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Unterrichten in Namibia : Englisch unterm Mangobaum

  • -Aktualisiert am

Bild: Jörg Mühle

Ein Schweizer Pädagogenpaar hat in Namibia unterrichtet und eine andere Welt kennengelernt. Die Rückkehr nach drei Jahren im Busch war alles andere als einfach.

          3 Min.

          Als wir in Namibia ankamen, traf mich fast der Schlag“, erzählt Silvia Noser mit einem Lächeln. „Der Zustand der unzureichend unterhaltenen Infrastruktur übertraf unsere schlimmsten Befürchtungen.“ Ihr Mann Friedwart Storto und sie hängten vor zwölf Jahren ihre Berufe als Lehrer in der Schweiz an den Nagel, um nach Afrika zu reisen. Ganz im Norden des afrikanischen Wüstenlandes Namibia war das Paar drei Jahre lang als Weiterbildner und Berater an Schulen tätig. Mit fast fünfzig Jahren suchten beide nach einer neuen Herausforderung. Zunächst planten sie nur ein einjähriges Sabbatical, in dem sie etwas Nützliches tun wollten. Sie stießen auf eine Organisation für Entwicklungszusammenarbeit, die Fachleute im Bildungsbereich suchte. Allerdings für drei Jahre. „Ich war neugierig, mit Menschen einer vollkommen anderen Kultur in Kontakt zu kommen“, sagt die 57-Jährige. Sie bewarben sich. Das Paar würde nach Namibia reisen und das Dorf Bäretswil im Zürcher Oberland verlassen. Ein Vorbereitungsmarathon folgte. Das Haus musste vermietet werden, für die Möbel musste eine Lagermöglichkeit her, die Steuern mussten geregelt werden. Das Abschiednehmen rückte näher – von der Familie, aber auch von der finanziellen Sicherheit. „Wir wussten, dass wir von zehn Prozent unseres bisherigen Einkommens leben würden“, erklärt Friedwart Storto. Stahlkisten, Rucksäcke und die Fahrräder standen bereit zur Abreise. „Dass wir an einem Ort, an dem wir noch nie waren, drei Jahre lang bleiben würden, machte uns neben Vorfreude auf Unbekanntes anfänglich auch Angst“, sagt der 61-Jährige.

          Erst nach dem Zahltag schicken sie die Kinder

          Die beiden reisten zuerst für zwei Monate nach Südafrika, um ihr Englisch aufzupolieren. Darauf flogen sie von Kapstadt nach Windhoek. Stationiert waren sie 30 Kilometer entfernt von Rundu, der nächstgelegenen Stadt. „Unsere Lebensverhältnisse dort waren für Namibia luxuriös, aber verglichen mit der Schweiz äußerst einfach“, erzählt Silvia Noser. Sie bezogen ein gemauertes Lehrerhäuschen mit Strom und fließend Wasser, mussten aber Renovierungen vornehmen. „Die Toilette zum Beispiel funktionierte anfangs nicht, es war grässlich. Ich ging so wenig wie möglich aufs Klo“, erzählt sie.

          Im ländlichen Norden Namibias leben die Menschen in Lehmhütten mit Strohdächern. Sie kochen auf dem Feuer und haben meist keinen Strom. Die Internatsschüler müssen oft lange Wege zurücklegen, um nach den Ferien in die Schule zu gelangen. „Mitfahrgelegenheiten kosten viel, weswegen viele Familien zuerst den Zahltag abwarten müssen, bis sie ihre Kinder wieder in die Schule schicken können“, berichtet Silvia Noser. „Unser Aufgabenfeld durften oder mussten wir selbst gestalten, weshalb wir viel Zeit aufgewendet haben, um herauszufinden, wie die Bedürfnisse der Lehrkräfte aussahen.“ Sie waren an einer Oberstufenschule stationiert, kümmerten sich aber auch um Buschschulen, die Primarschulen des Bezirks. Viele namibische Lehrkräfte kämpften mit Wissenslücken im methodisch-didaktischen Bereich. Wo es an Lehrern fehlt, übernehmen auch Schulabgänger ohne Ausbildung eine Klasse.

          Hierarchien und Angst vor Kritik

          Mit dem Schulinspektor, den Schulleitern und Lehrkräften definierte das Paar den Bedarf und arbeitete Weiterbildungsveranstaltungen aus. „Anfangs besuchten wir alle 25 Lehrer der Oberstufenschule einzeln im Unterricht und hielten darauf Workshops mit ihnen ab. Wo es nötig war, unterstützten wir mit gemeinsamer Unterrichtsvorbereitung, Teamteaching oder versuchten, über Demonstrationslektionen Impulse zu setzen“, berichtet Friedwart Storto. „Hierarchien sind in Namibia von sehr großer Wichtigkeit“, sagt seine Frau. Dabei komme es auf das Alter und die berufliche Stellung an. „Zuweilen hatten die Lehrpersonen Angst vor Kritik. Es war sehr schön, mit anzusehen, wie sie uns mit der Zeit mehr vertrauten.“

          Eine besondere Beziehung pflegten sie zum Schulinspektor. „Er ist ein weiser Mann und hat mich sehr inspiriert. Ich habe viel mitgenommen“, sagt Storto bewegt. Eine weitere Begegnung, die das Paar bis heute begleitet, war jene mit Augustino. „Der 14-Jährige kam jeden Sonntag zu uns, half uns im Garten und büffelte Englisch bei uns unter dem Mangobaum. Er war ein sehr fleißiger und intelligenter Junge“, sagt Storto. „Sein Vater litt an Aids und starb.“ Das Paar unterstützte den Jungen finanziell, auch als sie in die Schweiz zurückkehrten. „Augustino wurde unser Ziehsohn.“ Heute unterrichtet Augustino als Sekundarlehrer in einer Schule in der Hauptstadt Windhoek. Das Ehepaar besuchte ihn letztes Jahr.

          Vor neun Jahren beendete das Ehepaar seinen Arbeitseinsatz in Namibia. Die Rückkehr nach drei Jahren Leben im Busch war alles andere als einfach. „Bis wir wieder ganz in der Schweiz ankamen, dauerte es mindestens ein Jahr“, meint er. „Es sind zwei extreme Gegenwelten. Wir waren am Anfang beide mit dem Herzen noch in Afrika und wussten nicht wie uns geschah“, sagt seine Frau. „Das Konsumverhalten und die Hektik der Schweizer sind uns erst da bewusst geworden“, sagt ihr Mann. Im Nachhinein betrachten beide Namibia als Feuertaufe ihrer Partnerschaft. Sie haben geheiratet und arbeiten wieder als Primarlehrerin und Schulleiter im Zürcher Oberland.

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