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Wissenschaftler über Recycling : Fehlwürfe im Sack

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Bild: F.A.Z.

Vermeiden hilft enorm, Plastik und nasser Müll sind ein großes Problem: Zwei Wissenschaftler, denen Nachhaltigkeit wichtig ist, über Recycling.

          3 Min.

          Wir Deutschen halten uns immer für die großen Umwelthelden, weil wir den Müll trennen“, meint Julia Gerth, Mutter eines zweijährigen Jungen. Kinderlachen dringt durch das Telefon. Den täglich anfallenden Abfall ordnungsgemäß in eine Handvoll Rubriken zu trennen und in den richtigen Mülleimer zu verfrachten sollte für den Verbraucher keine allzu große Herausforderung sein. Jedoch ist Mülltrennung ein viel heikleres Thema, als es scheint, und der Erfolg umstritten. Die Wirtschaftswissenschaftlerin hat an der Technischen Universität Ilmenau promoviert und arbeitet bei der GTT Gesellschaft für Technologie Transfer in Hannover. Sie ist dort Logistikberaterin und nebenbei als Forschungsbeauftragte tätig. Weiterhin übernimmt sie Lehraufträge an einigen Universitäten und Fachhochschulen zur Produktionsplanung und -steuerung. In ihrer Doktorarbeit beschrieb sie Sortierprozesse betriebswirtschaftlich und stellte Rechenvorschriften auf, wobei die Ressource Müll Betrachtungsgegenstand war. „Abfallverwertung ist auch eine Form der Produktion“, erläutert Gerth. „Primärrohstoffe kommen in den Kreislauf und werden zu einem Produkt, zum Beispiel zu einer Plastikflasche, verarbeitet.“ Diese diene dann als Verpackung für ein Getränk, das konsumiert werde, und wandere darauf in den Abfall. Von dort aus trete sie ihren weiteren Weg an. Entweder werde sie wiederverwendet, wieder befüllt, eingeschmolzen, zu einer neuen Flasche recycelt oder lande im Restmüll und produziere so Wärme und Strom.

          Glas macht sich gut

          „Abfallverwertung ist ein Vorschritt zur Produktion“, spezifiziert Universitätsprofessor Rainer Souren. Die letzte Phase der Kreislaufwirtschaft heiße Induktion und sei die Gewinnung von Sekundärstoffen, ähnlich der Rohstoffgewinnung aus der Natur. Souren ist Fachgebietsleiter an der Fakultät für Wirtschaftswissenschaften und Medien an der TU Ilmenau. Studiert und promoviert hat er an der RWTH Aachen. Sein Fachgebiet umfasst „nachhaltige Produktionswirtschaft und Logistik“, Nachhaltigkeit liegt ihm am Herzen. So befasst er sich mit Fragestellungen des umweltfreundlichen, sozialen Wirtschaftens. Er betrachtet Verpackungskreisläufe, Logistikstrukturen und Produktionsgestaltungen, um weniger Abfall oder Ausstoß zu produzieren. „Mülltrennung ist immer dann sinnvoll, wenn die Rohstoffe einigermaßen gut zu separieren und damit sinnvoll, schnell und kostengünstig auch wieder in Kreisläufe zurückzuführen sind.“ Die Sortierung geschehe nach Größe oder Material, damit möglichst sortenreine, wiederverwendbare Rezyklate entstehen, eingeteilt in Fraktionen. „Die materialfraktionsweise Weiterverwertung ist immer besser als Verbrennung“, findet er. „Viele Stoffe sind auch aus ökonomischen Gründen gut zu recyceln.“ Für manche Stoffe sei das aber leichter als für andere. Aluminium zum Beispiel lasse sich sortenrein wiedergewinnen, und auch Glas mache sich äußerst gut. „Das braucht deutlich weniger Energie und kostet weniger als die Herstellung von Primärglas“, sagt Souren. Wie Gerth ergänzt, seien die Recyclingquoten von Papier ebenfalls erfreulich hoch, und das durch die Vorsortierung der Bürger.

          Magnetbänder sortieren Metallteile aus

          In Deutschland gibt es diverse Gesetze zur Mülltrennung, darunter das Kreislaufwirtschaftsgesetz und das Verpackungsgesetz. Dadurch soll Recycling gefördert werden. Grundsätzlich ist die Mülltrennung sinnvoll, der Professor sieht dies auch fast als eine Bürgerpflicht. Es stelle sich nur die Frage, was wie stark getrennt werden sollte. Alles, was im Müll landet, muss aufbereitet werden, um wiederverwertet zu werden. Technisch ist heute schon eine Menge machbar. In Sortieranlagen wird Müll geschreddert, gesiebt und Metallteile über Magnetbänder aussortiert. Manche Müllfraktionen bringen viel Geld ein, daher wurde die Forschung ausgedehnt und die Technik stetig verbessert. Es gibt kaum noch ein Material, das der Mensch besser erkennt als die Technik. Nassen oder stark verunreinigten Müll zu trennen ist nach wie vor aufwändig.

          „Viele Leute glauben immer noch, der Grüne Punkt heißt, das wird jetzt recycelt“, sagt Gerth. Das stimme nicht. Er bedeute nur, dass der Hersteller Geld gezahlt habe, dass das Material zurückgeführt werde. Was mit dem Abfall am Ende passiere, habe damit nichts zu tun. Plastik hat eine besonders schlechte Recyclingquote. „Im Restmüll findet sich, was in den gelben Sack gehört, und umgekehrt“, bedauert Souren die vielen Fehlwürfe der Konsumenten. Das könne dann zumeist nur noch verbrannt werden. „Plastik ist nicht gleich Plastik“, erklärt er. Verpackungen aus einem Material können recycelt werden, doch oft sind sie noch mit einem zweiten Kunststoff ummantelt. „Und schon kann man das nicht mehr verwerten, dann kann man es eigentlich nur noch verbrennen“, entrüstet er sich. Zwar gebe es Verfahren, die den Müll nachsortieren und Verbundstoffe trennen, doch sei das aufwendig.

          Müllentsorgung ist in Deutschland kommunal geregelt, jede Gemeinde bestimmt selbst, wie ihr Abfall entsorgt werden soll. Es gibt 1050 bis 1100 Abfallsatzungen, und auch die Müllgebühren unterscheiden sich um bis zu 500 Prozent. Was besser oder schlechter ist, ist schwer zu sagen, das hänge vor allem von den Interessen der Versorgungsunternehmen ab. Gemeinden mit Müllverbrennungsanlagen haben ein großes Interesse, diese zu nutzen.

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