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Wirtsfindung : Läuse sind etwas Soziales

Was der Junge rechts im Bild an der Leine führt, ist nichts geringeres als eine... Bild: Claire Lenkova

Die Kopflaus ist das häufigste Haustier der Deutschen. Hinter vorgehaltener Hand vermuten Eltern und Lehrer immer wieder, dass ein Zusammenhang mit dem gestiegenen Anteil ausländischer Kinder bestehe. Aber in Wirklicheit ist Läusebefall etwas Soziales, und das macht die Sache schwierig.

          10 Min.

          Die Zeiten sind lausig. Und daran sind ausnahmsweise weder das politische Berlin noch die schwächelnde Wirtschaft schuld. Lausig sind die Zeiten, weil sich bei uns ein nur sesamkorngroßes Tierchen wieder ausgebreitet hat. Pediculus humanus capitis, vulgo: Kopflaus, fehlt in kaum einem Kindergarten und kaum einer Schule. Wenigstens einmal im Jahr müssen sich Eltern in den Apotheken aufrüsten, um gegen den umtriebigen Parasiten ins Feld zu ziehen.

          Richard Wagner
          (riw.), Politik

          Es gibt zwar noch keine umfassenden Zahlen über den Kopflausbefall, da er erst seit 2001 meldepflichtig ist. Gleichwohl wurde etwa beim Gesundheitsamt Wiesbaden ein kontinuierlicher Anstieg für alle Schulen und Kindertagesstätten von 41 Fällen im Jahr 2001 auf 638 Fälle im Jahr 2006 verzeichnet - allein in diesen paar Jahren eine Steigerung um satte 1500 Prozent. Schätzungen sprechen von einer Million Fälle jährlich in Deutschland. In den Industrieländern sollen zwischen ein und drei Prozent der Bevölkerung befallen sein, das wäre immerhin ein Heer von 10 bis 30 Millionen Menschen, auf denen ein Vielfaches an Läusen herumturnt. Im Übrigen, jenseits aller Statistik: Wer lange genug lebt, weiß aus eigener Anschauung, was sich verändert hat. In den Schulen und Kindergärten der sechziger und siebziger Jahre gab es nicht alle paar Wochen Läusealarm.

          Man wüsste doch gerne, wem man die Tierchen zu verdanken hat

          Die regelmäßige Wiederkehr nervt. Und wer die ersten Schlachten auf den Köpfen der Kinder mit den einschlägigen Läuseshampoos geschlagen hat, wüsste doch gerne, wem er die Tierchen zu verdanken hat. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzgA) in Bonn ist die natürliche Anlaufstelle für den eigenen Unmut. Aufklärung erhält man dort aber nur in einem sehr weit gefassten, eher akademischen Sinn. Ein Faltblatt, das Jahr für Jahr 750.000 Mal nachgefragt wird - neben der deutschen gibt es auch türkische, russische, serbische und kroatische Ausgaben, die letzte allerdings nur noch als PDF-Datei zum Herunterladen -, ordnet das Problem nämlich erst einmal historisch ein. Kopfläuse, heißt es da, seien immer schon heimisch in Europa.

          ... gigantische Kopflaus, die von ihm fortstrebt. Im wirklichen Leben ist das nicht unbedingt so, dort...
          ... gigantische Kopflaus, die von ihm fortstrebt. Im wirklichen Leben ist das nicht unbedingt so, dort... : Bild: Claire Lenkova

          Das soll wohl irgendwie beruhigend klingen, den Ekel beschwichtigt es nicht. (Auch, dass der Mensch schon vor etwa 5,5 Millionen Jahren von der Kopflaus befallen war, wie amerikanische Forscher herausgefunden haben, also just zu dem Zeitpunkt, als sich die Entwicklungslinien von Affe und Mensch trennten, ist kein rechter Trost.) Die BzgA schreibt weiter, dass auch „die heute so hohen hygienischen Standards“ nichts daran geändert hätten, dass die Kopfläuse sich bei uns wie zu Hause fühlen. Augenzwinkernd fügen die dem Berliner Bundesgesundheitsministerium zugeordneten Bonner Volkspädagogen hinzu, die hygienisch unbeeindruckbaren Tierchen bevorzugten womöglich sogar frisch gewaschenes Haar. Dass Läuse etwas mit Hygiene zu tun haben, soll bitte dringend niemand denken. Warum ihnen dann aber mit der Chemokeule zu Leibe rücken?

          Deutschland, einig Läuseland!

          Die Kopflaus ist der demokratische Parasit schlechthin. Sie diskriminiert - außer Glatzköpfen - niemanden wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen. Und weil sie jeder bekommen kann, muss sich ihrer auch keiner schämen. Deutschland, einig Läuseland!

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