https://www.faz.net/-gum-15a84

Justiz in Bremen : Die Paragraphen-Vorreiterinnen

  • Aktualisiert am

Im Justizzentrum: Monika Paulat (von links), Sabine Kallmann, Ann-Marie Wolff, Kirsten Graalmann-Scheerer, Ilsemarie Meyer, Silke Hoppe, Karin Goldmann, Gerda-Renate Holst Bild: Jesco Denzel

Von 15 Spitzenämtern in der Justiz sind in Bremen acht mit Frauen besetzt. Die einzigartige Quote hat gute Gründe, wie ein Gespräch zeigt, das Anna von Münchhausen anlässlich des Frauentags mit den Juristinnen geführt hat.

          7 Min.

          Von 15 Spitzenämtern in der Justiz sind in Bremen acht mit Frauen besetzt. Die einzigartige Quote hat gute Gründe. Das zeigt ein Gespräch, das Anna von Münchhausen anlässlich des Frauentags mit den Juristinnen führt.

          Warum sind Juristinnen in Führungspositionen immer noch die Ausnahme?

          Paulat: In der Sozialgerichtsbarkeit waren schon immer viele Frauen tätig. Aber in Führungsämtern dünnt es aus. Oft streben die Frauen selbst nicht in die Positionen. Aber gerade den Richterberuf kann man gut mit der Familie vereinbaren.

          Woran fehlt es denn?

          Paulat: Es braucht Mut und Zutrauen. Man muss Opfer bringen - das müssen Männer schließlich auch. Ich bin verstört darüber, dass die Angebote nicht angenommen werden. Mein Plädoyer: sich frühzeitig zeigen und positionieren.

          Meyer: Verwaltungsgerichte waren jahrzehntelang männerdominiert. Als ich am VG Oldenburg anfing, war ich die erste Frau dort. Im Kreis der Chefpräsidenten gibt es außer mir jetzt eine weitere Frau, nämlich in Mecklenburg-Vorpommern.

          Graalmann-Scheerer: Nach wie vor machen Frauen die besseren Staatsexamen. Das korrespondiert aber überhaupt nicht mit Staatsanwältinnen in Führungspositionen. Schon auf der Abteilungsleiterebene sackt der Frauenanteil ab. Und als Leitende Oberstaatsanwälte finden Sie kaum noch Frauen. Es sind solche, die sich früh für den Beruf entschieden und häufig keine Kinder haben.

          Liegt es nur an den Frauen selbst?

          Meyer: Es muss auch der politische Wille da sein. Als es eine Justizministerin in Niedersachsen gab, wurden Frauen ermutigt. Das verflachte, als sich die politischen Verhältnisse änderten.

          Paulat: Für junge Richterinnen wird sich die Situation verbessern. Junge Männer lassen sich anders einbinden in die Familie. Wenn wir Bewerber haben, die aus großen Anwaltskanzleien kommen, stellen sie fest, dass sie dort zwar gut verdienen, aber kein Privatleben mehr haben.

          Kallmann: Ja, bei den Männern bewegt sich etwas. Referendare können sich heute eine Elternzeit vorstellen.

          Was sind denn die formalen Voraussetzungen für die Karriere?

          Meyer: Voraussetzung für die Beförderung ist das Dritte Staatsexamen, darunter versteht man die Erprobung an einem Obergericht. Wer dabei eine Familie mit Kindern haben will, muss organisieren können: Von Osnabrück nach Lüneburg kann man nicht jeden Tag pendeln.

          Wolff: Als ich Direktorin wurde, waren meine Kinder acht und elf. Ich wurde vorher mehrfach gefragt, ob ich mich mal zum Bundesgerichtshof abordnen lassen möchte. Ich hätte das gern gemacht - aber wo sollte ich die Kinder lassen? Dass in der Justiz viele Frauen eingestellt wurden, führt dazu, dass vermehrt Richterinnen, die im Mutterschutz sind, vertreten werden müssen. Das kann auch mal zu Beschwerden führen.

          Kallmann: In meinen Arbeitsgemeinschaften mit Referendarinnen und Referendaren kommt immer wieder das Thema Karriere in der Justiz auf. Frauen schrecken häufig zurück: Karriere - nein! Selbst bei den jungen herrscht noch ein herkömmliches Rollenverständnis: Mein Partner wird es schon richten.

          Goldmann: Ich möchte noch mal den Finger in die Wunde legen: Woran orientieren sich Beförderungsentscheidungen? Sie werden von zusätzlichem Engagement abhängig gemacht. Das ist für Frauen mit Familie schwierig. In Bremen müssen wir bei den Erprobungen keinen Ortswechsel vornehmen - ein großer Vorteil. Aber es wird eben auch gern gesehen, dass man Zusatzaufgaben übernimmt - die Leitung von Arbeitsgemeinschaften oder zusätzliche Prüfungstätigkeiten. Wenn dann die Familie sowieso schon stöhnt, weil die Mutter selten da ist . . .

          Hoppe: Bei mir als Leiterin einer Justizvollzugsanstalt ist das wie in einem Unternehmen der Wirtschaft: 40 Stunden plus X muss ich vor Ort sein. Eine JVA mit 750 Haftplätzen und 370 Mitarbeitern in Teilzeit zu führen, das wird auch in Zukunft schwierig sein.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Markus Söder und Armin Laschet bei der Jahreskonferenz der Ministerpräsidenten

          Söder oder Laschet? : Eigentümlich inhaltsleer

          Zwei Politiker zogen in einen Wettkampf, der keine Spielregeln hat. Nicht der Streit ist darum das Problem, sondern seine Formlosigkeit auf offener Bühne.

          K-Frage der Union : Der entspannte Herr Söder

          In einem Auftritt vor der Presse gibt sich CSU-Chef Markus Söder auffallend konziliant und bekundet „Respekt vor allen Gremien“ der CDU. Sieht so jemand aus, der fürchten müsste, dass sich die Schwesterpartei am Abend gegen ihn ausspricht?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.