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Ägyptische Körperkunst : Nadelstiche für die Freiheit

  • -Aktualisiert am

„Das geht nie wieder weg, gut so“: Dass sich ein muslimisches Mädchen tätowieren lässt, ist noch ungewöhnlich. Vor 2011 wäre es undenkbar gewesen Bild: Theresa Breuer

Die Revolution in Ägypten hat den Traum von einem besseren Leben nicht erfüllt. Jetzt lassen sich junge Leute tätowieren, um ein Zeichen zu setzen.

          5 Min.

          Auf den Straßen von Kairo patrouilliert die Militärpolizei, Anhänger des Präsidentschaftskandidaten Abd al Fattah al Sisi schwenken jubelnd die ägyptische Flagge. Es ist Ende Mai, der zweite Wahltag in Ägypten, und die wahren Sisi-Fans lassen sich auch nicht von 40 Grad Hitze vom Feiern abhalten. Im ersten Stock eines grauen Bürogebäudes im Kairoer Nobelviertel Zamalek steht Kamal, 22 Jahre alt, und schnaubt verächtlich. Auf das Geschehen unten an der Kreuzung blickt er im wahrsten Sinne des Wortes herab. „Das sind keine freien Wahlen“, sagt er. „Das ist eine Farce.“

          Kamal geht heute nicht wählen. Er lässt sich tätowieren, im „Nowhereland“, Kairos neuestem Tattoo-Studio. Ein bunter Fuchs soll auf seinem Oberarm prangen. „Ein Statement gegen das Establishment“, sagt er. Was für Menschen aus dem Westen nach abgedroschener Achtundsechziger-Romantik klingt, ist in Ägypten hochaktuell. Denn in einer Gesellschaft, die maximale Anpassung von ihren Bürgern fordert, kann schon ein bunter Fuchs bedeuten: Ihr könnt mich mal.

          Freiheit nur noch in Nischen

          Kamal ist einer jener studierten jungen Ägypter, die 2011 etwas verändern wollten im Land. Wie Millionen andere hat er auf dem Tahrir-Platz für Brot, Freiheit und soziale Gerechtigkeit demonstriert. Geblieben ist davon kaum mehr als eine Erinnerung. Aus dem Präsidentschaftskandidaten al Sisi ist inzwischen der Präsident al Sisi geworden, der schon jetzt mit seinen autoritären Vorgängern verglichen wird. Politisch Andersdenkende werden weggesperrt oder mundtot gemacht.

          Die Freiheit, auf die sie gehofft haben, findet sich nur noch in Nischen. Wie im „Nowhereland“. Diesen März wurde es eröffnet. Die Besitzerin Orne Gil ist eine jungenhaft wirkende Frau mit kurzen Haaren und einem Beatles-Tattoo auf dem Oberarm. Ursprünglich kommt sie aus Venezuela, ihr Handwerk hat sie in Italien gelernt. Dass sie jetzt in Ägypten lebt, war eine bewusste Entscheidung: „Es hat mich schon immer gereizt, Tattoo-Kunst in Länder zu bringen, wo sie aus kulturellen, religiösen oder politischen Gründen verpönt ist“, sagt sie. „Als in Ägypten Revolution war, dachte ich: Das ist das Land, und das ist der Moment.“ Also ist sie hergezogen.

          „Niemandsland“: Kamal trägt künftig einen Fuchs auf dem Arm Bilderstrecke

          Revolutionskunst ist gefragt

          Angefangen hat alles in ihrer Kairoer Wohnung, wo die 26-Jährige Freunde und Bekannte tätowiert hat. Später zog sie in den Hinterraum eines Schönheitssalons. Weil die Nachfrage immer größer wurde, eröffnete sie das „Nowhereland“. Mit ihr arbeiten zwei weitere Tätowierer: Simona Trappani, 34, aus Italien, und Bix Ankh Heka, 25, aus Ägypten. Gemeinsam tätowieren sie zwischen 25 und 40 Ägypter im Monat.

          „Es ist auffällig, dass viele unserer Kunden Motive verlangen, die Freiheit symbolisieren, wie Vögel oder Flügel“, sagt Orne. Beliebt seien außerdem Motive, in denen altägyptische Kultur und Revolutionssymbolik verschmelzen. Wie das Logo des Studios: Es zeigt die Pharaonengattin Nofretete mit Gasmaske. Das Motiv stammt von einem ägyptischen Graffitikünstler, Orne hat es einer Aktivistin auf den Oberschenkel tätowiert. Auch Tätowierer Bix trägt Revolutionskunst: Auf seinem Unterarm sitzen ein roter und ein blauer Vogel, beide tragen Gasmasken. „Das sind ich und meine Freunde bei Straßenschlachten mit der Polizei“, sagt er.

          „Wann geht das Tattoo wieder weg?“

          Bislang gibt es in Ägypten nur eine Handvoll Tattoo-Studios. Auf der einen Seite sehen Orne und ihre Mitstreiter das als große Chance. „Wir gestalten die Szene von Anfang an mit“, sagt Orne, „das ist schon etwas sehr Besonderes.“ Andererseits sei es auch eine Verantwortung, weil es in Ägypten noch kein Bewusstsein für Tattoos gebe: „Wir bekommen ständig Anrufe von Leuten, die sich den Namen ihres Freundes oder ihrer Freundin tätowieren lassen wollen.“ Solche Wünsche zeigen, dass Aufklärungsbedarf herrscht.

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