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Überforderte Schüler : Erfolg haben heißt nicht, glücklich zu sein

  • -Aktualisiert am

Bild: Monika Aichele

Wenn der Druck der Eltern den Alltag der überforderten Schüler überschattet, kann eine Beratungsstelle allen helfen. Die Bedürfnisse der Kinder zählen.

          3 Min.

          Luisa, die in Wirklichkeit anders heißt, ist 17 Jahre alt und besucht die 11. Klasse eines Aschaffenburger Gymnasiums. Aktuell nur virtuell. „Eigentlich bin ich eine ganz normale Jugendliche“, sagt sie. „Ich mache in meiner Freizeit ziemlich oft Sport, gehe joggen und mache viel für meine Kondition. Und natürlich treffe ich mich so oft, wie es geht, mit meinen Freunden aus meiner Klasse.“ Ein bisschen nervös schildert sie ihren stressigen und getakteten Alltag. „Phasenweise gehe ich gerne zur Schule, ja, denn es ist mir wichtig, meine Freunde zu sehen. Jedoch ist es auch sehr vom Lehrer und Fach abhängig. Aber im Großen und Ganzen ja, gehe ich gerne hin.“ Sie beschreibt sich selbst als erfolgsorientierten Menschen, der schon seit der Grundschule gute Noten und Perfektion anstrebt. Ausgehend davon ist anzunehmen, dass unterbewusst Druck von den Eltern schon von früh auf zu erkennen ist, denn Luisa sagt: „Es war ihnen klar, dass ich auf das Gymnasium gehen werde.“ Vielleicht spürt man den Druck der Eltern bei Luisa nicht sofort, er ist jedoch vorhanden. Er begleitet sie Tag für Tag in der Schule und in ihrem Alltag. „Luisa, bist du glücklich?“ Auf diese Frage will sie nicht antworten. Tränen fließen über ihre Wangen, ihre Augen werden rot und geschwollen. Hilflos stützt sie ihren Kopf in ihrem Schoß ab, schutzsuchend, defensiv. „Luisa, eine letzte Frage: Gehst du gerne zur Schule?“ Erschöpft gleicht ihre letzte Antwort eher einem Seufzer: „Nein, gehe ich nicht.“

          „Wegen Leistungsproblemen in der Schule kommen etwa 100 Schüler im Jahr zur Caritas-Beratungsstelle, viele davon, weil eine schulische Überforderung besteht“, sagt Alexander Brückner. Das seien 15 bis 20 Prozent aller Fälle. Überwiegend sind es jedoch Jungen, die aus diesem Grund im Martinus-Haus in der Aschaffenburger Innenstadt Hilfe suchen. Seit 27 Jahren arbeitet Brückner bereits bei dieser Beratungsstelle für Schüler und Eltern. Er hat in Darmstadt Soziale Arbeit studiert und stammt auch aus der Umgebung Aschaffenburgs. Nun hat er hier den Schwerpunkt, sich um männliche Jugendliche zwischen 12 und 27 zu kümmern. Brückner verdeutlicht, dass man durch konstruktive Kommunikation innerhalb der Familie und durch das Erkennen von Befindlichkeiten und Bedürfnissen generell schon viel erreichen kann. Außerdem gibt es Gespräche, die Probleme erkennen lassen und Lösungsansätze bringen.

          Der Junge war ein Nervenbündel

          „Es kam beispielsweise mal ein Junge hierher, der ein komplettes Nervenbündel war. Er war unkonzentriert und extrem nervös, hatte Probleme in der Schule und mit seinen Eltern. Da fragt man sich schon erst einmal: Warum ist das so, und was kann man für ihn machen?“ Für manche Schüler wäre es einfach besser, die Schule zu wechseln, da sich die schulischen Anforderungen als Belastungsfaktor herauskristallisieren. Jenem Schüler sei es dann in einer anderen Schulform deutlich besser ergangen, auch die Eltern hätten erkannt, dass das Kind dadurch glücklicher geworden ist. Länger anhaltender psychischer Druck kann dazu führen, dass Menschen destruktive Lösungsmuster entwickeln, psychische Auffälligkeiten und/oder Probleme mit Konsum, auch Drogenkonsum, können die schwerwiegenden Folgen sein. Es besteht auch die Möglichkeit eines Intelligenztests, der bei der Einschätzung helfen kann, ob das Kind für das Gymnasium oder besser für eine andere Schulform geeignet wäre. Weitere Hilfsmöglichkeiten sind Vertrauenslehrer in der Schule, Schulpsychologen, Freunde, andere Familienmitglieder, Erziehungsberater, das Jugendamt oder sogar der Kinderarzt. Wichtig seien das Schaffen einer Vertrauensbasis und dahinterstehendes Engagement, dem Kind wirklich helfen zu wollen. Den Eltern rät Brückner, die Kommunikation innerhalb der Familie deutlich zu verbessern und die wirklichen Bedürfnisse des Kindes zu erkennen, um dann als Team eine konstruktive Lösung zu finden. „Man sollte vermeiden, seinem Kind das aufzuzwingen, was einem früher selber verwehrt wurde. Es gab beispielsweise bei meinem Sohn in der Grundschule einen Schüler, der an seinem Einschu-lungstag im September 2006 ein T-Shirt trug mit der Aufschrift ,Abitur 2018’. Das lässt einen als Vater dann schon etwas aufschrecken. Klar, es war nur als Spaß gemeint, aber genau bei solchen Dingen fängt es dann an.“

          Daheim begannen die Konflikte

          Einmal kam eine Familie mit einer Tochter und einem Sohn zu ihm in die Beratungsstelle. Die Tochter war gerade in dem Alter für den Übertritt von der vierten in die fünfte Klasse und hatte deutliche Probleme in der Schule. Die Eltern hatten keinen Rat, denn ihr Sohn ist Gymnasiast und kommt gut in der Schule zurecht. Auch waren beide Eltern akademisch ausgebildet. Als das Mädchen dann den Übertritt an das Gymnasium nicht erreicht hatte, begannen daheim der Druck und die Konflikte. Nachdem die Eltern es jedoch akzeptiert hatten, dass ihre Tochter besser auf der Realschule aufgehoben ist, wurde das Mädchen glücklicher. Als Alexander Brückner die Familie Jahre später einmal auf der Straße beim Einkaufen getroffen hat, kamen sie ins Gespräch. Brückner erfuhr, dass das Mädchen nach dem Besuch der Realschule auf das Gymnasium gewechselt war, das Abitur bestanden hat und heute Lehrerin ist. Diese Wendung hatte selbst der erfahrene Mitarbeiter nicht erwartet.

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