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Irische Schwimmer : In der kalten Irischen See die Seele sauberwaschen

  • -Aktualisiert am

Vicos Swimmers Club trotzt das ganze Jahr den kühlen Temperaturen an Irlands Südwestküste. Jeden Sonntag stürzen sich die Mitglieder in die Fluten.

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          Im Süden von Dublin gibt es eine Küste, die nach der Region in Italien „Sorrento“ getauft wurde. Zu Recht, denn hier findet man oft Sonne, südliches Flair und den Sugarloaf Berg von Wicklow im Hintergrund. Der Berg erinnert an den Vesuv bei Neapel in Süditalien. In der Nähe von Dalkey, einem vornehmen Vorort von Dublin, haben die Rockstars Bono, The Edge und Enja ihre Häuser. Die Villen liegen an der Vico Road, die sich um die Klippen der Sorrentoküste windet. Bei Hawk’s Cliff treffen sich Leute, um im Irischen Meer zu baden. Es gibt ein paar dieser Badeplätze in der Nähe Dublins, die berühmt sind. Die bekanntesten sind Seapoint und Forty Foot. Hawk’s Cliff jedoch kennt fast niemand. Frazer McKimm ist einer der wenigen, die darum wissen. Mit seinem „Vico Swimmers Club“ geht der Design-Ingenieur das ganze Jahr über jeden Sonntag schwimmen.

          15 Grad in einem guten Sommer

          Irland liegt so nördlich wie Labrador in Kanada, ist aber wesentlich wärmer wegen des Golfstroms, der an der Südwestküste vorbeikommt. Das Meer ist trotzdem kalt. Fünf Grad im Winter und 15 in einem guten Sommer. „Im Sommer, wenn es warm ist, können wir 40 Minuten im Wasser bleiben, aber wenn es kälter wird, können wir nur kurz im Wasser bleiben“, sagt Frazer, der in ein Handtuch gewickelt auf den warmen Granitsteinen sitzt. Frazer ist um die 50. Seine grauen Haare hat er kurz rasiert. Vor der Sonne schützt er sich mit einer lila Sonnenbrille.

          Der Badeort Forty Foot war früher Männern vorbehalten. Hawk’s Cliff war für die Frauen, weil es abgelegen war. Heute gehen mehr Männer als Frauen zu Hawk’s Cliff. Wegen seiner Abgeschiedenheit, ist es ein Ort, wo man nackt schwimmen darf. Und das tun hier einige. Im Sommer und im Winter. So zum Beispiel David, der Rechtsanwalt, der nichts außer schwarzen Neoprenhandschuhen und -socken trägt. „Ich bin kein Nacktschwimmer, aber es gibt einige, die hier unbekleidet schwimmen. Hauptsächlich Männer“, sagt Frazer. Außer den sechs Mitgliedern des Vico Swimmers Club gibt es noch vier andere, die hier jeden Sonntag baden.

          Rapunzel schwimmt immer nackt

          So zum Beispiel Rapunzel, wie sie von den Swimmers genannt wird. Rapunzel hat ihr polanges Haar stets zu einem Dutt geflochten. Sie schwimmt immer nackt. Im Sommer begleitet sie ihr Hund. Die Männer schwimmen jeden Sonntag. Warum tut man sich so etwas an? „Ich glaube, dass das Warum nicht beantwortet werden muss“, sinniert Éanna. Michael, der Ingenieur, fügt hinzu: „Ich mache es, um meine Seele sauberzuwaschen, es befreit mich von meinen Sünden.“ Seine Stimme überschlägt sich dabei vor Enthusiasmus. Nastascha, die einzige Frau im Club, ist derselben Meinung: „Es ist wie eine Kommunion mit den Elementen.“

          Aber ist es denn nicht gefährlich, sich in fünf Grad kaltem Wasser länger aufzuhalten? „Halb so schlimm“, meint Frazer. „Klar gibt es Gefahren. Man muss achtgeben, sich nicht zu unterkühlen. Im Juni kommen manchmal Quallen an die Küste. Seehunde sind auch ein Problem, besonders wenn sie Junge haben. Wenn man zwischen eine Robbe und seine Mutter kommt, greift die Mutter an.“

          Nur einmal hat er sich unterkühlt

          Frazer zeigt seine schwarze Armbanduhr mit dem auffälligen Zifferblatt. „Wenn ich zehn Minuten lang im Wasser bleiben möchte, drehe ich hier. Die Uhr zeigt mir an, wann es Zeit ist, rauszukommen. Dann muss ich schnell raus. Ich habe mich nur einmal unterkühlt.“ Der Plastikring klickt, als Frazer ihn demonstrativ dreht. „Man muss eine Taucherbrille tragen, um die Quallen zu sehen. Wenn man Seehunde sieht, ist es immer besser, nicht ins Wasser zu gehen. Es sei denn, man hat eine Tetanusspritze dabei“, lacht Frazer.

          Wie viele Iren war Frazer jung, als er schwimmen lernte. Natürlich lernte er das Schwimmen im Meer. Die Idee, in ein Schwimmbad zu gehen, kommt ihm widersinnig vor. Viele hören mit dem Schwimmen im Meer auf, wenn sie älter werden. Nicht so Frazer und seine Freunde. „Das ist der Mann, der mich immer zurückbringt“, sagt Kieran, ebenfalls Ingenieur, und deutet auf Frazer. „Normalerweise sind wir hier fast allein. Da müssen wir gegenseitig auf uns aufpassen. Heute sind viele Leute hier, aber das ist eine Ausnahme. Es ist wegen der Sonne.“ Die vielen Leute, das sind ungefähr 15. Mehr als die Hälfte davon sind Männer um die 60. Was sie alle gemein haben, ist die gleiche rosafarbene Gesichtsfarbe; ein Resultat der Sonne und des kalten Wassers.

          Auch der der Botschaftsrat schwamm mit

          Wie begann der Club? Die Antwort sprudelt aus Frazer heraus: „Ich wohne in Blackrock und gehe Radfahren. Ich fuhr immer mit meinem Rad zu Forty Foot, aber es war mir nicht weit genug weg. So kam ich hier zu Hawk’s Cliff an Vico’s Road. Ich merkte, dass es hier viel wärmer ist als in Forty Foot. Ich sagte Lads! Lasst uns hier schwimmen, es ist schöner. Das war 2010. Seither sind wir hiergeblieben.“ Der Enthusiasmus ist ansteckend.

          Das erlebte auch Peter, der damals Botschaftsrat für Politik und Wirtschaft und Stellvertreter des Botschafters in Dublin war. Nie hätte er sich träumen lassen, jeden Sonntag im eiskalten Wasser zu schwimmen. Peter ist mittlerweile Referatsleiter in der außenpolitischen Abteilung des Bundespräsidialamts in Berlin. Zum Abschied hat er vom Club silberne Manschettenknöpfe mit VSC-Gravur bekommen. Und eine Bildcollage von den Schwimmsonntagen mit der Überschrift: „And Angela thought, Peter was working!“

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