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Kaffee : „Magenschonend veredelt“? Minderwertig!

  • -Aktualisiert am

Rund drei Viertel des in Deutschland konsumierten Kaffees kommt aus Großröstereien Bild: ddp

Kaffee ist die liebste Droge der Deutschen. Doch weil er möglichst preiswert sein soll, nehmen Kaffeetrinker schlechte Qualität in Kauf. Dabei gäbe es in der weiten Welt des Spitzenkaffees viel zu entdecken.

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          Die gerösteten Bohnen purzeln aus dem Probenröster. Der feine, warme Duft von frischem Kaffee erfüllt den Raum. Rainer Braun, Kaffeeröster aus Mainaschaff, ist gerade dabei, Kaffee zu testen. Dazu benutzt er einen kleinen Röster, der gerade einmal ein Kilo Bohnen fasst. „Das hier ist eine Probe aus dem Jemen. Da kostet alleine der Rohkaffee fast zwanzig Euro das Kilo.“ Zwanzig Euro, das sind in der Kaffeewelt von heute absolute Spitzenpreise. Die Bohnen schüttet Braun in ein Mahlwerk und brüht davon drei Tassen auf. „Die Tassen decke ich mit einer Untertasse ab, damit sich das Aroma darunter sammeln kann“, erklärt er.

          Beim Lüften duftet es erdig-warm und nach floralen Noten. Braun nimmt einen Esslöffel Kaffee und saugt ihn mit einem lauten Schlürfen ein, es klingt wie das Zischen eines Schneidbrenners. Dann spuckt er den Kaffee aus. „So testet man Kaffee“, erklärt er die Prozedur und arbeitet sich von Tasse zu Tasse voran. „Möchten Sie auch mal probieren? Hier ist ein Löffel.“ Intensive, leicht herbe und sehr kraftvolle Aromen machen sich am Gaumen breit. Das ist also das Aroma von Kaffee aus dem Jemen; man hätte gar nicht geglaubt, dass dort überhaupt welcher wächst.

          Spezialitätenkaffees sind die feine, allerdings auch sehr kleine Seite der deutschen Kaffeewelt. Kaffee ist die Lieblingsdroge der Deutschen. Rund 153 Liter fließen pro Person im Jahr durch unsere Kehlen - mehr als Bier und Mineralwasser. Rund drei Viertel davon produzieren die Großröster Jacobs, Tchibo, Melitta, Aldi, Nestlé, Dallmayr, Westhoff und Darboven. Um zu verhindern, dass ihre Markenkaffees aufs Discounterpreisniveau von 2,49 Euro pro Pfund herabsinken, hatten sie verbotene Preisabsprachen mit der Konkurrenz getroffen. Das Kartell aus Melitta, Dallmayr und Tchibo wurde jüngst zu Strafen in Höhe von insgesamt 160 Millionen Euro verurteilt. Nur Jacobs kam als Kronzeuge straffrei davon.

          Deutsche Verbraucher trinken mehr Kaffee als Bier und Mineralwasser

          Preiswert muss er sein

          Zwar lieben die Deutschen den Kaffee, doch soll er preiswert sein. In der Tat ist Kaffee billiger als je zuvor: 1958 musste der Verbraucher für ein Pfund Kaffee noch vier Stunden arbeiten, 1985 rund eine Stunde und heute nur noch 15 Minuten. Im Discountpreis von 2,49 Euro sind etwa ein Euro Kaffeesteuer enthalten sowie sieben Prozent Mehrwertsteuer - da bleiben für Kaffee, Transport, Verpackung und Gewinn netto nur 1,39 Euro übrig. Bei einem Rohkaffeepreis von rund einem Euro pro Pfund gibt es kaum Spielraum für Qualität. Also weicht man auf Billig-Rohkaffee aus. Den lieferte lange Zeit vor allem der größte Kaffeeproduzent der Welt: Brasilien. Nun aber spielt auch Vietnam ganz oben mit.

          Dank tatkräftiger Unterstützung der Weltbank, dank der Mechanisierung und dank des anspruchslosen Massenträgers Robusta haben die Vietnamesen ihr traditionelles Teeland zum zweitgrößten Kaffeeproduzenten der Welt gemacht - und den Kaffeemarkt mit unschlagbar niedrigen Preisen aufgemischt. Ihr qualitativ grenzwertiger Rohkaffee enthält auch unreife Bohnen, weil eine Selektion viel zu teuer wäre. Mit der Ware aus Asien füllen die großen Röster ihre Markenkaffees auf, um den Preis zu halten. Doch vietnamesischer Robusta ist reich an aggressiven Chlorogensäuren und wenig attraktiven Aromen. Um ihn trotzdem verwenden zu können, werden vor dem Rösten Säure und Aromen entzogen und den Blends bis zu 25 Prozent dieser weitgehend geschmacksneutralisierten Bohnen als Füllkaffee untergemischt. „Magenschonend veredelt“ heißt das in der Werbesprache. Solch minderwertigen Kaffee erkennt man an einem Test: Den Kaffee aufbrühen und erkalten lassen. Er verliert seine Farbe, wird grau und riecht nach nasser Pappe.

          Billiger Kaffeebruch im Mahlkaffee

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