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Traumberufe : Haben Stuntmen auch mal Angst?

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Eine geregelte Ausbildung gibt es nicht. Doch frieren muss kein Stuntman. Bild: REUTERS

Sie springen von Häusern, prügeln herum und werfen sich aus fahrenden Zügen: So gefährlich, wie es aussieht, ist es nicht, aber blaue Flecken müssen Stuntmen einstecken.

          Mit quietschenden Reifen fahren Autos vor, Schüsse fallen, ein Haus explodiert und eine brennende Gestalt stürmt heraus. „Ich liebe diese Feuerstunts“, sagt Angela Mögele, die eben noch als lebende Fackel in der Stuntshow auf dem Bavaria-Filmgelände herumgelaufen ist. Bei diesen Auftritten ist sie dick eingepackt in einen feuerfesten Anzug. Doch auch darin wird es ganz plötzlich glutheiß. „Diesen Punkt muss man kennen und kurz vorher rausgehen und sich löschen lassen.“ Angela ist eine der ganz wenigen Stuntfrauen in Deutschland. Früher war sie Polizistin. Als Statistin bei Dreharbeiten lernte sie das Stuntteam Mac Steinmeier kennen - und war sofort begeistert.

          Eine geregelte Ausbildung gibt es nicht. Jeder kann sich einem Stuntteam anschließen und trainieren. Zwei, drei Jahre dauert es, bis Stuntfrauen und -männer so weit sind, um in Flammen aufzugehen, von Brücken zu stürzen oder nach einer Explosion in die Luft zu fliegen. „Jeder Höhensprung ist eine Herausforderung, die Fallkurve ist immer anders“, erklärt Angela. Ein Sprungtuch, wie es die Feuerwehr benutzt, wäre für diese Stunts viel zu hart und fest. „Wir würden uns verletzen.“

          Von 20 Stuntmen sind drei Frauen

          Stuntmen springen in spezielle Luftkissen. Und von allem, was höher als 20 Meter ist, in Kartons. Die geben gut nach. „Wir müssen natürlich immer trainieren und körperlich fit sein“, betont die Stuntfrau. Dazu trägt auch die tägliche Stuntshow bei, die das Team Mac Steinmeier in den Sommermonaten tagtäglich den Besuchern der Bavaria-Filmstudios präsentiert.

          Dieser knallharte Mann wird eine weiche Landung finden. Schließlich ist er Stuntman.

          In der Truppe von 20 Leuten ist Angela Mögele eine von drei Frauen. „Es ist einfach ein körperlich sehr fordernder Beruf“, stellt sie fest. Zu richtig schweren Verletzungen komme es jedoch nur ganz selten. „Aber blaue Flecken holen wir uns natürlich schon.“

          Das Meisterstück war „Der Soldat James Ryan“

          Stuntmen springen aber nicht nur als Double bei riskanten Szenen ein. Immer, wenn ein Schauspieler nah an eine Kante tritt, auf einem Dach oder an einer Klippe, sind im Hintergrund die Spezialisten am Werk. Die Stunt-Profis sichern die Darsteller ab, damit nichts passiert. Bei Bibi Blocksberg, zum Beispiel, oder den Wilden Kerlen. Jimi Blue und seine Jungs haben mit Angela und ihren Kollegen trainiert. „Bei den Dreharbeiten zu dem mystischen Fußballspiel haben wir sie so mit aufwendigen Seilsystemen gesichert, dass immer sechs gleichzeitig durch die Luft fliegen konnten.“

          Auch bei den Dreharbeiten zu Bully Herbigs Wicki-Film, der direkt nebenan auf dem Bavaria-Filmgelände entsteht, ist das Steinmeier-Team dabei. Wie die Actionszenen in einem Film aussehen sollen, das klären Regisseure und Produzenten mit einem Vertreter des Stuntteams, dem Stuntkoordinator. „Dafür braucht man Erfahrung“, sagt Mac Steinmeier. Er selbst hält schon seit 25 Jahren als Stuntman seine Knochen hin. Besonders viele gefährliche Szenen hatte er auf den Schlachtfeldern in dem Kriegsfilm „Soldat James Ryan“, einer amerikanischen Megaproduktion mit Tom Hanks. „Oft sind die kleinen unscheinbaren Body-Stunts viel gefährlicher als die spektakulär aussehenden Szenen, bei denen mit Animation gearbeitet wird“, sagt er.

