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Restaurator : Zementsäcke im Palazzo

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Bild: Moni Port

Ein Ofenbauer vom Zürichsee beherrscht alte Handwerkstechniken und restauriert historische Häuser. Die muss man spüren, sagt er.

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          Im südlichsten Zipfel des Kantons Graubünden, dem Misox, liegt die Ortschaft Roveredo. Sie wird zerschnitten durch die Autobahn, eine Bausünde aus den 1960er-Jahren. Man merkt schnell, dass die goldenen Jahre des Ortes längst vorüber sind. Hinter dem trostlosen Ort wird es wieder ländlicher. Bald erscheint der Kirchturm von San Giulio, dieser Ortsteil scheint trotz der Bauwut der letzten Jahrzehnte unbeschadet geblieben zu sein. Die Gassen werden immer schmaler und verwinkelter. Wo immer man auch hinschaut, sind nur alte Häuser zu sehen. Die kleinen Gärten sind liebevoll gepflegt, und da ist sie endlich, die Idylle, wie man sie sich in einem Dorf südlich des Alpenhauptkamms vorstellt. Am südlichen Ortsrand erhebt sich, wie falsch dimensioniert, der Palazzo Comacio. Der Grundriss ist quadratisch, die Wände sind so zurückversetzt, dass an den Ecken jeweils vier Türme entstehen, bei denen sogar noch die originalen Schießscharten zu sehen sind. Einzig über dem Eingangstor verrät ein altes, verblasstes Fresco, dass es sich um ein bedeutendes Gebäude gehandelt haben muss. Sonst ist alles schlicht, das Dach aus geschiefertem Gneis. Und die Fenster im Erdgeschoss sind vergittert.

          Durchgefaulte Böden

          Das große Tor steht offen, und überall sind Baugeräte, Eimer voll Schutt, große Bottiche mit aufgeschlemmtem Kalk, Zementsäcke und Werkzeuge zu sehen. Die mächtige Gewölbedecke der Eingangshalle ist Ehrfurcht einflößend. Aus dem Nebenzimmer ist immer wieder ein Kratzen und dann ein dumpfes Platschen zu hören. Rolf Heusser ist gerade dabei, den Kamin der ehemaligen Küche des Palazzos wiederaufzubauen. Heusser, der in Stäfa am Zürichsee aufgewachsen ist, hat ein Faible für alte Gebäude entwickelt. Angefangen hat alles um die Jahrtausendwende im benachbarten Männedorf, als dort die Alte Schmitte, das älteste erhaltene Gebäude des Ortes, restauriert werden sollte. „Das Haus war in einem so maroden Zustand, dass ein Kaufinteressent nach dem anderen abgesprungen ist, und so konnte ich das alte Gebäude sehr günstig erstehen. Ich hatte gar nicht damit gerechnet, den Zuschlag zu bekommen, aber es war auch eine Herausforderung, die Böden waren durchgefault, und man musste aufpassen, dass man nicht ein Stockwerk tiefer landet“, erzählt er.

          Gelernt hat Rolf Heusser den Beruf des Ofenbauers, dadurch kam er schon früh mit alten Handwerkstechniken und Materialien in Berührung. Als Ofenbauer kommt man zwangsläufig in die Situation, bei Restaurierungen mitzuarbeiten und dabei auch den Handwerkern anderer Gewerke auf die Finger schauen zu können. Allzu oft gefiel es ihm nicht, wie mit der alten Substanz umgegangen wurde, und so reifte die Entscheidung, ein Haus in Eigenregie restaurieren zu wollen, es selbst in die Hand zu nehmen und die Entscheidungen so zu treffen, wie sie stimmig für ihn sind. „Ich möchte die Authentizität wieder ins Haus zurückbringen, und das gelingt nur, wenn man sich in die damalige Zeit hineinversetzt.“

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