr gut im Kokaingeschäft und bei der Geldwäsche ist.“
NICOLA GRATTERI, Anti-Mafia-Staatsanwalt

Nicola Gratteri ist Anti-Mafia-Staatsanwalt in Catanzaro. Seit 1989 steht er rund um die Uhr unter Polizeischutz.
Nicola Gratteri ist Anti-Mafia-Staatsanwalt in Catanzaro. Seit 1989 steht er rund um die Uhr unter Polizeischutz. Foto: Ricardo Wiesinger

Das Kapital, mit dem die Clans in großem Stil in den internationalen Rauschgifthandel eingestiegen sind, stammte zu großen Teilen aus Entführungen. Vor allem in den siebziger Jahren verschleppten kalabrische Kriminelle in ganz Italien reiche Unternehmer, oft auch deren Kinder, und hielten sie in Verschlägen im Aspromonte gefangen. Mit den Lösegeldern verdienten sie Millionen.  

Zigaretten- und Waffenschmuggel, illegales Glücksspiel und illegale Giftmüllentsorgung gehören ebenfalls zu den Betätigungsfeldern. In Kalabrien erpressen die Clans Schutzgeld von Ladeninhabern, Gastwirten und Unternehmern. Sie verleihen Geld zu Wucherzinsen, und drehen den Betrieben dann langsam den Geldhahn zu. In manchen Gegenden sind ganze Wirtschaftszweige im Würgegriff der Mafia. Rund um Cirò im Osten Kalabriens etwa hatte der Farao-Marincola-Clan ein Weingut, Lebensmittelbetriebe, Wäschereien, den Fischfang und den Hafenbetrieb, die Müllentsorgung und ein Beerdigungsunternehmen unter seine Kontrolle gebracht. Die Waren wurden auch nach Deutschland verkauft. An Gastwirte, die selbst aus der Gegend von Cirò stammten, und genau wussten, dass sie die Angebote besser nicht ablehnen sollten.  

Auch an staatlichen Investitionsprojekten verdient die ’ndrangheta. Zum Bau der Autobahn A2 schlossen sich Clans zu einem Konsortium zusammen, erpressten und bedrohten Wettbewerber, verlangten Schutzgelder. Sie trieben die Kosten in die Höhe – und kassierten so im Lauf der Jahrzehnte gigantische Summen. Durch ihren Einfluss auf die Politik, insbesondere in Kalabrien, aber auch in einigen Regionen Norditaliens, kommen die Clans an immer neue, lukrative Aufträge. Und auch an Subventionen der Europäischen Union, etwa beim Bau von Windparkanlagen.  


„Restaurants und Hotellerie“ – Anti-Mafia-Staatsanwalt Giuseppe Lombardo Video: David Klaubert

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Deutschland


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Deutschland

Vor der Pizzeria „Da Bruno“ in Duisburg werden in der Nacht zum 15. August 2007 sechs Männer ermordet. Die Polizei findet 55 Patronenhülsen, jedes der Opfer weist einen Kopfschuss auf. Das jüngste ist 16 Jahre alt. Deutschland ist schockiert. Viele hören das Wort ’ndrangheta zum ersten Mal. Dabei hat sich die kalabrische Mafia auch hierzulande längst festgesetzt. 

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Sowohl die Opfer als auch die Täter der sechs Morde stammen aus San Luca. Den Ermittlern dort fällt nur wenige Wochen später auf, dass Männer, die sich wegen der blutigen Familienfehde versteckt hatten, wieder durchs Dorf gehen. Eine Frau erzählt am Telefon: „Hast du schon gehört, welch schönes Geschenk mir die Madonna della Montagna gemacht hat?“ Ein Mafioso, der in seinem Auto abgehört wird, sagt: „Wir haben das in San Luca geregelt... Wegen dieses Problems wird nicht mehr geschossen.“ Die Ermittler vermuten, dass die Führungsriege der ’ndrangheta den verfeindeten Familien einen Frieden auferlegt hat, besiegelt am Heiligtum von Polsi. 

Und auch für die Strukturen der kalabrischen Mafia in Deutschland scheinen die sechs Morde Folgen zu haben: Wie aus internen Dokumenten hervorgeht, die dem MDR und der F.A.Z. vorliegen, gehen deutsche Ermittler davon aus, dass die Spitze der ’ndrangheta in den Jahren danach einen Crimine di Germania eingerichtet hat. Wie in Italien auch, schreiben sie, werde er von einem Capo Crimine angeführt, der von den wichtigsten Mitgliedern der ’ndrangheta in Deutschland gewählt werde. Insgesamt werden neun Männer genannt, die an den jährlichen Treffen des Gremiums teilnehmen dürften.  

Zu den Aufgaben des Crimine di Germania gehört es demnach, zwischen den Interessen der einzelnen Familienclans zu vermitteln. Streit und gewalttätige Auseinandersetzungen, die die Aufmerksamkeit der Polizei erregen, sollen so vermieden werden. Außerdem sollen die Mitglieder des Gremiums den Kontakt in die Heimat halten. Vermutlich nehmen auch Vertreter der Führungsspitze aus Kalabrien an den Treffen in Deutschland teil.  

Video: MDR

Die Sicherheitsbehörden vermuten, dass es in Deutschland bis zu 1000 Mitglieder der ’ndrangheta gibt. Sie organisieren sich in mindestens 18 bis 20 Ortszellen – von Konstanz bis Bremen, von Saarbrücken bis Dresden. Auch die Mitglieder des Crimine di Germania sollen in unterschiedlichen Ecken des Landes leben. Die meisten von ihnen sind Gastwirte. Den Sitz des Crimine vermuten die Ermittler nach Informationen von MDR und F.A.Z. in Duisburg, wo die Familienclans aus San Luca bis heute stark vertreten sind. Den mutmaßlichen Capo Crimine haben sie schon seit den achtziger Jahren auf dem Schirm. Sie haben wegen Kokaingeschäften gegen ihn ermittelt, in Italien stand er deswegen auch einige Monate unter Hausarrest. Verurteilt wurde er bis heute nicht. 

Video: MDR

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