          Der gefährlichste Job: Eine Treppe runterfallen

          „Eine Treppe runterzufallen ist einer der gefährlichsten und schmerzhaftesten Jobs überhaupt.“ Gar nicht ohne war für ihn auch die Verfilmung der magisch-düsteren Zauberlehrlingsgeschichte „Krabat“ von Otfried Preußler. Mac Steinmeier ist darin der Gevatter Tod. „Das war ganz schön schwierig, mit Maske und Kostüm auf einem Sechsspänner zu reiten!“ Ein einziges Mal in seiner langen Karriere hat sich der 45-Jährige wirklich schwer verletzt. „Bei einem Routinesprung von einem Turm habe ich mir die Schulter gebrochen - einmal kurz nicht aufgepasst, und schon ist es passiert.“

          Draufgänger haben in dem Job nichts verloren. Wer zu leichtsinnig ist, bringt sich und andere in Gefahr. „Stuntmen brauchen eine gesunde Selbsteinschätzung“, sagt Petra Keller von Action Concept. Die Film- und Stuntproduktionsfirma dreht für RTL Actionserien wie „Alarm für Cobra 11“ und bildet dafür eigene Leute aus. Wer hier was lernen will, muss 18 Jahre alt sein und sollte eine handwerkliche Ausbildung mitbringen.

          Schreiner oder Dachdecker zum Beispiel. „Unsere Leute sind Stunttechniker“, betont Keller. „Die bauen auch alles selber auf.“ Seiltechnik, Rampenkonstruktionen oder Autos für Crashs oder Explosionen präparieren - das alles gehört zum Beruf dazu. „Stunttechniker sind morgens um 5 Uhr als Erste am Set, um aufzubauen, und spätabends die Letzten, um alles wieder wegzuräumen“, sagt Petra Keller. „Das ist eine richtig harte Arbeit, der Körper muss da einiges aushalten.“

          Stuntprofis müssen Grenzen setzen

          Bei so vielen gefährlichen Sprüngen und Kämpfen: Haben Stuntmen denn eigentlich auch mal Angst? Angela Mögele lacht. „Erst vor kurzem war ich so ein bisschen toreromäßig im Einsatz.“ Eine Filmproduktion brauchte Bilder von einer Frau, die auf einer Wiese plötzlich von einem Stier verfolgt wird. „Ich sollte ihn möglichst nah an mich herankommen lassen.“

          Natürlich ist die Stuntfrau nicht einfach losgelaufen, mit dem Bullen auf den Fersen. Zweimal war sie vor dem Dreh im Stall, um ein Gefühl für das Tier zu bekommen. Auch Sicherheitsbarrieren waren auf der Wiese aufgebaut, hinter denen Angela im Ernstfall Schutz suchen konnte. Trotzdem war die Situation ungewöhnlich schwierig. „Wenn ich mich 15 Meter von einem Hausdach stürze, habe ich auch Respekt vor der Aufgabe“, sagt sie. „Aber ich weiß, dass ich das kann und dass ich mich auf mich verlassen kann.“ Die Kontrolle über sich selbst hat sie. Über den Stier nicht. In solchen Momenten müssen Stuntprofis Grenzen setzen. Auch wenn der Kameramann gerne noch tollere Bilder hätte. Für Angela ist die Sache klar: „Ich gehe nur Risiken ein, die ich im Griff habe.“

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