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Wiederverwertung von Plastik : Mottenraupen zerkleinern Plastik – mehr tun sie nicht

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Am Vermeiden führt kein Weg vorbei: an der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz wird über den Abbau und die Wiederverwertung von Plastik geforscht.

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          Wer kennt das Problem nicht: Bereits nach einer Woche stapelt sich der Plastikmüll in der gelben Tonne, und jeder wird qualvoll daran erinnert, wie viel Schaden unserem Planeten bereits in kurzer Zeit zugefügt wurde. Da erschien die Entdeckung der plastikfressenden Wachsmottenart der Forscherin Federica Bertocchini an der Universität im spanischen Santander wie die Rettung vor dem bereits besiegelten Untergang des Lebens auf der Erde. Doch stimmt es wirklich, dass ein Tier, das die meisten Menschen verabscheuen, die Lösung des Plastikproblems sein kann? Klarheit darüber gibt ein Gespräch mit Till Opatz, Professor für Organische Chemie an der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz. Die für seine Versuche bestellten chemischen Elemente, die sich allesamt verschweißt in einem kleinen Pappkarton stapeln, verdeutlichen Opatz’ großes Interesse an chemischen Experimenten. Auch ein nachtleuchtender radioaktiver Schlüsselanhänger, der das Finden des Schlüssels in der Dunkelheit erleichtern soll, beweist seinen Hang zur Chemie. „Aus diesem Grund habe ich auch die Anfrage des ZDF für eine Expertenmeinung zum Thema der plastikfressenden Mottenraupen angenommen. Ich habe folglich meine eigene Hypothese gebildet und sie veröffentlicht, obwohl ich eher weniger gerne im Licht der Kamera stehe“, gibt er schmunzelnd zu.

          Zerdrückte Raupen, verteilt auf Plastik

          Mit seiner langen Berufserfahrung, unter anderem gesammelt an Universitäten in Hamburg und in den Niederlanden, zweifelt Opatz zunächst an der Richtigkeit der Ergebnisse von Federica Bertocchini. Er hält diese nicht für hinreichend untersucht und durch mehrere eindeutige Versuche bestätigt. „Als Gegenversuch haben wir Hackfleisch und Eigelb auf dem Kunststoff Polyethylen, PE, verteilt und erstaunlicherweise die gleichen Ergebnisse erhalten wie die spanischen Forscher. Diese hatten zerdrückte Raupen auf dem Plastik verteilt“, berichtet er nachdenklich versunken in die eigenen Gedanken und beginnt, seine Papiere zu falten. „Sie hatten ihre Daten als Beweis für den Abbau dieses chemisch überaus stabilen Plastiks interpretiert.“ Opatz schlussfolgerte aus seinen Versuchen, dass vermutlich kein Abbau des Plastiks durch Raupenmus erfolgte. Es wurden ausschließlich die Überreste der Raupen selbst nachgewiesen, da sie, ebenso wie Fleisch und Eigelb, aus Proteinen und Fetten bestehen. Ein chemisches Produkt, das für eine Zersetzung sprechen würde, wurde nicht gefunden. Auch die Menge des Plastiks veränderte sich nicht. Die Raupen hätten also nur das Plastik zerkleinert, nicht abgebaut.

          Was der Normalverbraucher tun kann

          Doch wie kann dem Problem, dass Plastik nur extrem schwer zersetzt werden kann, trotzdem beigekommen werden? Gibt es überhaupt noch weitere Möglichkeiten, das Plastik umweltfreundlich zu zersetzen, oder ist dies das Ende aller Ideen? „Ja, natürlich gibt es noch einige weitere Möglichkeiten zur Zersetzung von Plastik“, antwortet Till Opatz und lächelt wissend. Eine Option wären zum Beispiel plastikfressende Bakterienkulturen. Bedauernd muss er aber hinzufügen, dass diese Bakterien bislang eher kein PE fressen, da dieser Kunststoff nur schwer abbaubar ist. Allerdings beschäftigen sich auch seine Mitarbeiter mit den Möglichkeiten, Kunststoffe möglichst umweltverträglich zu machen. „Bis dahin kann der Normalverbraucher“, wie er schulterzuckend erklärt, „nur versuchen, Plastik zu vermeiden und darauf zu achten, dass es nur in den dafür vorgesehenen Müllbehältern und auf keinen Fall in der Umwelt landet.“ Ein guter Ersatz ist beispielsweise Pappgeschirr, das auch er selbstverständlich dem Plastikgeschirr vorzieht. „Die Verpackungen im Labor versuche ich ebenfalls zu reduzieren, was aber oft nicht so einfach ist“, gesteht er.

          Unsere Insekten sind mindestens so wichtig

          Ob die plastikfressenden Mottenraupen allerdings wirklich die Verwertung von Plastik hätten revolutionieren können, ist fraglich. Laut Opatz entsteht bei der Verarbeitung durch die Raupen genauso viel CO2, wie bei der Verbrennung des Plastiks entsteht. „Bei der Spaltung des PE können laut den spanischen Kollegen auch giftige Stoffe entstehen, wie beispielsweise Ethylenglycol“, fügt er schnell hinzu und malt die Struktur des Moleküls auf. An dieser Stelle ist das Plastik das kleinere Übel. Deshalb schlägt Opatz vor, PE so strukturell umzugestalten, dass es leichter abbaubar ist. Doch selbstverständlich hält sich Till Opatz nicht nur im Labor auf oder forscht an Möglichkeiten, die Welt durch organische Chemie besser zu machen: Er ist zudem Hobbypilot. Seine Leidenschaft für das Segelfliegen wird nicht nur dadurch deutlich, dass er schon in jungen Jahren damit begann. Auf einem Beistelltisch in seinem Büro befinden sich drei kleine Flugzeugmodelle, die fein säuberlich aufgereiht sind. „Man sieht also, dass sich Gedanken um die Umwelt gemacht werden können und gleichzeitig Hobbys nachgegangen werden kann“, erzählt er lachend. „Umweltschutz lässt sich somit gleichzeitig auch zum Beruf machen, indem man neue Wege der Chemie beschreitet.“ Er zeigt Bilder umweltverträglicher Pestizide und erklärt: „Ein gutes Beispiel für den Beitrag der Chemie zum Umweltschutz ist die Entwicklung von neuen und umweltverträglichen Pflanzenschutzmitteln, die idealerweise weder den Pflanzen noch den Tieren schaden sollten.“ Obwohl Opatz eher weniger Erfahrung im Bereich der Insektenkunde hat, interessiert er sich für die Erhaltung des Insektenbestandes. „Unsere Insekten sind mindestens genauso wichtig für den Erhalt der Natur wie das Wirken mehrerer Umweltaktivisten. Ohne ihr Zutun gibt es keine Bestäubung der Pflanzen mehr, was zu einer weltweiten Katastrophe führt. Deshalb geht Insektenschutz und Plastikverminderung uns alle etwas an.“

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