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Abgesagtes Auslandjahr : Nie zuvor so traurig

  • -Aktualisiert am

Monatelang hat sie versucht, ihre Eltern zu überzeugen und die Reise vorbereitet. Dann platzte der Traum vom Schuljahr in Kanada. Schülerin Amelie berichtet.

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          Anfang März habe ich noch die Tage bis zu meinem Auslandsaufenthalt gezählt, ohne überhaupt auf die Idee zu kommen, das Virus könnte meinen Aufenthalt beeinflussen. Seit zwei Jahren habe ich mir ausgemalt, wie es sein würde, auf eine kanadische High School zu gehen, Ausflüge zu einigen der schönsten Orte der Welt zu machen, wie in Hollywoodfilmen zur Schule zu gehen, eine neue Kultur und Lebensweise kennenzulernen. Ich stellte mir vor, mit meinen neuen Freunden zu den Eishockeyspielen der Schule zu gehen, mit den Kindern meiner Gastfamilie zu spielen – unvergessliche Erfahrungen zu machen.

          Ausflüge mit der Gastfamilie

          Monatelang habe ich recherchiert und versucht meine Eltern zu überzeugen. Schließlich stimmten sie zu. Alles drehte sich für mich nur um meinen Auslandsaufenthalt. Unzählige Abende haben wir damit verbracht, meine Fächer auszusuchen, Formulare auszufüllen, Flüge zu buchen, zu überlegen, was ich noch brauchen würde – Schuhe, Klamotten, Gastgeschenke. Schon vor langem hatte ich meine Gastfamilie kennengelernt, schrieb mit ihr, wir planten Ausflüge. Dann rief meine Organisation an. Sie meinten, meine Schule nehme ab sofort keine Austauschschüler mehr auf. Wenige Tage später schloss Kanada seine Grenzen. Ich war noch nie zuvor so traurig und leer gewesen.

          Gibt es noch ein gefährlicheres Virus?

          Jetzt ist alles anders. Die Welt besteht nur noch aus dem Haus, dem Supermarkt und beunruhigenden Nachrichten. Man erledigt Schulaufgaben, telefoniert oder macht Sport, um nicht immer nur daheim zu sitzen. Allein natürlich. Manchmal kommt ein Moment der Stille. Ich mache mir Sorgen um meine Großeltern und habe Angst. Bei Menschen über 65 soll jeder vierte Fall tödlich enden. Noch nicht einmal meine Eltern oder Großeltern haben so eine Pandemie schon mal erlebt. Man hört vereinzelt von Epidemien in anderen Ländern, auf anderen Kontinenten, nie bei uns. Wann wird es wieder vorbei sein? Wenn ein Virus sich jetzt so schnell verbreiten kann, was hält ein anderes, vielleicht noch gefährlicheres Virus künftig davon ab?

          Es klingt wie ein Fantasy-Roman

          Ich bin traurig, um die einmalige Chance, meinen Traum, der mir genommen wurde. Ich möchte auf jemanden wütend sein, aber auf wen? Wer kann denn etwas dafür? Wie kann ich mich über so etwas beschweren, während andere um ihre Arbeit, ihre Wohnung oder ihr Leben fürchten müssen? Menschen verlieren ihre Arbeitsstelle. Und ich beschwere mich, dass mein Auslandsaufenthalt abgesagt wurde. Manchmal wache ich auf und hoffe für wenige Sekunden, dass alles nur ein Traum war. Eine Pandemie, ein Virus, der die ganze Welt lahmlegt – lächerlich. Es klingt wie aus einem Fantasy-Roman. Aber es ist echt.

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