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Aufklärung von NS-Verbrechen : Morddelikte

  • -Aktualisiert am

Bild: Anke Kuhl

Die Zentrale Stelle zur Aufklärung von NS-Verbrechen ermittelt auch 75 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs gegen die Täter. Ein Gespräch mit dem Leiter Thomas Will.

          5 Min.

          Wir sind keine Historiker, sondern Juristen“, betont Thomas Will. Er ist seit vergangenen Oktober Behördenleiter der Zentralen Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen, die derzeit 21 Beschäftigte hat. Unter Berücksichtigung der Umstände der Corona-Pandemie erklärte er sich bereit, ein Videogespräch zu führen und einen Einblick in seine Arbeit zu bieten. Der 60-jährige braunhaarige und junggebliebene Franke ist als Oberstaatsanwalt bereits 17 Jahre Ermittler der Behörde, wobei der Fokus seiner Tätigkeit auf der Ermittlung gegen Wach- und anderes Personal verschiedener Vernichtungs- und Konzentrationslager ruht. „In erster Linie bin ich Staatsanwalt, was an sich kein ungewöhnlicher Beruf ist. Dass ich letztendlich bei der Zentralen Stelle gelandet bin, hat sich im Laufe der Zeit einfach ergeben, als ich nach Aufruf an die Landesjustizverwaltungen auf meinen Wunsch hin nach Ludwigsburg abgeordnet wurde.“ Im Zuge seiner Arbeit wertete Will bereits weltweit Material verschiedener Archive aus, unter anderem in Russland, Italien, Großbritannien, Australien, Kanada und den Vereinigten Staaten. „Seit der Wiedervereinigung Deutschlands 1990 öffnete sich der Zugang zu vielen Archiven, gerade im ehemaligen Ostblock. Dort haben wir zahlreiche wichtige Hinweise erhalten. Grundsätzlich ist die Zugänglichkeit gut, aber natürlich haben wir auch Schwierigkeiten, gewisse Archive, insbesondere die von Geheimdiensten, zu betreten.“

          Großer Bedarf an Ahndungen

          Die Aufgaben der Zentralen Stelle sind die einer Vorermittlungsbehörde gegen nationalsozialistische Morddelikte. So werden Taten und Täter von Morddelikten vorermittelt und anschließend an die dafür zuständige Staatsanwaltschaft weitergereicht, die dann das Gerichtsverfahren vorbereitet. „Das ist grundsätzlich entweder die am Tatort ansässige Staatsanwaltschaft oder die Staatsanwaltschaft, in deren Zuständigkeitsbereich ein bekanntgewordener Beschuldigter lebt“, erklärt Will den weiteren Verlauf einer solchen Ermittlung. Allerdings kann natürlich nur gegen noch lebende Täter ermittelt werden, sonst muss die Ermittlung fallen gelassen werden. Die Zentrale Stelle zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen, deutschlandweit die einzige dieser Art, befindet sich seit 1966 im ehemaligen Frauengefängnis beim Schorndorfer Torhaus in Ludwigsburg. Sie wurde 1958 vom Land Baden-Württemberg nach dem sogenannten Einsatzgruppenprozess gegründet, in dem Mitglieder einer Einsatzgruppe der Sicherheitspolizei und des SD wegen der Ermordung Tausender jüdischer Bewohner des damaligen deutsch-litauischen Grenzgebietes verurteilt worden waren. Dabei wurde zunehmend deutlich, dass es noch einen großen Bedarf an Ahndungen gegen NS-Straftäter gab, die ihre Taten größtenteils in den besetzten Gebieten begingen, was letztlich der Hauptausschlag für die Gründung der Zentralen Stelle war.

          So zeigte sich der Hass auf die „Nazijäger“

          Die Reaktionen auf die Aufstellung der neuen Ermittlungseinheit waren zu Beginn alles andere als positiv; es fehlte nicht an Anfeindungen. Insbesondere als 1966 Sepp Dietrich, ein ehemaliger Waffen-SS-General, Ritterkreuzträger und Kriegsverbrecher, in Ludwigsburg im Beisein von rund 5000 Veteranen beerdigt wurde, zeigte sich der Hass auf die „Nazijäger“ der Zentralen Stelle deutlich. Als der Trauerzug auf dem Weg zum Friedhof die Zentrale Stelle passierte, ballten sich die Fäuste, und Rufe wie „Wir kriegen euch noch!“ wurden laut. Bei der Prozession wurden auch verbotene Lieder wie das „Treuelied“ der Waffen-SS gesungen. „Der Gedanke der Entnazifizierung hatte damals längst nicht alle Menschen erreicht. Man muss bedenken, dass sich die zentralen Täterjahrgänge des sogenannten Dritten Reiches damals und auch noch Jahre danach in wichtigen Ämtern und Positionen befanden. Das wirkte sich natürlich auch stark auf die öffentliche Meinung aus“, erklärt Will die Reaktionen. Selbst Anton Saur, der von 1960 bis 1966 Bürgermeister in Ludwigsburg war, zeigte eine zutiefst ablehnende Haltung gegenüber der Zentralen Stelle und nannte sie sogar einen „Schandfleck“.

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