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Kai Diekmann, der Blogger : „Ein exzessiver Ego-Trip“

Diekmann über Diekmann: „Ich finde mich, ehrlich gesagt, hier nicht optimal ausgeleuchtet” Bild: dpa

Endlicher Spaß: Als Blogger hat der „Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann sich selbst neu erfunden - und „Bild“ ein bisschen mit. Nach hundert Tagen, in denen er Teile seiner Branche begeisterte und die anderen zumindest irritierte, ist nun Schluss.

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          Nicht einmal vor den Scherben schreckt er zurück. Mit seiner Minikamera stapft Kai Diekmann, Chefredakteur der „Bild“-Zeitung, zur um die Ecke gelegenen Zentrale der „tageszeitung“, betrachtet staunend das vom Künstler Peter Lenk gestaltete Relief, mit dem sich die „taz“ ihre Fassade verunstalten ließ - ein unbekleidetes Diekmann-Abbild mit bis zum obersten Stockwerk ragendem Geschlechtsteil -, und lässt sich vom herbeieilenden „taz“-Mitarbeiter Mathias Bröckers bestätigen, wie sehr sich das Blatt über das eigentümliche Kunstwerk zerstritten hat: „Das ist wirklich blöd gelaufen“, plaudert Bröckers freimütig in die Kamera, „es wusste keiner so richtig davon.“ Wieder einmal hat sich die vom „Bild“-Chef innig hassgeliebte „taz“ eine Blöße gegeben, die der des drallen Diekmännchens an der Wand nicht nachsteht. Und als wäre das nicht genug, lässt Diekmann den Film ausklingen mit der Linksrocklegende Ton Steine Scherben, deren Frontmann Rio Reiser skandiert: „Die letzte Schlacht gewinnen wir!“

          Jörg Thomann

          Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Die Gefechtslage hat sich geändert in den vergangenen Wochen. Wer es wagte, sich mit „Bild“ anzulegen, der sah sich schon immer einer Übermacht gegenüber, konnte aber stets darauf hoffen, wenigstens den moralischen Sieg zu erringen. Nicht einmal das scheint nun mehr sicher. Deutlich hat „Bild“ an Boden gutgemacht, und zwar mit Waffen, die man eher bei ihren Feinden wähnte: intelligente Agitation, Witz und Ironie. Und wer sich den „Bild“-Chef als jemanden vorstellt, der keinen Spaß versteht, keine Kritik verträgt und seinen dunklen Geschäften im Verborgenen nachgeht, der ist bei Diekmann an der falschen Adresse. Nämlich bei www.kaidiekmann.de.

          „Kai, du bist ein Schwein!“

          Fast hundert Tage hat Diekmann auf dieser Seite gebloggt, hat Teile seiner Branche begeistert und die anderen zumindest irritiert. Die lieben Kollegen, vor allem aber sich selbst rückt der vermeintliche Fürst der Finsternis als Blogger in so grelles Licht, dass nicht nur Kritiker sich die Augen reiben. Er lässt sich eine Kamera an die Brille montieren und filmt seinen Arbeitstag. Er überfällt Prominente und Politiker. Als „Indiana Kai Jones“ erscheint er unangemeldet beim arg derangierten „Bild“-Briefeschreiber Franz Josef Wagner, filmt dessen überquellenden Aschenbecher und lässt sich - „Kai, du bist ein Schwein!“ - beschimpfen. Er veralbert Intimfeinde wie den „taz“-Anwalt Eisenberg, lässt im Blog seine angeblichen Rechtskosten zählen und liefert einen Vordruck für einstweilige Verfügungen gegen sich selbst, Begründungen zur freien Auswahl (“Ich finde das nicht fair“).

          100 Tage Bloggen hinterlassen ihre Spuren der „Bild”-Chef, gereift

          Er schickt Videos aus seinem Marrakesch-Urlaub mit Gattin Katja Kessler, bei dem - schlecht für sie, gut fürs Blog - das Gepäck nicht ankam und es in Strömen regnete. Er präsentiert das Netzfundstück eines Diekmann-Bildes mit der Aufschrift „Jede Lüge braucht einen Vollidioten, der sie druckt“ und fügt mit fast schon loriotscher Lakonie hinzu: „Ich finde mich, ehrlich gesagt, hier nicht optimal ausgeleuchtet.“ Er streut sich wegen eines frühen Fehlers, der Trittin-Bolzenschneider-Affäre, Asche aufs Haupt. Er zeigt unvorteilhafte Porträts des Chefredakteurs als junger Zopfträger. Und er erlaubt es den Lesern, ihn in Kommentaren blindwütig anzugreifen, als „Lügner“ oder „Marionette der Elite“. Die Botschaft dahinter: Wir sind unsere eigene Gegenöffentlichkeit.

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