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Urban Explorer : In die Geschichte einsteigen

  • -Aktualisiert am

Selten stehen verfallene Gebäude der Besichtigung so offen gegenüber Bild:

Sie erkunden Ruinen, alte Industriegebiete und abrissreife Häuser: Die Lust am Entdecken, ihr Forscherdrang und Freiheitstrieb treiben Urban Explorer an. Aber ihre Touren sind nicht ungefährlich und häufig illegal.

          In Regenbogenfarben glitzert die Wasseroberfläche. Ein schimmernder Film reflektiert das fahle Licht der Taschenlampe. Rot, Grün, Blau, als hätte ein Öltanker sein teures Gut ins Meer abgelassen. Mehr Brühe als Wasser füllt das, was von dem Schwimmbecken noch übrig geblieben ist. Hellblaue Kacheln, eine rostige Leiter zum Einstieg. Süßlich-herb riecht es, nach abgestandenem Wasser statt scharfem Chlor. In dieser Brühe, in der vor über zehn Jahren noch Kinder schwimmen lernten und Damen mit Badekappen ihre Bahnen zogen, treiben heute tellergroße Schimmelpilze an der Wasseroberfläche. Die Überreste von Füchsen, die im Dunkeln ins drei Meter tiefe Becken tappten und ertranken – der süßliche Geruch stammt von ihnen.

          „Wir konnten über mehrere Monate ihren Verwesungsprozess mit der Kamera dokumentieren“, sagt er – sein Name soll geheim bleiben – und deutet auf die weißlichen Schimmelflocken. Seit über drei Jahren ist der Vierunddreißigjährige jedes Wochenende in verfallenen Gebäuden, Industrieruinen oder auf Baustellen unterwegs – mit Kamera, um den Verfall festzuhalten. Er ist ein Urban Explorer, erkundet die Stadt abseits des öffentlichen Raums und oft an der Grenze zur Legalität. „Am Anfang wollte ich Berlin kennenlernen und auch Orte, die man vielleicht als normaler Mensch nie aufsucht.“

          Er wurde er schon von Wachmännern angezeigt

          Auch heute ist er wieder unterwegs in der Stadt, die ein Paradies ist für Explorer. Besonders der Ost-Teil Berlins lockt mit unzähligen DDR-Bauten, die kurz vor dem Abriss stehen und somit die idealen Objekte für morgendliche Erkundungstouren sind. Heute hat er sich eine alte Brauerei in Friedrichshain vorgenommen. Anfang des 20. Jahrhunderts wurde hier noch Bier gebraut, nach dem Zweiten Weltkrieg nutzte die DDR das Gebäude als Sportzentrum. „Es ist spannend, wie Geschichte in den alten Mauern erfahrbar wird“, doziert er. Aufgang Halle 2, Halle 3: „Gymnastikraum, Billard“ steht in schwarzen Blockbuchstaben an einer Eisentür. Ein Aufkleber daneben verrät, welcher Verein in der Sportstätte seinen Sitz hatte: Der SG Empor Brandenburg 1952 – „Fit für die Freizeit“. Der Sticker stammt von 1994. „Die Anlage wurde auch noch nach der Wende genutzt.“

          Urban Explorer erkunden die Stadt abseits des öffentlichen Raums

          Ähnlich akribisch wie beim Durchforsten der Ruine mit Taschenlampe, Kamera und Gartenhandschuhen ist er auch bei der Vorbereitung seiner Touren. Wo es neue Objekte zu erkunden gibt, erfährt er aus der Lokalpresse oder auch in einem der Urban-Explorer-Foren. Die wachsende Szene organisiert sich hauptsächlich im Internet, tauscht sich über Gebäude aus, verabredet sich zu Touren, diskutiert über Neuentdeckungen und gibt Tipps, wie man am besten in die Gebäude eindringen kann. „Man muss schon vorher eine gute Orientierung haben“, sagt er. Besonders brenzlig sei der Einstieg, da viele Gebäude abgeschlossen und mit Brettern verrammelt sind. In die alte Brauerei kommen wir über ehemalige Entlüftungsrohre. Heikel ist der Einstieg auch, weil man hier am leichtesten erwischt wird. Juristisch gesehen, begeht er nämlich Hausfriedensbruch. Ein paarmal wurde er schon von Wachmännern überrascht und angezeigt. Zur Anklage ist es aber bisher nie gekommen: „Der Staat, dem die meisten Häuser gehören, hat oft kein Interesse daran.“

          Nur einmal hat er sich verletzt

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