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Bild: Claudia Weikert

Übersetzer : Manches klärt Freund George

  • -Aktualisiert am

Wenn etwas komisch klingt, liegt es am Übersetzer, sagt einer, der sich auskennt. Günter Ohnemus schreibt, übersetzt und versucht, den richtigen Ton zu treffen

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          Günter Ohnemus wollte Arzt werden, bis er merkte, dass er kein Blut sehen konnte. Hätte man ihn mit 19 nach seinem Berufswunsch gefragt, wäre die Antwort „Lektor bei Suhrkamp“ gewesen. Er wurde Übersetzer und Schriftsteller. Ohnemus lebte einige Zeit in Schottland, wo er viel von Richard Brautigan las, der in Deutschland noch fast unbekannt war. Eines der Bücher von Brautigan habe er einem Freund geschenkt, der hellauf begeistert zu ihm gekommen sei: „Das ist toll! Warum übersetzt du das nicht? Du hast genau die richtige Stimme dafür.“ Eine gute Übersetzung muss nicht jedes Wort in seiner exakten Bedeutung wiedergeben, sondern vor allem auch den Ton, den ganz eigenen Stil des Originaltextes treffen. So kam es, dass er einige Jahre später, als er zurück in Deutschland war, begann, Brautigans Werke zu übersetzen. Ganz besonders am Herzen lag Ohnemus das Werk „The Abortion“. Doch er fand keinen Verlag, der bereit war, das Buch zu verlegen. „Dann haben wir einen Verlag gegründet, nur um diese Bücher zu machen“, sagt er lachend. Seine Frau Ilse fungierte als seine Lektorin. Er hat sich dann die Rechte von Richard Brautigan, den er „Richie“ nennt, geholt. Das hat zwar gedauert, aber letztendlich ist er erfolgreich gewesen. Den „Verlag Günter Ohnemus“ gab es sieben Jahre lang, bis Eichborn ihn mitsamt allen Rechten aufkaufte. „Das war schon schmerzlich, gleichzeitig war es auch eine Befreiung. Die Rechnung, die wir gemacht hatten, war, dass die Bücher, die wir machen, die nächsten Bücher finanzieren.“ Doch diese Rechnung sei nicht aufgegangen. Ohnemus musste Geld, was er etwa beim Rundfunk verdiente, wo er parallel als freier Mitarbeiter für die Literatur- und Musiksendung „Pop Sunday“ arbeitete, in den Verlag stecken. Das wollten er und seine Frau dann irgendwann nicht mehr.

          Was joystick heißt, wusste sie nicht

          Der 72-Jährige übersetzt nicht nur Bücher aus dem Englischen, für die es noch gar keine deutsche Übersetzung gibt, auch Neuübersetzungen macht er häufiger. „Wenn du ein Buch übersetzt, das schon übersetzt worden ist, dann schaust du vielleicht ein- oder zweimal in die Übersetzung rein, weil es gibt ja Stellen, die etwas unklar sind, und dann merkst du: ah, der oder die, die waren da auch ratlos“, erklärt er mit einem Schmunzeln. Tja, aber was tun, wenn man wirklich mal ratlos vor einer Textstelle sitzt und nicht weiterweiß? In solchen Fällen schreibt er den Originaltext fett hervorgehoben in seine Übersetzung. Sobald einige solcher Stellen zusammengekommen sind, schickt er sie – heute per E-Mail, früher noch per Post – an seinen amerikanischen Freund George, der ihm dann erklärt, wie sie zu verstehen sind. Fehler passieren natürlich trotzdem, das lässt sich nie ganz vermeiden. So sei ihm ein kleiner Fehler bei einer Hemingway-Übersetzung aus den 50er Jahren aufgefallen. Im Originaltext war von „joystick“ die Rede, was auf Deutsch so viel wie „Steuerknüppel“, in diesem Zusammenhang beim Flugzeug, heißt. Die Übersetzerin kannte den Begriff nicht und übersetzte ihn wörtlich mit „Liebesstängel“. Am schwierigsten ist es, wenn in einem Roman oder einer Kurzgeschichte Begriffe verwendet werden, die in Deutschland nicht geläufig sind. Heute sei dieses Problem beim Übersetzen aus dem Amerikanischen nicht mehr so ausgeprägt, da wir Amerika sehr nahestünden, meint Ohnemus, aber früher hätte man zum Beispiel nicht gewusst, was ein „Pick-up“ sei, da es diese Art von Auto hier einfach nicht gegeben habe. Das macht es zu einer Herausforderung für den Übersetzer, dem Leser zu vermitteln, was gemeint ist. Wirklich verzwickt wird es, wenn Wortspiele aus dem Original nicht ins Deutsche übertragbar sind. „Wenn an einer Übersetzung etwas komisch klingt, dann liegt es meist am Übersetzer und nicht am Autor.“

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