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Übersetzer : Ein Übersetzer ist ein zweiter Dichter

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Helfer in analoger Zeit

In den achtziger Jahren arbeitet Muhamedagić bereits als Übersetzer. Von dieser Zeit erzählt Sonja Vrca Miholić: „Ich war damals so etwas wie Seads Auge.“ Die heute 52-Jährige hat den Übersetzer durch eine Studienkollegin kennengelernt, die sie fragte, ob sie Interesse daran hätte, einem blinden Mann Texte vorzulesen. Denn in der analogen Zeit war er auf zuverlässige Helfer mit guten Deutschkenntnissen angewiesen. „Ich bekam sofort einen Kassettenrecorder von Sead“, erinnert sich die Lehrerin für Deutsch und Italienisch, „dazu jede Menge Kassetten und Papiere mit Texten, die innerhalb von zwei bis drei Wochen vorgelesen werden mussten.“ Es waren Fach-texte, zum Beispiel aus den Bereichen Landwirtschaft, Maschinenbau, Elektrotechnik und Verwaltung, die Sead für einen großen Betrieb aus seiner Heimatstadt Velika Kladuša übersetzte.

Arbeitgeber und lieber Familienfreund

Sead hoffte damals schon, nicht mehr diese langweiligen, technischen Texte zu übersetzen, um sich auf Literatur konzentrieren zu können. Das wurde Anfang der neunziger Jahre möglich, denn der Betrieb aus seiner Heimatstadt musste die Arbeit einstellen. „Sead hatte seinen ersten Computer, der ihm die Übersetzungsarbeit wesentlich erleichterte, so dass er nur in Ausnahmefällen meine Hilfe brauchte. So wurde dann aus dem Arbeitgeber Sead unser lieber Familienfreund.“

Damit war nun aber auch die Zeit der wirtschaftlichen Sicherheit für den erfolgreichen freiberuflichen Übersetzer vorbei. Andere Übersetzer haben noch einen Beruf, der ihnen ein regelmäßiges Einkommen sichert. „Das literarische Übersetzen ist ein Beruf, von dem man in Kroatien nicht leben kann“, sagt Übersetzerin Snježana Božin, die als Bibliothekarin arbeitet. „Zwar gibt es für freiberufliche Kollegen Stipendien, Förderprogramme, aber das ermöglicht nur einigen wenigen, dass sie gerade eben so über die Runden kommen.“

Die Schüler staunen nicht schlecht

Für Muhamedagić kommen noch hohe Kosten durch sein Handicap hinzu. Bei seinem Besuch im 18. Zagreber Gymnasium hat er seine mobile Braillezeile mitgebracht. Das unscheinbare, flache Kästchen ist kleiner als eine Zigarrenschachtel und kann mit einem PC, Tablet oder Smartphone verbunden werden.

Die Schüler staunen nicht schlecht, als Muhamedagić von seinem aktuellen Projekt berichtet. „Arbeit am Mythos“ heißt der Text des Philosophen Hans Blumenberg, für dessen kroatische Fassung der Übersetzer 10 000 Euro erhalten wird. Für kroatische Durchschnittsverdiener ist das eine kaum vorstellbare Summe. Für die 700 Seiten wird der Übersetzer mindestens ein Jahr benötigen. „Hilfsorganisationen haben mir 11 000 Euro Kredit unter anderem für die Braillezeile zur Verfügung gestellt, den ich bis zu diesem Jahr zurückzahlen muss.“ Von dem Honorar bleibt also nicht viel übrig.

Er kann Tag und Nacht unterscheiden

Da der 61-Jährige zunehmend auf teure Hörgeräte angewiesen ist, wird sein „Lichtgefühl“ wichtiger für ihn. „Ich kann Tag und Nacht unterscheiden und weiß immer, wo das Fenster ist; das hilft mir bei der Orientierung enorm.“ Begeistert erzählt er, wie er in einer Nacht einmal Glühwürmchen wahrnehmen konnte, ein Erlebnis, das ihn sein ganzes Leben begleitet. Obwohl der Lebensalltag für ihn immer prekärer wird, möchte er nicht aufgeben. „Optimismus und Enthusiasmus sind meine blinden Gesellen, mit denen ich mich ganz gut verstehe.“

Zu seinem Lebensplan gehört die Arbeit „an so vielen wichtigen deutschsprachigen Werken, die noch nicht übersetzt worden sind“. So möchte er ein Hofmannsthal-Lesebuch herausgeben. „Das Einzige, was wir einander schenken können, sind doch unsere Worte. Es stimmt nicht, dass Worte leer sind. Es kommt immer wieder darauf an, wie man sich der Worte bedient.“

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