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Zivi auf der Alp : Sömmern auf der Schweizer Alp

  • -Aktualisiert am

Bild: Illustration: Monika Aichele

Abiturient Raphael kontrolliert Zäune und Kühe, wehrt sich gegen kräftige Pferde und leistet seinen Zivildienst hoch oben in den Bergen. Ein schöner, arbeitsreicher Sommer.

          3 Min.

          Im Tal des Hinterrheins, oberhalb vom Bündner Hauptort Chur, vorbei an Thusis und durch die Viamala-Schlucht, liegt Andeer. Von dort fährt das Postauto nach Juf, auf halber Strecke taucht eine Ebene auf, an deren Ende sich Campsut befindet. Das Dorf, bestehend aus etwa zehn Häusern, sieht aus, wie man sich ein Alpendorf in alten Zeiten vorstellen würde. Eng beieinanderliegende, mittelgroße, mit Schieferplatten bedeckte Häuser, links und rechts von einem einzigen Sträßchen. Durchs Avers-Tal schlängelt sich ein klares Flüsschen, der Averser Rhein, der in der Rofflaschlucht bei Andeer in den Hinterrhein mündet. Zu sehen sind saftig grüne Alpweiden für die Nutztiere.

          Er meldete sich auf ein Inserat

          Um den Alpbauer dabei zu unterstützen, die Tiere durch den Sommer zu bringen, und als Hilfe für die Landschaftspflege werden ihm Zivildienstleistende zur Verfügung gestellt. Das sind junge Leute, die statt des Militärdienstes eine Art Dienst für die Allgemeinheit absolvieren. So wie Raphael Burkardt auf der Alp Campsut. Der 19-Jährige hat im Sommer 2019 das Gymnasium mit der Matura abgeschlossen. Er meldete sich auf ein Inserat und arbeitet mit zwei weiteren Zivildienstlern einen Teil seiner Dienstzeit in Campsut ab. Die Arbeit, die die drei verrichten, besteht hauptsächlich aus dem Kontrollieren der Weidezäune und dem Roden der Sträucher und jungen Bäume an den Waldrändern, damit die Weiden nicht zuwachsen und um sie wieder zu vergrößern. Zudem müssen sie schauen, dass sich die Tiere auf der richtigen Weide befinden, nicht verloren gehen, und sie müssen diese von Weide zu Weide bringen.

          Keine Alpwirtschaft ohne Subventionen

          Die Tiere, die in Campsut gesömmert werden, kommen vorwiegend aus dem Kanton Zürich. Dabei zahlt der Bauer aus dem Mittelland nur einen kleinen Teil der Kosten für die Sömmerung durch den Alpbauer. Die Arbeiten werden hauptsächlich vom Bund bezahlt, der auch den Transport der Tiere unterstützt. Ohne Subventionen des Bundes wäre die ganze Alpwirtschaft unmöglich durchführbar. In Campsut werden hauptsächlich Mutterkühe mit ihren Kälbern gesömmert, aber auch Schafe, Schweine, Esel und Pferde. Aber all diese Tiere haben auf der kleinen Ebene um das Dorf Campsut keinen Platz. Die meisten Tiere befinden sich im Nachbardorf Innerferrera und auf der Alp Campsut, etwa 600 Höhenmeter oberhalb des Dorfes. Die Ausdauer von Raphael, mit der er den Berg hoch wandert oder besser gesagt rennt, ist beeindruckend. Dadurch, dass die Zäune beinahe täglich kontrolliert werden, müssen er und die anderen Zivildienstleistenden viele Höhenmeter in so kurzer Zeit wie möglich zurücklegen, damit sie den anderen Arbeiten wie dem Roden und im Sommer auch dem Heuen nachkommen können.

          Das kann gefährlich werden

          Etwas oberhalb des Waldes zwischen dem Dorf und der Alp Campsut befindet sich ein Brunnen, aus dem die Tiere trinken, deshalb ist dort immer die größte Ansammlung von Tieren anzutreffen. Beeindruckend sind vor allem die muskelbepackten Pferde, die bei den Menschen um Futter betteln. Dabei wird man schnell mal von ihnen in die Zange genommen. Doch sind sie nicht direkt gefährlich, solange sie nicht erschreckt oder direkt bedroht werden. Es kann zum Beispiel gefährlich sein, vor einem Pferd zu stehen, während es von hinten angestoßen wird, weil es dann ruckartig nach vorne preschen könnte. Deutlich gefährlicher als die Pferde sind die Mutterkühe, weil sie, von ihrem Beschützerinstinkt getrieben, bei potentieller Gefahr schnell aggressiv werden können. Um die Kühe trotzdem treiben zu können, muss man ihnen zu Beginn des Treibens durch große Bewegungen und sanfte, aber deutliche Zurufe zu verstehen geben, dass sie nun getrieben werden. Denn an das Treiben sind sie gewöhnt und wissen, dass vom Treiber keine Gefahr ausgeht.

          Ab und zu schallt ein Schuss durch das Tal

          Die Alpweiden muss man sich nicht als flache, grüne Grasflächen vorstellen. Vielmehr sind es häufig eher unregelmäßige, teils steile Parzellen. Diese bestehen zwar zu einem großen Teil aus verschiedenen Grasarten, sie sind jedoch sowohl durchzogen mit Sträuchern wie den Alpenrosen und Heidelbeeren als auch teilweise mit Nadelbäumen bewachsen. Zudem gibt es vereinzelt oder in größeren Ansammlungen Steine sowie Felstrümmer. Die Weiden sind nicht gegen alle Seiten abgezäunt, da Erhöhungen des Geländes, Felsen sowie Felswände als natürliche Barrieren dienen. Dies ist für die Tiere nicht ungefährlich und kann zu Abstürzen führen.

          Gegen Ende Oktober ist es Aufgabe des Älplers, die Kühe etappenweise, nach Besitzer und Art geordnet, wieder ins Tal zu treiben. Zudem ist dann in der Schweiz Jagdsaison. Dann sind in und um Campsut überall Jäger anzutreffen. Ab und zu schallt dann ein Schuss durch das Tal. Wenn man zwei Schüsse hört, weiß Raphael, war der erste meistens ein Fehlschuss oder ein Streifschuss und der Jäger musste nachschießen. Hört man nur einen Schuss, war es entweder ein guter Treffer, oder das Tier wurde gar nicht getroffen und konnte fliehen. Raphael meint, dass die Bereitschaft, sich anzustrengen, und Durchhaltevermögen für einen Alpdienst wichtig sind. Man sollte sich auch damit abfinden können, allein zu sein und Freunde und Familie nur selten sehen zu können. Dafür erlebt man so einiges. Raphael hat mit seinen Freunden eine Nacht unter freiem Himmel geschlafen. Dort erlebte er, wie die Tiere die Nacht verbringen. Er traf in der Stille auf Gemsen oder Tiere, denen man sonst nicht begegnet, wie Schlangen oder Adler.

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