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Jugendgefährdende Medien : Heiße Träume

Fleischlich: Hier sammelt lieber der Kunst- als der Pornoliebhaber. Bild: plainpicture/Ritzerfeld

Wird die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien zur Bundeskopierstelle? Ein Sammler von vergriffenen Achtziger-Jahre-Pornos hat gerichtlich erwirkt, dass ihm die Behörde eine Kopie anfertigen muss. Das Urteil könnte weitreichende Folgen haben.

          Carl Ludwig soll eigentlich Manuskripte lesen. Doch so richtig kommt er nicht dazu. Erotische Tagträume hindern den Lektor an der Arbeit. Er sitzt am Schreibtisch, schaut an die Decke und landet dann mitten in einem Fotostudio, vor der Kamera steht seine unbekleidete Sekretärin in aufreizender Pose. Wieder in der Realität, muss er mit dem Bestsellerautor Johannes Mario Pimmel Mittag essen. Zurück im Büro träumt er von nackten Frauen im wilden Westen und einem Bifi-abhängigen Kommissar, der einen Fall von „Beischlafdiebstahl“ aufzuklären hat. Carl Ludwigs Tagträume stehen auf dem Index. Beide Teile des Films – „Traumtänzer“ von 1974 und „Heiße Träume“ von 1983 – sind pornographisch und daher jugendgefährdend. Das hat die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien entschieden.

          Helene Bubrowski

          Politische Korrespondentin in Berlin.

          Auch Erwachsene kommen an den Film nicht heran. Der Teil „Heiße Träume“ ist vergriffen. Nicht einmal auf den Verkaufsportalen im Internet wird er angeboten. Der Geschmack hat sich geändert, könnte man meinen. Doch im Internet finden sich auf einschlägigen Seiten nicht nur Inhaltsangaben des Films, sondern auch etliche Gesuche. „Wer nicht an einem Tag den Lotto-Jackpot knackt UND einen Blitzschlag überlebt, scheint keine Chance zu haben, da ranzukommen. Für sachdienliche Hinweise, die zur Ergreifung dieses Machwerkes führen, wäre ich sehr dankbar“, ist nur ein Beispiel. Ein Fan der Achtziger-Jahre-Pornographie hat sich an die Bundesprüfstelle gewandt. Sie habe den Film doch archiviert, da solle sie ihm eine Kopie anfertigen, lautet seine kühne Forderung.

          Gericht gibt dem Sammler Recht

          Die Behörde lehnte ab. „Aufgabe der Bundesprüfstelle ist es, Kinder und Jugendliche vor sie gefährdenden Medieninhalten zu schützen, nicht die private Sammelneigung einzelner zu befriedigen“, sagt Corinna Bochmann, Referentin bei der Bundesprüfstelle. Der Sammler zog vor das Verwaltungsgericht Köln – und bekam Recht. Die Bundesprüfstelle müsse die Videokassette für den Sammler kopieren, entschieden die Kölner Richter in diesem Herbst. Der Anspruch folge aus dem Informationsfreiheitsgesetz.

          Die Kölner Lesart des Gesetzes, das Bürgern Zugang zu amtlichen Informationen gewähren soll: Der Film über Carl Ludwigs Tagträume ist eine „amtliche Information“; sie wird „zu amtlichen Zwecken“ aufbewahrt – nämlich dazu, die Indizierung, wie im Jugendschutzgesetz vorgeschrieben, alle 25 Jahre zu überprüfen. Außerdem erlaube das Urheberrechtsgesetz ausdrücklich, eine Kopie von seit mindestens zwei Jahren vergriffenen Werken für den Privatgebrauch anzufertigen. Auch den Einwand der Bundesprüfstelle, Belange des Jugendschutzes stünden der Vervielfältigung des Films entgegen, wischt das Verwaltungsgericht mit größter Leichtigkeit weg: Die Kassette werde ja an einen Erwachsenen gegeben. Erforderlich sei noch nicht einmal die Prüfung, ob der Sammler „besonders vertrauenswürdig ist oder nicht“.

          Antrag ist Provokation, aber auch Rechtsmissbrauch?

          Die Bundesprüfstelle hat bereits Rechtsmittel gegen das Urteil eingelegt und hofft, dass die nächste Instanz das Informationsfreiheitsgesetz anders auslegt. „Sinn und Zweck des Gesetzes ist es, Behördenentscheidungen transparent zu machen“, argumentiert Bochmann. „Wie ist die Behörde zu einer Entscheidung gelangt? Wofür wurde Geld ausgegeben?“ Sie hätte dem Kläger ja die Begründung aus dem Indizierungsentscheid übersandt, aus der sich ergibt, warum die Bundesprüfstelle den Film als jugendgefährdend einstuft. „Aus dem Film selbst lässt sich doch gar nichts ableiten, was mit der Arbeitsweise der Bundesprüfstelle zu tun hat.“

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