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Wohnen mit Behinderung : Wo die Dorfgemeinschaft zum Selbstwertgefühl verhilft

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Auf dem SOS-Hof Bockum im Landkreis Lüneburg leben und arbeiten Menschen mit Behinderung

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          Ein riesiger Hof mit vielen Häusern, Grünflächen, Wiesen und Ackerflächen, die durch einzelne kurze Wanderwege getrennt sind. Überall Menschen, gesunde und Menschen mit Behinderungen. Man hört Gerede und Gelächter, pure Freude und Spaß am Zusammenleben und Arbeiten. „Die Wiedereingliederung erwachsener Menschen mit geistiger Behinderung – das ist das Ziel des SOS-Kinderdorfs“, so fasst Andreas Roßdeutscher, Hausvater einer Hausgemeinschaft im Hof Bockum das Ziel der sozialen Einrichtung zusammen. Die soziale und berufliche Integration habe oberste Priorität. Der Hof Bockum, liegt in der niedersächsischen Gemeinde Amelinghausen im Landkreis Lüneburg.

          Ökologisch, nachhaltig, selbstbewusst

          Der Name „Kinderdorf“ könnte irreführend sein, denn in diesen Gemeinschaften leben Menschen, die ihr 18. Lebensjahr bereits vollendet haben. Der Begriff stammt aus der Nachkriegszeit, in der in den Kinderdörfern junge Kriegswaisen aufgenommen wurden. Als diese dann älter wurden, stellten die Menschen fest, dass es Waisen gab, die auch über das Kindesalter hinaus nicht in der Lage waren, ein eigenständiges Leben zu führen. So entstanden nach und nach Dorfgemeinschaften, die differenzierte Wohnformen und Arbeitsmöglichkeiten für Menschen mit Behinderungen boten.

          „Den SOS-Hof Bockum gibt es nun seit 32 Jahren. Uns steht eine Fläche von 80 Hektar zur Verfügung, von denen 70 Hektar landwirtschaftlich genutzt werden. Aus diesem Grund spielt das Zusammenspiel von Mensch und Natur, die Ökologielehre und die Nachhaltigkeit, vor allem im zweijährigen Berufsbildungsbereich der Betreuten, eine wichtige Rolle“, erzählt Andreas Roßdeutscher. Unter dem Berufsbildungsbereich wird eine Art Ausbildung der Menschen mit Behinderung bezeichnet, bei der sie anschließend eine kleine Prüfung absolvieren müssen und eine Urkunde erhalten. „So wird ihr Leben an das unsere angeglichen, und die Menschen kriegen das Gefühl, dass wir alle gleich sind. Somit gewinnen sie Selbstbewusstsein und Sicherheit.“

          Wer große Fortschritte zeigt

          Als Hausvater wohnt Andreas Roßdeutscher selbst in einer Hausgemeinschaft. Zusammen mit seiner Frau, seinen vier Kindern und sieben Betreuten. Als gelernter Sozialarbeiter hat er nach seinem Umzug in das Dorf Bockum direkt mit seiner Arbeit auf dem Hof angefangen und die Aufgabe als Hausvater übernommen. „Während ich die Arbeit auf dem Hof erledige, kümmert sich meine Frau um die Hauswirtschaft. Dies geschieht natürlich zusammen mit den Betreuten. Das Zusammenleben und die Zusammenarbeit funktionieren hervorragend“, erzählt er stolz. Durch die Vermittlung sozialer und lebenspraktischer Kompetenzen, wie zum Beispiel der Pflege der sozialen Kontakte und der Bewältigung von Alltagsaufgaben, sollen die Betreuten individuell gefördert werden und sich Schritt für Schritt zur Eigenständigkeit entwickeln. Wer große Fortschritte zeigt, kann in eine Wohngruppe ziehen, die nur noch stationär betreut wird.

          Vom Gärtnern bis zum Computerrecycling

          Unter stationärer Betreuung versteht man das selbständige Wohnen der Bewohner in Kleingruppen auf dem Hof, sodass nicht rund um die Uhr Betreuer im Haus sind, diese jedoch jederzeit für sie auf dem Hof erreichbar sind. Doch die Betreuten wohnen nicht nur auf dem Hof; sie arbeiten dort auch. Die Werkstatt des Hofes bietet rund 100 Arbeitsplätze, welche in sieben unterschiedliche Bereiche eingeteilt sind. „Von den naturbezogenen Bereichen, wie der Gärtnerei und der Landwirtschaft, über die Hauswirtschaft für Betreute mit einer Vorliebe für häusliche Aktivitäten, bis hin zum Dienstleistungsbereich, in dem die körperlich eingeschränkten Bewohner und Mitarbeiter leichtere Arbeiten, wie zum Beispiel Computerrecycling, verrichten können, ist alles dabei“, erzählt der stolze Hausvater mit einem Lächeln im Gesicht.

          Glücklich mit familiären Strukturen

          Während man sich nun einen Eindruck vom Alltag auf dem Hof verschafft, fallen einem auch sofort die glücklichen Gesichter der Betreuten auf. Sie arbeiten, lachen und begrüßen dich herzlich. Sie sind glücklich und freuen sich, dass sie trotz ihrer Behinderungen einen möglichst normalen Alltag erleben können. Durch ihre Tätigkeiten auf dem Hof fühlen sie sich nützlich und aufgrund der sozialen Verknüpfungen mit den Betreuern und den dort lebenden Familien werden sie vollständig in den Alltag auf dem Hof integriert. „Durch das tägliche gemeinsame Mittagessen schaffen wir familiäre Strukturen und binden die Betreuten in die Planung und Gestaltung ihrer Tagesabläufe mit ein. Ihnen wird nichts vorgeschrieben: Wir unterstützen sie nur und helfen ihnen in allen denkbaren Hinsichten und Entscheidungen, die sie zu treffen haben. Wir freuen uns, dass wir Normalität in das Leben dieser Menschen bringen können, die uns so sehr am Herzen liegen“, sagt Andreas Roßdeutscher. „Eine Familie. Das sind wir. Und unser Hof ist unser eigenen, kleines Dorf.“

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